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Urs Hölzle: Der Suchmaschinist

Googles Technikchef Hölzle: «Unsere Datencenter sind schön.»

Der Schweizer Ingenieur ist bei Google für die technische Infrastruktur verantwortlich. Ohne ihn läuft beim Internetriesen nichts.

Von Jorgos Brouzos
am 09.01.2013

Seit ein paar Jahren besucht er Zürich kaum noch. Er werde hier nicht mehr gebraucht, sagt Urs Hölzle. Der Standort sei erwachsen geworden. «Zürich ist zum Mutterschiff geworden», sagt der Google-Top-Manager. Sein Schweizerdeutsch ist leicht amerikanisch gefärbt.

Den Standort in der Schweiz kennt man inzwischen auch am Google-Hauptsitz in Mountain View, 61 Kilometer südöstlich von San Francisco. Eine Zeit lang hing dort gar ein Schild mit der Aufschrift: «Zurich – the real Mountain View». Von Zürich aus sehe man ja im Gegensatz zu den Büros in Kalifornien die Berge wirklich, erzählt Hölzle lachend.

Der 48-Jährige, der bei Google zu den zehn wichtigsten Entscheidungsträgern gehört, wuchs in Liestal auf. In den 1980er-Jahren studierte er Computerwissenschaften an der ETH Zürich und doktorierte später an der amerikanischen Eliteuniversität Stanford. Dort lernte er die Gründer Larry ­Page und Sergey Brin kennen. Als ­einer der ersten zehn Mitarbeiter stiess Hölzle so 1999 zu Google. Er wurde zum Verantwortlichen für die technische Infrastruktur.

Inzwischen arbeiten mehr als 50'000 Menschen beim Internetgiganten, welcher einen Gewinn von 10 Milliarden Dollar schreibt und an der Börse 240 Milliarden wert ist. Hölzle prägte diese Entwicklung entscheidend mit.

Obwohl er nur noch selten auf dem Zürcher Hürlimann-Areal ist, wird Hölzle in Zürich gern gesehen. Die jungen Mit­arbeiter grüssen den umgänglichen Veteranen in den locker gestalteten Räumen freundlich. Schliesslich haben sie ihre gut bezahlten Jobs, die ihnen viel Freiheit lassen, vor allem dem Schweizer zu verdanken. Zürich wuchs dank ihm zum grössten Entwicklungsstandort von Google ausserhalb der Vereinigten Staaten heran. Der Technikmann spielte eine entscheidende Rolle, als es 2004 darum ging, das Unternehmen in Zürich anzusiedeln. Heute arbeiten über 800 Entwickler auf dem Areal nahe beim Stadtzentrum. Ein Ausbau ist geplant. Das Unternehmen ist ein Aushängeschild für den Standort Schweiz.

Herr Hölzle, in der Schweiz träumen viele schon von einem Silicon Valley in Zürich. Eine Illusion?

Urs Hölzle: Nein, das hat eine Chance.

Aber es braucht Zeit?
Genau. Man muss unsere Entwicklung in Zürich anschauen. Wir hatten ­wesentlich bescheidenere Ziele und sind nicht mit der Absicht nach Zürich gekommen, irgendwann über 800 Leute zu beschäftigen. Das erste Büro bot gerade einmal 32 Leuten Platz.

Welche Vorteile hat der Zürcher Standort für Google?
Für die Mitarbeiter ist die hohe ­Lebensqualität in Zürich attraktiv. Und ­daneben sind die Löhne hoch. Das ist ein Vorteil. Es macht es einfacher, gute Leute anzulocken. Denn gute Leute findet man nicht an einem bestimmten Ort. Dafür braucht es eine besondere Dynamik, und die hat man nur im Silicon Valley gesehen. Es lassen sich aber Bedingungen schaffen, um sich diesem Vorbild anzunähern.

Welche sind das?
Eine offene Politik, um Hochqua­lifizierte aus dem Ausland nach Zürich ­holen zu können. In Australien beispielsweise kommt es nicht auf die Nationalität an, sondern auf die Qualifikation.

In der Schweiz spielt die Nationalität eine Rolle. Ist auch Google vom Fachkräfte­mangel betroffen?
Der Informatikermangel ist eine Realität. Jeder will die attraktivsten Arbeitnehmer.

