Es war das Ende einer langen Affäre, welche die Credit Suisse bis ins Mark erschütterte: Der Beschattungsskandal um das ehemalige Konzernleitungsmitglied Iqbal Khan kostete CEO Tidjane Thiam zuletzt doch den Kopf – auch wenn er stets beteuerte, von der Sache nichts gewusst zu haben. Mit der Berufung von Thomas Gottstein gelang dem Verwaltungsrat unter Präsident Urs Rohner der schon längst geforderte Befreiungsschlag.

Die Wahl des Schweizers zum Chef der zweitgrössten Bank des Landes kam intern wie extern gut an. Gottstein, seit rund zwanzig Jahren bei der Credit ­Suisse, kennt die Bank bis ins Detail und hat mit dem erfolgreichen Ausbau der Schweizer Einheit nach 2015 einen guten Job gemacht.

Der 55-Jährige gilt als nüchterner und unprätentiöser Typ – von ihm wird nun auch erhofft, Ruhe in die Bank zu bringen. Grosse Erfahrung in strategischen Fragen hat er nicht, doch die Grossbank ist nach dem Umbau durch Thiam in den groben Zügen bereits neu aufgestellt und soll nun vor allem auf bestehender Basis wachsen.

Die Aufgabe wird für Gottstein nicht einfach sein: Erz-Konkurrent UBS hat mit der Berufung des Holländers Ralph Hamers, der die niederländische ING in Rekordzeit fit getrimmt hat, nun einen starken Wettbewerber ins Rennen geschickt.

Die Familie

Gottstein entstammt einer Unternehmerfamilie: Sein 2019 verstorbener Vater Fritz Gottstein war Inhaber der Maschinenfabrik Meteor. Sein Bruder Markus Gottstein ist als selbstständiger Anwalt in Zürich tätig. Gattin Nadine ist Ärztin und war früher als Radiologin tätig.

Das Paar wohnt in Küsnacht am Zürichsee und hat zwei Söhne im Alter von 17 und 12 Jahren. Wichtigste sportliche Betätigung ist immer noch das Golfen: Mit einem Handicap von 0.7 gehört er zu den besten Golfspielern des Landes. Die Nähe zum Sport ist familiär bedingt: Vater Fritz war jahrelang Präsident des Golfclubs Schönenberg.

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Nadine Gottstein und Thomas Gottstein.

Quelle: Joseph Khakshouri

Die Karriere

Vor seinem Eintritt in die CS im Jahr 1999 war der Doktor in Finanz- und Rechnungswesen mehrere Jahre für die UBS tätig, unter anderem im Investmentbanking in London. Ein wichtiger Ratgeber war sein Patenonkel, der ehemalige Bankgesellschafts-Präsident Nikolaus Senn, der zusammen mit seiner Mutter Roswitha Gottstein-Neff im Appenzellischen aufgewachsen ist. Mit dessen Sohn Nikolaus Senn jun. ist er bis heute befreundet.

Die CS wurde auf Gottstein aufmerksam, als die Bank gegen die UBS um den Auftrag für die Abspaltung des Ciba-Spezialitätengeschäfts antrat. Die Investmentbanker auf der CS-Seite, Marco Illy und James Leigh-Pemberton, beschlossen, den Banker abzuwerben. Ex-CS-Präsident Rainer E. Gut, von Illy bereits informiert, traf er in Klosters, wo beide eine Ferienresidenz haben. Gut motivierte ihn zusätzlich zum Wechsel.

Gottstein amtete in der Schweiz, dann in London. Vertraute waren Ex-Finanzchef Phil Ryan sowie der spätere Präsident Hans-Ulrich Doerig. Der neue CEO Tidjane Thiam machte ihn im Herbst 2015 zum Leiter der Schweizer Universalbank. Er war auf Gottstein aufmerksam geworden, weil dieser das geheime Projekt für den Börsengang betreute, und war von ihm beeindruckt. Bis zuletzt hatten die beiden ein gutes Verhältnis.

Die Zürich-Connection

Gottsteins Verhältnis zu Zürich – er ist in Rüschlikon bei Zürich aufgewachsen und hat in der Stadt die Schulen besucht – ist bis heute sehr eng.

Als Junior beim FC Zürich kickte er mit dem heutigen Trainer des Bundesliga­vereins Union Berlin, Urs Fischer. Schulfreund am Freien Gymnasium in Zürich war der heutige Head­hunter Andreas Zehnder.

An der Universität Zürich spezialisierte er sich auf das Rechnungswesen und schloss bei Professor Conrad Meyer ab, dem späteren Präsidenten der «Neuen Zürcher Zeitung». Der inzwischen verstorbene Leiter des Instituts für Bankwesen, Ernst Kilgus, begeisterte Gottstein für die Finanzbranche.

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Im Verwaltungsrat des Zürcher Opernhauses amtet er mit Amag-Erbe Martin Haefner, Re­gierungsrätin Jacqueline Fehr oder UBS-Schweiz-Chairman Lukas Gähwiler, zu dem er trotz Konkurrenz ein gutes Verhältnis hat. Im Verwaltungsrat der Schweizer Börse SIX traf er auf den heutigen Julius-Bär-Präsidenten Romeo Lacher, auch er ein alter Kollege: Lacher war von 1990 bis 2016 für die Credit Suisse tätig.

Ebenfalls im Verwaltungsrat von SIX ist Herbert Scheidt, Präsident des Zürcher Konkurrenten Vontobel, der auch als Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung amtet, wo Gottstein im Private- Banking-Steuerungsausschuss sitzt.