Anleger reiben sich die Augen: Hatte sich die Aktie von Tesla in den letzten Monaten 2019 ohnehin schon wieder deutlich von ihrem Vierjahrestief gelöst, so kam es zwischen Jahresstart und Anfang Februar zur regelrechten Kursexplosion beim Hersteller von E-Autos. Die Aktie des Pioniers in der Elektromobilität hatte sich dabei innerhalb von nur fünf Wochen mehr als verdoppelt.

Für diesen Schub gibt es mehrere Erklärungsgründe. Da ist zum einen die aktuelle operative Entwicklung. Nach vielen Jahren mit Absatzzahlen unter der Erwartung und hohem Verlust konnte Tesla im Schlussquartal 2019 klar überraschen – und zwar positiv.

Gute Zahlen und stark erhöhte Kursziele

So schaffte Firmenchef Elon Musk mit einem Schlussspurt zum Jahresende nicht nur doch noch ganz knapp mit 367'500 Fahrzeugen die Zielspanne von 360'000 bis 400'000 verkauften Stück; er konnte dadurch beim Umsatz im Quartal um zwei Prozent auf 7,4 Milliarden Dollar zulegen. Vor allem gab es den zweiten Quartalsgewinn in Folge – und das Ergebnis lag mit 105 Millionen Dollar über den Schätzungen der Analysten.

Die Börsenexperten von Argus Research hoben daraufhin ihr Kursziel von 556 auf 808 Dollar an. Das könnte neben den Quartalszahlen auch die Initialzündung für den Kursschub gewesen sein. Denn nach Veröffentlichung des neuen Kursziels schoss die Aktie des Nasdaq-Mitglieds von 650 auf 950 Dollar hoch.

Short Selling – die Risiken und Chancen

Der Run auf Tesla könnte dann auch folgenschwer für eine andere Spezies von Börsianern gewesen sein: Den Short Sellern, die mit Leerverkäufen – einer Shortposition – auf fallende Kurse bei Tesla setzen. Das funktioniert folgendermassen: Anleger mit einem kurzen Zeithorizont von Stunden oder wenigen Tagen verkaufen eine Aktie ohne sie im Depot zu haben. Geht ihre Rechnung auf, dann bekommen sie dafür jetzt mehr, als in einigen Stunden oder Tagen für die Aktie, wenn sie diese zurückkaufen müssen, bezahlen müssen.

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Wegen entsprechender Börsenregularien müssen sie sich aber auch spätestens innerhalb weniger Tage mit der jeweiligen Aktie wieder eindecken – sie also an der Börse zurückkaufen. Fällt der Kurs – ein schönes Geschäft, da man ja billiger zurückkauft als man vorher verkauft hat. Steigt der Kurs, dann muss man aber, um die Position wieder glatt zu stellen, mehr Geld bezahlen als man vorher erhalten hat. Dann wird aus dem Leerverkauf ein Verlustgeschäft.

Bei Tesla wurden die Shorties auf dem falschen Fuss erwischt

Es gibt noch eine andere Form des Leerverkaufs. Diese betreiben insbesondere die grossen institutionellen Häuser: Sie setzen mit dem Verkauf einer Aktie ebenfalls auf fallende Kurse. Um sich aber nicht schon innerhalb kurzer Zeit wieder mit dem Titel eindecken zu müssen, leihen sie sich den Wert beispielsweise bei einem Fonds, der diesen im Portfolio hält. Da ist zwar früher oder später auch die Rechnung fällig, aber der Zeithorizont ist deutlich länger. Für diese Leihe der Aktie müssen die Short Seller dann allerdings einen je nach geliehenem Wertpapier mehr oder weniger hohen Zins bezahlen.

Aber so oder so: Offensichtlich wurden die Leerverkäufer bei Tesla von den guten Zahlen und dem Anheben des Kursziels auf dem falschen Fuss erwischt. Immerhin war die Aktie des Autobauers zuletzt die am häufigsten leer-verkaufte US-Aktie. Während das beispielsweise bei Apple vor wenigen Tagen nur ein Prozent der Aktien war, brachte es Tesla auf eine Short-Quote von rund 20 Prozent. Im vergangenen Jahr lag die Quote teilweise sogar schon bei etwa 25 Prozent.

