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Technologie
Uberisierung: Kommen nun die Privatjets an die Reihe?

Bisher ist die Privatfliegerei eine exklusive Branche für die Reichen. Nun wollen Charter-Anbieter mit den Möglichkeiten von Smartphone und Internet den Markt aufmischen und neue Kunden finden.

Von Gabriel Knupfer
am 09.07.2015

Mit Apps und Vermittlungsportalen im Internet wollen Charter-Anbieter den milliardenschweren Markt privater Flugreisen aufmischen. Erst im März lancierte beispielsweise die britische Firma Victor eine App, die einen umfassenden Service verspricht. «Bei uns können sie mit wenigen Klicks einen Flug auswählen und buchen», sagt Chief Operating Officer Steffen Fries gegenüber handelszeitung.ch. «Innerhalb von 20 Sekunden erhalten Sie ein unverbindliches Angebot, das genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist.» Erreicht die Uberisierung mit solchen Ideen nun auch die exklusive Privatjet-Branche?

Zugegeben, auf den ersten Blick haben das Taxi-Geschäft und die Privatfliegerei nicht viele Gemeinsamkeiten. Durch neue Technologien aber könnte der Markt vor ähnlichen Umwälzungen stehen, wie es im Moment auch die Taxibranche mit Uber oder die Hotellerie mit Airbnb erleben. Denn bisher war die Zusammenführung von Kunden und Flugzeugen eine komplizierte Sache. Eine Vereinfachung der Prozeduren bietet deshalb enormes Wachstumspotenzial.

Fragmentierter Markt

Wer einen Privatjet buchen wollte, war lange Zeit auf eine der zahlreichen kleinen Vermittlerfirmen angewiesen, die typischerweise die Flugzeuge von einigen wenigen Besitzern weitervermieten. Nach Schätzungen des amerikanischen Wirtschaftsmagazins «Forbes» gehören 90 Prozent der Privatjet-Flotten nämlich nicht der Firma, die sie anbietet, sondern Privatpersonen und Unternehmen, die ihre Flugzeuge vermieten, wenn sie die Maschinen selbst gerade nicht brauchen.

Für die Anreise zum Abendessen in Cannes oder zum Meeting in New York waren oft viele Telefonate nötig, bis ein passendes Flugzeug gefunden und der Vertrag unterschrieben werden konnte. Planänderungen oder Sonderwünsche brauchten das «ok» von Besitzern und Vermittlungsfirmen. Und wenn der Kunde endlich im Flieger sass, konnte er sich nie wirklich sicher sein, dass er beim Preis nicht über den Tisch gezogen worden war.

«Wir schaffen Transparenz»

«Wenn Sie über einen herkömmlichen Operator oder Broker buchen, haben sie preislich null Vergleichsmöglichkeiten», sagt Steffen Fries von Victor. «Wir dagegen haben Zugriff auf 7000 Flugzeuge und ermöglichen so eine echte Auswahl.» Anstatt mit Uber vergleicht Fries seine Firma lieber mit dem Onlinehändler Amazon oder der Reisesuchmaschine Kayak. «Wir schaffen Transparenz in einem undurchsichtigen Markt.»

Denn die Preisdifferenzen sind in diesem Geschäft gewaltig. Zwar sind Privatflüge immer sehr teuer. Trotzdem macht es selbst für sehr reiche Kunden einen ziemlichen Unterschied, ob sie für den genau gleichen Flug von New York nach Los Angeles 30'000 Dollar oder 60'000 Dollar bezahlen.

Teure Leerflüge

Besonders teuer wird es immer dann, wenn Leerflüge (sogenannte «Empty Legs») nötig werden. Diese machen laut «Forbes» 30 bis 40 Prozent aller Flüge aus. Der Kunde zahlt dann nicht nur seinen Flug, sondern auch für die Rückkehr von Flugzeug und Crew in den Heimatflughafen. «Welches Flugzeug an welchem Ort ist, ändert sich stündlich und hat einen grossen Einfluss auf den Preis», bestätigt Fries.

