Die Konjunkturauguren sind verunsichert, laufend werden Schätzungen nach unten revidiert. Wie es mit der Schweizer Wirtschaft im neuen Jahr weitergehen wird, weiss niemand so genau. Umso wichtiger wird es, wie stets in solchen Situationen, wenigstens die richtigen Fragen zu stellen.

Wie sind wir in diesen Schlamassel geraten? Mit dieser Frage klären wir die Ausgangslage. Die Amerikaner feierten vor kurzem zehn Jahre Konjunkturaufschwung. Die Schweizer Volkswirtschaft hingegen trat bis 1997 an Ort, dann aber startete sie durch. Wir beschäftigen heute gut 150 000 Arbeitende mehr als damals, wir exportieren ein Fünftel mehr Waren, die Industrie produziert ein Viertel mehr Güter, die Banken hüten ein Fünftel mehr Gelder. Das alles verschwindet nicht einfach, und deshalb sind die Schweizer bisher weich gefallen – in vielen Bereichen erst mal auf die hohen Werte des Vorjahres.

Doch während dieser zehn Jahre heftigen Wachstums in den USA hatten sich wichtige Proportionen zu verschieben begonnen – die Investitionen in den Starbranchen der Kommunikation und Informationstechnik explodierten. Die Amerikaner kauften vier, fünf Prozent ihres Sozialprodukts mehr im Ausland ein, als sie lieferten. Diese 400 Milliarden Dollar Defizit deckten die Europäer und Japaner mit ebenso hohen Käufen auf den US-Wertpapiermärkten wieder zu. Deren Kurse schossen in die Höhe, bis zum 33fachen der Gewinne der 500 Aktien im Standard & Poor’s Index. Da entschloss sich der US-Notenbankchef, «die Bowle wegzunehmen, wenn es am schönsten ist», wie die Rede geht.

Seine Zinserhöhungen, deren Nachahmung in Europa und die Ernüchterung der Investoren liessen im Frühjahr 2000 die Börsen rückwärts laufen. Seither segeln die Volkswirtschaften der meisten Länder ohne grosse Einbrüche, aber stetig nach unten. Amerika trat im März 2001 in die Rezession ein, Deutschland diesen Spätsommer, die Schweiz scheint sich noch auf einem Wachstum von gut einem Prozent zu halten. Für 2002 gehen die Konjunkturforscher in der Schweiz von einem Wachstum zwischen 1,1 Prozent (OECD) bis 1,7 Prozent (KOF) aus.

Die Frage ist: Sind die Auguren für eine dem Weltmarkt ausgesetzte Schweiz nicht zu optimistisch? Männiglich fühlt sich an die Jahre 1993 und 1994 erinnert, als die Prognoseinstitute fast unisono den dramatischen Anstieg der Arbeitslosenzahlen in der Schweiz unterschätzt haben.

Die derzeitige Wachstumsschwäche hat zwei Eigenheiten: Sie ist weltweit gleichzeitig aufgetreten, was in dieser Deutlichkeit neu ist, und sie begann bei den Investitionen, nicht beim Konsum. Gerade wegen dieser zweiten Eigenheit fragen sich viele, wie wirksam die seit einem Jahr wieder grosszügige Geld- und Zinspolitik der Notenbank Amerikas sein kann. Denn wenn ein Unternehmer Maschinen hat, die er nicht laufen lassen kann, wird er keine neuen kaufen, auch wenn das Geld fast gratis ist.

Investitionen nehmen ab
In der schweizerischen Maschinenindustrie schlägt die weltweite Investitionsunlust Ende 2001 mit einer Abnahme der Aufträge um 17,4 Prozent zu Buche. Besonders getroffen werden die Ausrüster der Telekombranchen wie etwa die Ascom in Bern. Ihre für Schweizer Verhältnisse massiven Entlassungen lassen ahnen, dass die Firmen keine rasche Wende erwarten. Überall schieben die finanziell ausgebluteten Giganten den Einstieg in die UMTS-Generation der Mobiltelefone hinaus.

Doch leiden auch die Hersteller von Produktionsmaschinen für Kunststoffe, Kleider oder Nahrungsmittel bald einmal unter der Konsumflaute. Denn wenn weniger Kleider oder Geräte verkauft werden, lassen deren Produzenten alle Nachbestellungen neuer Maschinen sein. Fundamental allerdings sind die Chancen dieser Industrie für 2002 intakt, denn das Preisniveau ist tief. Die Preise für Investitionsgüter sind heuer gleich hoch wie 1993 und liegen für alle Exporte zusammen gar bei nur 94 Prozent. Der steigende Franken mag diese Preise nach aussen verteuern, doch verheissen Rauchzeichen der Nationalbank künftig wieder günstigere Kurse. Die Frage ist also berechtigt, ob die nunmehr kurz getakteten Bestell- und Lagerzyklen sowie die technischen Fortschritte bald der Maschinenindustrie die Kunden wieder zutreiben werden.

