Und wieder wagt ein Schweizer Startup den Gang an die Börse. Und wieder hat Zürich das Nachsehen. Nach den drei Biotechs NLS Pharmaceutics, Gain Therapeutics und Vectivbio Anfang Jahr hat nun auch Sophia Genetics, eines der vielversprechendsten Schweizer Startups überhaupt, der New Yorker Technologiebörse Nasdaq gegenüber der Schweizer SIX den Vorzug gegeben.

Der New Yorker Börsengang ist kein Grund, Trübsal zu blasen

Schade, mag da mach einer denken, der es ungern sieht, wenn ein Unternehmen mit womöglich glänzender Zukunft seiner Heimat, zumindest zum Teil, den Rücken zukehrt. Doch das ist provinziell. Firmen vom Schlag einer Sophia Genetics sollen den für sie besten Weg wählen, um zum Erfolg zu kommen. Heimatgefühle sind da fehl am Platz. Zumal die Firmen ohnehin ein globales Set-up brauchen, um erfolgreich agieren zu können. Nicht ohne Grund hat das Unternehmen aus der Waadt schon jetzt einen bedeutenden Fussabdruck in Boston, dem Biotech-Mekka schlechthin.

Der New Yorker Börsengang ist kein Grund, Trübsal zu blasen. Im Gegenteil: Dass ein Unternehmen wie Sophia Genetics überhaupt aus der Schweiz kommt, ist grossartig. «Die Weise» vom Genfersee spielt nämlich ganz vorne mit, wenn es darum geht, die Behandlungsmöglichkeiten der Medizin mit künstlicher Intelligenz zu verbessern. 750 Spitäler, Laboratorien und Unternehmen hat Gründer und Chef Jurgi Camblong weltweit bereits unter Vertrag. 3000 kommen für eine Zusammenarbeit in Frage.

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Wer bei Big Data in der Medizin mithalten will, der muss gross denken; zumal sich auf diesem Spielfeld noch ganz andere Kaliber tummeln, zum Beispiel Google. Und das geht im Umfeld einer Nasdaq mit hoch spezialisierten Analysten und finanzkräftigen und risikohungrigen Investoren nun einmal besser als im kleinen Zürich.

Das heisst nicht, dass sich die Schweiz zurücklehnen soll, wenn es um die Finanzierung von Startups geht. Gewiss, Schweizer Biotech-Unternehmen konnten im vergangenen Jahr 3,4 Milliarden Franken aufnehmen – so viel wie nie. Doch die Finanzierung ist und bleibt die Achillesferse des Biotech-Standorts Schweiz.

Die Finanzierung ist die Achillesferse des Biotech-Standorts Schweiz

Die Schweiz, insbesondere die Nordwestschweiz, verfügt inzwischen über ein hoch entwickeltes Biotech-Ökosystem mit grossen Konzernen, Headquarters ausländischer Unternehmen, universitären Spitzenadressen wie dem Basler Biozentrum und den beiden ETH sowie Hunderten von Forschungsgruppen. Bei der Finanzierung aber stossen Biotechs noch immer zu schnell an Grenzen.

«Etwas mehr Risikoappetit wäre der Schweiz zu wünschen.»

Seraina Gross, Redaktorin «Handelszeitung»

Andere Staaten, allen voran die USA, greifen tief in die Kassen, um ihrer Biotech-Industrie auf die Sprünge zu helfen. Das wird in der Schweiz politisch kaum zu machen sein. Und das ist womöglich auch gar nicht nötig.

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Denn das Geld ist da, zum Beispiel bei den Pensionskassen. Es muss nur mobilisiert werden. Etwas mehr Risikoappetit wäre der Schweiz zu wünschen. Dann steigen auch die Chancen, dass die nächste Sophia Genetics nicht mehr in New York, sondern in Zürich an die Börse geht.

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