Für einen Musterarbeitgeber wie Google sollte es aber einfacher sein, gute Leute ­anzuziehen?
Glücklicherweise! Als attraktiver Arbeitgeber ist es einfacher. Der Unterschied zwischen dem Bedarf und dem ­Angebot ist dennoch riesig.

Hölzle lehnt sich nun zurück und denkt nach. Eine Ursache für den Informatikermangel sei, dass viele Junge nicht wüssten, wie toll der Beruf eigentlich sei, sagt er dann. Es gehe darum, technische Herausforderungen zu meistern. «Das motiviert viele Leute bei Google und das gilt auch für mich», erklärt er.

Bei Google bleibt die Technik meist im Hintergrund, werde deshalb oft nicht wahrgenommen, sagt Hölzle. Um das zu ändern, öffnete das Unternehmen kürzlich der Fotografin Connie Zhou die Tür zu ihren Rechenzentren. Der Blick in das ­Allerheiligste des Unternehmens sorgte für Furore. Die Bilder gingen um die Welt. «Wir wussten, dass es schön ist», sagt Hölzle. Vielleicht war man auch etwas zu begeistert. Viele der Bilder stellten sich später als manipuliert heraus. Der Schönheit wegen, wie die Fotografin erklärte, nachdem die Nachricht für schlechte Schlagzeilen gesorgt hatte.

Stromsparen im grossen Stil

Top-Manager und Technikfreak Hölze lässt sich davon nicht beirren. Im sozialen Netzwerk Google+ gibt er als sein Motto an: «Mein anderer Computer ist ein Datencenter.» Für ihn sind sie nicht nur wegen der Ästhetik eine faszinierende Welt, sondern weil sie so viel ermöglichen. «Jeder kann dank Cloud Computing Dienstleistungen anbieten, die für jeden zugänglich sind», schwärmt Hölzle. Besonders wichtig ist ihm aber, dass Rechnenzentren Energie sparen. Googles Datencenter verbrauchen gemäss Hölzle bloss halb so viel Strom wie klassische Anlagen. Zudem stammten 30 Prozent des gesamten Stromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen. Ein Rechenzentrum in Finnland wird etwa mit Meerwasser gekühlt. Nach eigenen Angaben ist Google der erste klima­neutrale Konzern der Branche.

Zu viele Firmen hätten heute eigene Mail-Server, ärgert sich Hölzle. Dabei stünden diese die meiste Zeit bloss herrum und verbrauchten Energie. Google ist da im Vorteil. «Wenn man Tausende von Rechnern hat, dann lohnt es sich, auch kleine Probleme anzuschauen und zu optimieren», sagt Hölzle. «Bei einer kleinen Anlage macht das nicht viel aus, bei uns aber schon», sagt der Schweizer. Der Stromverbrauch der Datenzentren des Konzerns liegt bei 260 Millionen Watt. Das entspricht ungefähr der Energie, die ein Flugzeugträger verbraucht.

Hohe Verlässlichkeit

Grosse Rechenzentren haben für Hölzle einen weiteren wichtigen Vorteil. Die Sicherheit sei grösser. «Wir können einen hohen Aufwand betreiben, um unsere Leistungen zu schützen», so Hölzle. Hunderte Sicherheitsexperten würden bei Google nach dem Rechten schauen. Das können sich Kleine kaum leisten. Bei ­allem Aufwand lassen sich aber Pannen nicht vermeiden. So kam es kürzlich beim E-Mail-Dienst Gmail zu einem Ausfall.

Herr Hölzle, was dachten Sie, als Sie ­davon hörten?
Es ist wie beim Fussball. Als Goalie ist man auch nur selten der Held, aber schnell der Verlierer. Meine Philosophie bei Fehlern ist: Man soll sich nicht auf die Fehler konzentrieren, sondern diese lösen. So haben wir nur 18 Minuten gebraucht, um zu reagieren. Das ist ein sehr guter Wert. Zudem soll der Fehler nicht zweimal vorkommen. Beides haben wir erreicht.

Wie verlässlich ist Google?
Fluggesellschaften haben einen hohen Anspruch an ihre Verlässlichkeit. Er liegt bei 99,99999 Prozent. Was für eine Fluggesellschaft existenziell ist, geht für uns nicht, da wir Gmail täglich verbessern und verändern. Das birgt ein gewisses ­Risiko. Unser Ziel für die Verfügbarkeit liegt gegenwärtig bei 99,995 Prozent. Das ist ein sehr guter Wert und wir arbeiten täglich daran, ihn noch zu verbessern.

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