Doch wie genau stimmen die Angaben bei Victor? «Der echte Preis kann etwa fünf Prozent über oder unter der unverbindlichen Preisangabe liegen», sagt Fries. Der Preis, der nach 20 Sekunden auf dem Handy aufleuchtet, berechnet sich aus den bisherigen Preisen des Betreibers sowie der gegenwärtigen Position des Flugzeugs und stimmt sehr genau mit dem tatsächlich zu bezahlenden Preis überein, für den auch die Verfügbarkeit der Crew sowie der echte Flugplan überprüft werden, ist man bei Victor überzeugt.

Umsatz fast verdreifacht

Bei allen Vorteilen, welche die neuen Technologien bieten, bleibt der direkte Kontakt in der Privatfliegerei aber auch heute ein wichtiger Faktor. «Gerade gestern hat sich ein Kunde über die App einen Flug für 128’000 Dollar zusammengestellt», berichtet Fries, «doch nun gibt es natürlich noch viele Details zu klären, weshalb wir in ständigem Kontakt stehen». Die App sei deshalb nur ein zusätzliches Instrument für die Kunden und ersetze keineswegs den restlichen Service per Telefon und E-Mail.

Bisher scheint das Modell von Victor zu funktionieren. Die Webseite hat inzwischen mehr als 23'000 registrierte Member, von denen nach Schätzung von Steffen Fries gut 20 Prozent tatsächlich privat fliegen. Nach eigenen Angaben ist Victor zur Zeit der Jet-Service mit den grössten Wachstumsraten. Der Umsatz und die verkauften Flüge hätten sich innert Jahresfrist beinahe verdreifacht, so Fries. Und dies noch bevor die im März lancierte App richtig Fahrt aufnehmen konnte.

Privatflugzeug statt Business Class

Und auch für die Zukunft sieht Fries noch Potenzial. Viele Firmen könnten verstärkt auf gecharterte Privatflugzeuge setzen, glaubt der Victor-Manager. «Bei einem reinen Preisvergleich wird ein Privatflugzeug zwar auch in Zukunft nicht gewinnen», so Fries. Doch für Topmanager sei Zeit oft wertvoller als Geld. «Es wäre aus Unternehmenssicht die falsche Entscheidung, einen UBS-Verwaltungsrat in New York übernachten zu lassen, um 30'000 Dollar zu sparen.»

Bis die Privatfliegerei die Business- oder First-Class auf Linienflügen ablöst, ist es aber noch ein weiter Weg. Zur Zeit mache der Unternehmensbereich höchstens die Hälfte des Umsatzes von Victor aus, schätzt Fries. «Und auch unser Auftritt und unsere Sprache sind auf der Webseite noch nicht wirklich auf Corporate getrimmt.» Das Potenzial der Geschäftsfliegerei sei aber sicherlich viel grösser als im Luxus- und Urlaubsbereich. Vor dem Aufkommen von Vergleichsportalen hätten vor allem Geschäftskunden die Angebote von zahlreichen Vermittlungsdiensten studieren müssen.

Zahlbare Empty Legs im Internet

Obwohl neben Victor etliche weitere Privatjet-Charter-Portale wie Charterscanner, Private Fly, Ubair und Aviation Broker um Kunden buhlen, gibt es bisher keinen massiven Preisdruck nach unten. Für die Besitzer der millionenteuren und wartungsintensiven Maschinen würde sich die Vermietung zu Discountpreisen nicht lohnen.

Ganz den Superreichen und Topmanagern überlassen bleibt die Privatfliegerei aber trotzdem nicht. Viele Portale bieten die erwähnten Empty Legs inzwischen auch im Internet an. Mit ein bisschen Glück lassen sich hier auf frequentierten Strecken durchaus zahlbare Angebote finden. Am nächsten Samstag könnten Sie beispielsweise für gut 8000 Pfund und mit bis zu elf Freunden von Genua nach London fliegen.

Selbstverständlich sei die Flexibilität bei diesen Leerflügen nicht die selbe, wie bei einem «echten» Privatflug, räumt Fries ein. Trotzdem habe man bei Victor im Juni immerhin zwölf Empty Legs verkaufen können. «Das ist zwar kein Hauptgeschäft, doch es gibt immer wieder Leute, die sich dieses Erlebnis gönnen wollen.»

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