Short Squeeze – der Markt ist ausgetrocknet, die Kurse explodieren

Und da steckt das Risiko: Denn wenn besonders viele Börsianer short in einer Aktie sind, kommen bei steigenden Kursen auch um so mehr Shorties an den Markt um sich in einer Aktie einzudecken. Das kann dann zu dramatisch steigenden Kursen führen. In Fachkreisen nennt man das Short Squeeze. Es kann passieren, dass Leerverkäufer eine Aktie in so einer Situation zu überhaupt keinem Preis mehr kaufen können und so regelrecht zerquetscht werden.

So etwas ist beispielsweise vor rund zehn Jahren dem deutschen Milliardär Adolf Merckle passiert. Im Rahmen des damals laufenden Übernahmeversuchs von VW durch Porsche waren die – da stimmberechtigt – heiss begehrten VW-Stammaktien abgeschossen. Im zweiten Halbjahr 2008 hatte sich die Aktie mehr als verfünffacht. Merckle, der eine gewaltige Short-Position in VW-Stämmen hielt, musste dann zusehends horrende Preise für den Wert bezahlen um seine Short-Position glatt zu stellen. Er machte Schätzungen zufolge einen Verlust in Milliardenhöhe.

Tesla – der Short Squeeze ist beendet oder ausgefallen

Am Ende stand dann tragischerweise der Selbstmord des Unternehmers. So schlimm kommt es bei einem normalen Short Squeeze zwar in der Regel nicht. Aber wie Händler wissen, endet so ein Versuch, eine Short-Position glatt zu stellen, immer wieder handgreiflich. Nämlich dann, wenn Börsianer einem Shortie eine Aktie partout – egal zu welchem Preis – nicht verkaufen wollen und stattdessen am Börsenparkett stehen und einer Kursexplosion lachend zusehen.

So schlimm scheint es bei Tesla nicht zu sein. Nach der Kursexplosion Anfang der Woche ging es mit dem Titel auch ganz schnell wieder nach unten. Zwei Tage nach dem Allzeithoch bei fast 1000 Dollar hatte Tesla wieder rund 20 Prozent an Wert verloren.

Tesla ist hoch bewertet…

Ist das nun eine Einstiegsgelegenheit oder geht es mit der Aktie noch weiter nach unten? Aussagen über die Zukunft einer Spekulation lassen sich nicht machen. Aber ein guter Orientierungspunkt für Anleger ist die fundamentale Bewertung einer Aktie. Und da sieht es bei Tesla nicht wirklich gut aus.

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Zwar steigt der Umsatz des Autokonzerns aus Palo Alto im US-Bundesstatt Kalifornien Jahr für Jahr – 2019 gab es ein Plus von 14,4 Prozent auf 24,6 Milliarden Dollar. Aber mit 862 Millionen Dollar bliebt das Unternehmen wie in allen Jahren davor tief in den roten Zahlen. Dafür kostet Tesla an der Börse aber 130 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Der weltweit grösste Autobauer – VW – verkauft im Jahr rund zehn Millionen Autos – 20 Mal so viel wie Tesla, schreibt einen Umsatz von 235,8 Milliarden Euro und verdient Jahr für Jahr rund elf bis zwölf Milliarden Euro. VW kostet an der Börse aber nur 85 Milliarden Euro.

…und bekommt zusehends Konkurrenz

In diesem Jahr will Tesla übrigens 500'000 Autos absetzen. Aber die Kalifornier investieren massiv in den Ausbau ihrer Werke und Batteriefabriken und bekommen nun Jahr für Jahr enorme E-Konkurrenz durch die altbewährten Autobauer. Während Tesla ein relativ dünnes Verkaufs- und Servicenetz hat, verfügen die anderen aber über seit Jahrzehnten bewährte Kundenbeziehungen und ein dichtes Werkstatt- und Vertriebsnetz. Fazit: Tesla – zwar eine spannende Story, aber es gibt zusehends Konkurrenz und extrem hohe Bewertung.

Georg Pröbstl ist Chefredaktor des Börsenbriefs Value-Depesche. Der Börsendienst ist auf substanzstarke, unterbewertete Aktien mit guten Perspektiven aus der D-A-CH-Region (DeutschlandÖsterreichSchweiz) spezialisiert. Die jährliche Performance des Musterdepots seit Start im April 2010 beträgt +14,6 Prozent (DAX: +7,8 Prozent). Transparenzhinweis: Der Autor berät Anlageprodukte. Die in diesem Beitrag besprochene Aktie zählt zum Anlageuniversum.