Sie sind Entwicklungsleiter bei Google Earth VR, der Übertragung von Google Earth für Virtual-Reality-Brillen. Wie kam es dazu?
Dominik Käser*: Als ich noch bei Google Earth arbeitete, brachte jemand ein VR-Headset mit auf den Campus. Ich probierte es aus und dachte: «Wow, das ist genau das, was wir bei Google Earth brauchen.» Ich programmierte einige Demos und durfte dann ein Team aufbauen, mit dem wir die App entwickelt haben.

Was war die grösste technische Herausforderung bei dieser Arbeit?
VR benötigt enorme Rechenleistung. Damit das Erlebnis funktioniert, muss der Computer konsistent 90 Bilder pro Sekunde berechnen. Und jedes Bild besteht aus 2 bis 3 Millionen Dreiecken. Wir mussten wirklich viel optimieren, bis die App auf Gaming-PCs lief.

Das Programm funktioniert auf einem normalen Computer?
Wenn er «VR Ready» ist. Die App geht auf jeder Maschine, welche das handelsübliche «VR Ready»-Label trägt.

VR-Brillen sind ja nicht gerade ein Massenphänomen. Ist Ihre App nicht ein extremes Nischenprodukt?
Wir wollten von Anfang an dabei sein und schauen was wir aus der neuen Technologie herausholen können, um die Welt für unsere Nutzer erlebbar zu machen. Wir rechnen damit, dass in Zukunft viel mehr Hersteller ihre eigene VR-Hardware haben und die Verkaufszahlen steigen werden.

Setzen Sie darauf, dass sich VR durchsetzt?
Das ist die Hoffnung. Falls es sich durchsetzt, sind wir dabei.

Was ist der Nutzen einer VR-Version von Google Earth?
Google Earth hat ohnehin einen grossen Nutzen. Wir können damit Reisen und Routen planen und uns über die Welt informieren. VR ist die ideale Ergänzung. Es ist ein grosser Unterschied, ob ich die Welt durch den Bildschirm meines Smartphones betrachte oder mich darin frei bewegen kann.

Sie haben Musik und Geräusche hinzugefügt, man kann über die Erdkugel schreiten und für die Bewegung der Erdkugel braucht es Kraft. Das tönt für mich nach einem Computerspiel.
Diese Elemente sind sicher ähnlich wie bei Games oder in Filmen. Viele in unserem Team kommen wie ich aus diesem Bereich. Das Gute an unserem Hintergrund ist, dass wir nicht nur ein Programm machen wollen, welches Probleme löst. Es geht uns darum, dass die Nutzer ein schönes Erlebnis haben und sich in unserer Welt verlieren können. Wir wollen Emotionen und Erinnerungen wecken.

Anzeige

Ist Ihnen das gelungen?
Die Reaktionen sind sehr positiv. Ich habe kürzlich die Top 100 Reviews auf Steam (Internet-Vertriebsplattform Anm. der Red.) durchgelesen und es ist enorm motivierend, was die Nutzer dort schreiben. Jemand erzählte von seiner Grossmutter, die normalerweise nicht einmal einen Computer benutze, aber mit der App in ihre alte Heimat zurückkehren konnte und diese Erfahrung liebte.

Nutzen Sie Google Earth VR auch selbst?
Ständig. Nach dem Launch im Januar nahm ich einen Monat frei und reiste durch Südamerika. Mögliche Destinationen habe ich im voraus virtuell angeschaut und so meine Reise geplant.

Und hat Ihnen das nicht die Reise gespoilert?
Ich bereue nicht, dass ich danach wirklich hingegangen bin. Aber nicht alle Menschen können reisen und es gibt viele Orte, an die man niemals kommt.

Sie arbeiten im Google Hauptquartier. Wie schafft man das als Schweizer?
Ich bin nicht der einzige Schweizer in Mountain View. Bei Google kann man relativ frei angeben, wo man am liebsten arbeiten würde und es ist ziemlich einfach zwischen den verschiedenen Standorten zu wechseln.

Wie viele Schweizer hat es bei Google in Mountain View?
Ich habe keine genauen Zahlen und es gibt auch keinen offiziellen Schweizer Club, aber ich kenne einige. Wir haben verschiedene Mailinglisten, mit denen wir uns austauschen können. Und ab und zu veranstalten wir sogar ein Fondue-Essen.

Wie sind Sie nach Mountain View gekommen?
Ich war schon vor der Karriere bei Google in Kalifornien. Nach dem Studium in Computergrafik an der ETH wollte ich unbedingt an einem Kinofilm arbeiten und kam so zu Pixar. Dort kümmerte ich mich um natürliche Umgebungen, Bäume, Gräser und so weiter. Nach einigen Jahren fragte mich Google, ob ich zu ihnen wechseln möchte. Was ich bei Pixar auf einer kleineren Skala machte, mache ich nun bei Google Earth für die ganze Welt.

Was sind die wichtigsten Fähigkeiten um bei Google zu reüssieren?
Google braucht ganz unterschiedliche Menschen. Alle sind jedoch technisch stark und gut im Problemlösen. In der VR-Abteilung spielt auch Kreativität eine wichtige Rolle. Weil mir die Nutzererfahrung sehr wichtig ist, habe ich für mein Team Leute ausgesucht, die gerne Games spielen und Filme schauen und bereit sind, etwas Neues auszuprobieren.

Woher kommen diese Leute?
Mein Team ist sehr multikulturell. Wir wollen auf unsere Fragen breite Antworten finden und deshalb ist es wichtig, dass Menschen mit verschiedenen Hintergründen dabei sind. Wir haben Amerikaner, Asiaten und Europäer im Team.

Wie ist das bei einem Techgiganten wie Google? Sitzen Ihnen die Manager ständig im Nacken?
Überhaupt nicht. Unser Ziel ist es herauszufinden, für was neue Medien gut sind. Und dies geht nicht, wenn zu viel Druck da ist. Wir haben einen grossen Handlungsspielraum und solange wir am Ende des Tages zeigen können, dass wir etwas kreiert und die Grenzen des Möglichen ausgelotet haben, ist das völlig in Ordnung. Deshalb arbeite ich da, wo ich arbeite.

Wem müssen Sie Rechenschaft ablegen?
Ich bin Clay Bavor, dem Chef der VR-Gruppe bei Google unterstellt. Er hat unser Projekt von Anfang an unterstützt.

*Dominik Käser (31) ist Head of Google Earth VR in Mountain View, Kalifornien. Nach seinem Studium arbeitete der ETH-Informatiker aus Gossau (ZH) bei den Pixar Animation Studios und war an mehreren Filmen beteiligt. 2012 wechselte er zum Internetgiganten Google. Das Projekt Google Earth VR startete er zwei Jahre später. Mit der App können Nutzer durch ein virtuelles Modell der Erde reisen – dafür benötigt man eine VR-Ausrüstung. Im Moment werden HTC Vive und Oculus Rift unterstützt.

Anzeige