Dass die Exportpreise insgesamt nur noch bei 94 Prozent gegenüber 1993 liegen, hat vor allem mit der chemischen Industrie zu tun. Deren Exportpreise sind seit 1993 nämlich auf 77 Prozent gefallen. Da die Produktion aber in den letzten sechs Jahren um 70 Prozent anstieg, ist der Ausfuhrwert der Chemie dennoch um fast ein Drittel gewachsen.

Wird diese Schlagkraft trotz Sparmassnahmen im Gesundheitswesen, trotz dem Druck auf Patente in den Ländern des Südens erhalten bleiben? Schlagkräftig geworden ist die Basler Pharmaindustrie auch durch «Nordatlantisierung», wie Professor Christian Zeller, Lehrbeauftragter an der Uni Hamburg, dies nennt. Die Pharmaproduktion konzentriert sich auf Europa und Nordamerika, weil die Länder des Südens unzuverlässig scheinen, vor allem aber, weil die Produktion rund um Basel konzentriert und vereinfacht worden ist.

Sind weitere Rationalisierungen und Margenverbesserungen – Novartis erreicht schon 30 Prozent – noch möglich? Begünstigen Umgruppierungen die Arbeitsplätze im nahen Frankreich und Deutschland statt in Basel? Profitiert die bereits umstrukturierte Basler Industrie von den «Thronwirren», die deutsche und französische Firmen bei Ausgliederungen oder Fusionen erwarten? Oder signalisiert das Novartis-Paket an der Roche eine nächste Rationalisierungsetappe auch in Basel?

Im Tourismus sind solche Fragen leider nicht aktuell. Diese zersplitterte und teilweise überalterte Branche hat zwar weniger als erwartet gelitten. Denn im Herbst füllten die Schweizer Touristen ziemlich genau alle Betten, welche die Amerikaner und Japaner leer gelassen hatten. Ausserdem wuchs der Zuspruch aus China, Russland und den Golfstaaten stark an. Die Schweizer Destinationen kommen offenbar bei den neuen Reichen der globalen Weltmärkte gut an. Auch sind die Wintersportorte gut ausgebucht, allerdings eher im oberen Segment. Die Einstern- und Zweisternhotels sehen einen leichten Kundenschwund. Haben daher die 60 Prozent der Betriebe Recht, die einen Rückgang für die Wintersaison befürchten? Ist der leichte Pessimismus im engeren Gastgewerbe gerechtfertigt? Wird dieser Schwamm überzähliger Arbeitskräfte austrocknen, wenn die Gastwirte gemäss Umfrage ihren Personalbestand erstmals seit längerem nicht ausbauen wollen? Oder wird die Expo.02 Massen von Schweizern zu Ferien im Inland anhalten?

Kaufkraft steigt
Ähnlich wie der Tourismus hält der schweizerische Detailhandel den Atem an. Kompensieren die Kunden Auslandreisen mit Luxuskäufen? Bleibt die ausgebende Hand weiterhin lockerer als die Stimmung? Eine gemeinsame Stütze für 2002 finden der Binnentourismus, der Detailhandel, aber auch der Bau und die Finanzwirtschaft in den anstehenden Lohnerhöhungen. Denn ziemlich unbemerkt haben schon im vergangenen Jahr 2001 die Reallöhne doppelt so stark zugenommen wie im ganzen vorangehenden Jahrzehnt zusammen, nämlich um zwei Prozent. Ausserdem sind die Beschäftigtenzahlen noch bis in den Herbst um 1,7 Prozent angestiegen. Zusammen ergibt das fast vier Prozent mehr Kaufkraft.

Für 2002 sind in zahlreichen Firmen Lohndurchbrüche von drei Prozent und mehr errungen worden – im Verkauf, bei Banken, bei der Post und bei der Swisscom, in der Chemie, in verschiedenen Kantonen und Spitälern. Die Experten der Credit Suisse liegen mit ihrer Schätzung einer genereller Reallohnsteigerung um 1,3 Prozent eher tief. Ein neues Reallohnwunder ist auch 2002 möglich. Die Frage ist, ob diese Kaufkraft die Konjunktur gut ins neue Jahr hineinträgt. Oder ob der nationale Pessimismus eine Krisen- und Arbeitsplatzhysterie schürt, die das viele neue Geld nur auf Bankkonten führt? Wenn diese sich zu sehr füllen, geht es dem Rest der Wirtschaft schlecht.

Bessere Zinsmargen
Die Finanzwirtschaft hofft auf zarte Konjunkturblüten. Im Herbst fielen zwar die Kredite deutlich ab, und erst wenn sich die Industrie erholt, wird wohl im Inland wieder auf Kredit gebaut und investiert. Billiges Geld der Notenbanken verschafft hingegen bessere Zinsmargen, die Börsen beleben sich, neue Firmen lassen sich dort wieder einführen, die Vermögensverwaltung könnte zunehmen, die herrschende Unsicherheit belebt die Nachfrage nach Versicherungsleistungen. Aber die Boni werden diesen März für das verpfuschte Jahr 2001 markant tiefer ausfallen.

Treten die tiefen Zinsen und langsam wieder wachsenden Gewinne der Firmen eine neue Börsenkonjunktur los, die im Laufe des Jahres 2002 die Bankeinnahmen und die privaten Papiervermögen hochtreibt und auch den Konsum stützt? Gilt für die Schweiz die amerikanische Faustregel, dass vier Prozent der Papiergewinne sofort im Konsum verausgabt werden?

