Für den Schweizer Tourismus gehören die oftmals kaufkräftigen Gäste aus Russland zu den wichtigsten überhaupt. Doch in diesem Jahr bleiben sie der Schweiz fern. Von Januar bis September verzeichnete das Bundesamt für Statistik 7,3 Prozent weniger Übernachtungen russischer Gäste als im Vorjahreszeitraum. Buchten russische Touristen in den ersten neun Monaten 2013 noch rund 463'400 Logiernächte, sind es in diesem Jahr bislang nur 429'800.

Damit endet – zumindest vorläufig – eine Erfolgsstory des Schweizer Tourismus. Der Einbruch in diesem Jahr ist weitaus höher als in der Finanzkrise 2009, von der Russland heftig getroffen wurde. Noch deutlicher wird der Trendbruch beim Blick auf die Zahl der russischen Gäste (siehe Grafik unten). Denn die Besucherzahlen aus Russland kannten in der vergangenen Dekade eigentlich immer nur einen Weg: nach oben. So hat sich die Zahl der Logiernächte von 2005 bis 2013 mehr als verdoppelt, jene der Gäste gar verdreifacht.

Zehn Prozent weniger Wintertouristen aus Russland

Für die anstehende Wintersaison sieht es ebenfalls düster aus: Hotelbetreiber erwarten, dass die Gäste aus Russland auch in den kommenden Monaten ausbleiben. Aufs Jahr hochgerechnet sollen bis zu zehn Prozent weniger russische Touristen in die Schweiz kommen, sagt Alain Suter, Sprecher des Verbands Schweiz Tourismus.

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Für den Einbruch gibt es einige Gründe: Die russische Mittelschicht trifft zunächst der schwache Rubel, der Reisen ins Ausland verteuert. Die Währung hat seit Jahresbeginn zum Franken knapp ein Drittel an Wert verloren. Da bleiben viele Russen lieber daheim.

Russlands Regierung wirbt für Reisen im eigenen Land

Verstärkt wird der Trend zu Ferien in der Heimat durch den Appell der Regierung, angesichts des derzeitigen Konflikts mit dem Westen mehr im eigenen Land Urlaub zu machen. «Der Aufruf findet im Nationalstolz vieler Russen einen guten Nährboden», heisst es vonseiten Schweiz Tourismus.

Trifft die Prognose des Verbands ein, muss sich der Schweizer Wintertourismus in der anstehenden Saison von November bis April auf über 30'000 Übernachtungen weniger einstellen als im vergangenen Jahr. Das russische Klientel war 2013/14 verantwortlich für 318'149 Übernachtungen in der gesamten Schweiz. Am häufigsten wurde im Wallis (61'100) und in Graubünden (56'500) übernachtet.

Loch im Januar

Vor allem der Januar dürfte hart werden: Weil die russisch-orthodoxe Kirche am 7. Januar Weihnachten und am 14. Januar Neujahr feiert, zieht es normalerweise zu Jahresbeginn viele russische Touristen zum Skifahren und Einkaufen in die Schweiz. Im Januar 2014 waren die Russen denn auch die drittgrösste Touristengruppe hinter Briten und Deutschen.

Ungebrochen scheint der Boom allenfalls in jenen Regionen, die sich auf superreiche Russen spezialisiert haben. «Wir gehen davon aus, dass Reiseziele, die von kaufkräftigen russischen Gästen – beispielsweise St. Moritz – bevorzugt ausgewählt werden, weniger vom Rückgang betroffen sind als jene, die zuvor von der wachsenden Mittelschicht besucht wurden», sagt Suter.

Auch St. Moritz spürt den Rückgang

Doch auch in St. Moritz macht man sich auf weniger Gäste aus Russland gefasst. Nach dem Rückgang der Logiernächte in den grösseren Städten rechnet die Tourismusorganisation Engadin St. Moritz auch für den Nobelort mit weniger Gästen. «Die russischen Gäste bilden im Winter vier Prozent des Gästeportfolios», so Kommunikationschef Roberto Rivola.

Hoffnungsfroh gibt man sich im Wallis: «Wir in Zermatt gehen für den Winter davon aus, dass es – wenn überhaupt – nur eine kleine Abnahme der Logiernächte geben könnte», sagt Edith Zweifel von Zermatt Tourismus. Die Vorbuchungen stünden jedenfalls wie im Vorjahr.

Russen bleiben auch in Zukunft weg

Doch der Pessimismus überwiegt – auch mit Blick auf die kommenden Jahre: So rechnet Schweiz Tourismus vorerst nicht mit einer Rückkehr der russischen Gästezahlen auf das frühere Rekordniveau. Ob die Russen abermals die Schweiz als Reisedestination entdecken, werde sich erst in den kommenden Jahren zeigen, «falls der Rubel sich eindeutig erholt», sagt Suter.

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