Sonova-Chef Lukas Braunschweiler macht Milliardäre noch reicher. Der Schweizer Hörgerätehersteller zahlt der holländischen Reederdynastie van der Vorm und ihrer Investmentgesellschaft HAL (siehe Randspalte) 830 Millionen Euro für den hollän­dischen Akustik-Retailer AudioNova. Durch den Deal wird Braunschweilers Sonova zum grössten Detailhändler für Hörgeräte in Europa.

Die Schweizer übernehmen rund 1300 Filialen. Insbesondere in Deutschland, dem weltweit zweitgrössten Hörgerätemarkt nach den USA, wird Sonova damit zu einem gewichtigen Player. Mit der Übernahme ist Sonova mit nunmehr 700 Filialen in Deutschland nicht nur gleichauf mit dem deutschen Marktführer Kind, sondern überholt mit Hunderten weiteren Standorten in Europa auch den Weltmarktführer Amplifon auf dem alten Kontinent.

Urteil des Kartellamts steht aus

Grosse Ketten wie Kind, Geers (vormals zu AudioNova gehörend, jetzt zu Sonova) und die Optikerkette Fielmann vereinen rund 30 Prozent des deutschen Marktes auf sich. Sonova war hier mit bisher 140 Läden noch vergleichsweise klein.

Allerdings müssen die Kartellbehörden dem Deal noch zustimmen. Bis Redaktionsschluss war die Übernahme noch nicht zur Fusionskontrolle beim Bundeskartellamt angemeldet, wie Sprecher Kay Weidner bestätigt.

Anzeige

Keine Sorgenfalten wegen Holland

In den Niederlanden – und in Polen, wo Sonova mit der Übernahme neu einsteigt – rechnet Sonova-Chef Lukas Braunschweiler mit keinen Schwierigkeiten. In Deutschland hingegen dürfte er mit Spannung auf das Urteil der Wettbewerbshüter warten. Denn das Bundeskartellamt machte Sonova schon einmal einen Strich durch die Rechnung – «wegen marktbeherrschender Stellung».

Das war 2007. Damals wollte das noch Phonak heissende Unternehmen den dänischen Hersteller GN Resound übernehmen. Der Entscheid wurde damals vom Oberlandesgericht bestätigt und erst in einem weiteren Schritt vom Bundesgericht aufgehoben. Dennoch liess Sonova die Finger davon.

Vor zehn Jahren gab es ein Nein

Den deutschen Kartellwächtern war vor zehn Jahren ein Marktanteil der Schweizer von bis zu 10 Prozent zu viel. Mitentscheidend war dabei, dass ein Oligopol entstanden wäre. Sonova wäre nicht nur weiterhin Lieferant der Konkurrenz gewesen, sondern auch Zulieferer für zugekaufte Standorte. Und das neben bereits bestehenden grossen Anbietern.

Die Situation heute ist mit jener von damals vergleichbar. Nach der ­aktuellen Übernahme kommt Sonova in Deutschland auf einen Marktanteil von rund 14 Prozent. Für die Kartellwächter hängt viel davon ab, ob der noch höhere Marktanteil als im Jahr 2007 diesmal erst recht zu einem Oligopol führen würde. Zumal Sonova im letzten Jahr bereits die deutsche Hörgerätemarke Hansaton gekauft hat. Diese Übernahme stellte für die Behörden 2015 kein Problem dar, allerdings ging es dabei um den Grosshandel und nicht um den Detailhandel wie jetzt im Fall von AudioNova.

Optimistischer Chef

So­nova-Chef Braunschweiler rechnet mit einem Ja der Kartellwächter – und das flott. «Wir haben eine gute Chance auf eine positive und rasche Beurteilung.» Rasch heisst, dass der Deal innert Monatsfrist formlos durchgehen könnte, wenn sich die Übernahme aus Sicht der Behörde als unproblematisch erweist.

Anzeige

Mit einer vertieften Prüfung rechnet Braunschweiler nicht. «Auch wenn wir in einzelnen Städten Fälle haben werden, wo wir Standorte allenfalls überprüfen müssen.» In der Branche geht man von einem guten Dutzend Standorte aus, die Sonova losschlagen müsste.

Sorge um zu grosse Marktmacht

Der Prüfung sieht Braunschweiler gelassen entgegen: «Selbst wenn die Anzahl der Filialen von Sonova nun auf 700 in Deutschland anwächst, kann man absolut nicht von marktbeherrschender Stellung sprechen.» Denn in Deutschland gebe es insgesamt mehr als 5000 Audiologie-Shops – und der Markt sei stark fragmentiert. Aus Braunschweilers Sicht sind Befürchtungen vor einer zu grossen Marktmacht übertrieben.

Doch gerade weil Sonova zu einem der mächtigsten Hersteller und Händler Europas und insbesondere Deutschlands werden könnte, fürchten unabhängige Lieferanten die neue Power des Schweizer Konzerns. Wenn Sonova nicht nur Herstellung, sondern auch Verkauf und Detailhandel dominiert, kann der Hersteller sein Filialnetz mit eigenen Produkten beliefern und bisherige Lieferanten mit tieferen Preisen unter Druck setzen.

Anzeige

Kampfansage an die Konkurrenz

Derzeit liegt der Anteil von Sonova-Produkten in AudioNova-Filialen bei rund 25 Prozent. «Der Anteil eigener Produkte wird sich nach dem Vollzug der Transaktion aber signifikant erhöhen», kündigt Braunschweiler an. Das klingt wie eine Kampfansage an die Konkurrenz – und es ist eine.