Die Hypothekenvergabe stagnierte seit letztem Sommer, und dies zeigt die beunruhigenden Schatten auf dem Bau. Wohnungen wurden zwar noch leicht mehr gebaut, aber am falschen Ort. Denn in den grossen Agglomerationen mit ihrer neuen Wohnungsnot fielen die Neubauten um zweistellige Raten, während in der Peripherie gebaut wurde. Nur die Wohnungen, die noch im Bau sind, finden sich eher in Agglomerationen. Aber wehe, die Bewilligungen künftiger Bauten fielen um zwölf Prozent in allen Gemeinden zusammen, und wiederum am stärksten in Zürich, Basel und Genf.

Früher ging der Baumeisterverband von der Faustregel aus, dass ein Prozent mehr Reallohn die Nachfrage nach Wohnungen um über 30 000 Einheiten ansteigen lässt. Will nach dem Immobiliencrash der Neunzigerjahre niemand mehr bauen? Hemmt der Mieterschutz die Baufreude? Dauert die Rückkoppelung zwischen Nachfrage und Bauentschluss einfach länger? Im letzteren Fall müsste der Bau dereinst deutlich anziehen.

Sehr viel sensibler reagiert die Druckindustrie, der es schon seit dem Zusammenbruch der sensationellen Inseratekonjunktur 1999/ 2000 schlechter geht und die diesmal sogar als vorlaufender Indikator der Flaute gelten muss. Alles fiel zusammen, die Inserate, die Gewinne, die Auslastung, die Beschäftigtenzahl. Trotzdem melden die Druckfirmen immer noch zu grosse Belegschaften. Dies geht auch aus der KOF-ETH-Umfrage (Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich) der ganzen Industrie hervor – über 30 Prozent der Firmen planten im Herbst schon einen Beschäftigungsabbau. Nur ein Zehntel will ausbauen. Dies wird im Manpower-Index bestätigt, der seit Monaten weniger Stelleninserate anzeigt.

Die für 2002 erwartete Arbeitslosenrate von 2,2 Prozent rührt viel direkter aus diesen wegfallenden Stellenangeboten der Wirtschaft her als aus tatsächlichen Entlassungen. Denn die arbeitswillige Bevölkerung wächst laufend an – und ohne neue Stellen meldet sie sich als arbeitslos.

Ein weiterer Trend drückt die Schweizer Wirtschaft, nämlich die in den meisten öffentlichen Budgets weiterlaufenden Einsparungen: Grosse Kantone wie Waadt, Bern, Basel und Zürich stehen auf der Bremse, und die Milliarden für die Swissair bezahlen Flugbenzin und Flugplatzgebühren in aller Welt. Der Bund wie der Kanton Zürich haben damit den Spielraum für ankurbelnde Massnahmen ihres Budgets schon verspielt.

Konjunkturschwäche von aussen
Gegen den langfristigen schweizerischen und internationalen Trend fällt neuerdings die Beschäftigung im öffentlichen Sektor, nämlich um über drei Prozent. Hier scheinen Sparmassnahmen zu greifen, was konjunkturell nicht zeitgemäss ist. Der Staat hat sich seit 1989 immer prozyklisch verhalten: Am Ende der Prosperität der Achtzigerjahre hat er alle Budgets ins Minus geritten, um dann in der Krise mit dem Sparen zu beginnen.

Diesmal hat die Offenheit der schweizerischen Volkswirtschaft die Konjunkturschwäche von aussen importiert. Kann man hoffen, auch der Aufschwung werde von den konjunkturgerechter handelnden USA wieder angestossen? Die Zeichen dafür stehen nicht schlecht. Europa liegt allerdings näher und wird sich noch eine Weile mit den Folgen der Abschwächung herumschlagen. Die Arbeitsmärkte sind rasch abgesunken, die Budgets sind ebenfalls unter Spardruck, die Notenbankzinsen allzu lange hoch geblieben. Sorge muss einem Deutschland machen, dessen Konjunktur vor allem im Innern abgesackt ist.

Soll man auf Zusatzausgaben der Schröder-Regierung im Wahljahr 2002 hoffen, gerade so wie auch in Frankreich aus den gleichen Gründen? Wenn aber dann der Euro absackt, weil die international wendigen Investoren den späteren Inflationsraten und Zinsen in Euro-Land misstrauen, wird dann der Effekt für die Schweiz null bleiben?

Offene Fragen, die aber Unternehmer, Kaderleute und Angestellte auf ihre eigene kleine Volkswirtschaft hinunterbrechen können. Und sie sollen sich dabei ausmalen, dass sich die Partner, die Konkurrenten, die Kunden in den anderen Branchen ihrerseits die gleichen Fragen stellen. Deren Verhalten ergibt dann zusammen die Konjunktur, also die Antwort. Mit guten Löhnen und ohne Konsumstreik besteht aber die Hoffnung, dass die Schweiz bei dieser Rezession mit einem blauen Auge davon kommen wird.