Der grösste Deal, den die Welt des Luxus je gesehen hat, liegt in Trümmern. Für sagenhafte 16 Milliarden Dollar wollte Bernard Arnault den amerikanischen Juwelier Tiffany unter das Dach seines Konglomerats LVMH holen. Dann kam mit Corona eine neue Pest über die Welt.

Und nun denkt Arnault nicht mehr daran, die versprochenen Milliarden nach New York zu überweisen. Stattdessen hat er seine Juristen losgeschickt, um ihn von dem Deal zu befreien. Mit dem gleichen Ziel lässt er seine Verbindungen in die hohe französische Politik spielen.

Arnault bekommt, was er will

Wie das ausgeht, ist offen. Klar ist zweierlei: Vor Januar passiert in der Causa Tiffany erstens gar nichts ausser einem wohl anhaltenden Austausch von verbalen Tiefschlägen zwischen New York und Paris. Erst dann beugt sich ein amerikanisches Gericht über das Dossier.

Zweitens: Die Erfahrung lehrt, dass Arnault meistens das bekommt, was er will. Bislang sind nur zwei ­gewichtige Ausnahmen von dieser Regel bekannt: Die italienische ­Mega-Marke Gucci ging nach einem Hahnenkampf ohne Vorbild an ­Arnaults Erzrivale François-Henri ­Pinault von Kering. Und die Be­sitzerfamilie des französischen Traditionshauses Hermès wehrte sich erfolgreich dagegen, die eigene Unabhängigkeit aufgeben zu müssen.

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Doch Arnault wäre nicht Arnault – der «Wolf in Kaschmir» –, würde er bis im Januar bloss den Zuschauer geben. Längst hat er sich nach Alternativen umgesehen, längst hat er ein anderes Ziel ausgemacht, das die einzige Schwäche seines Unternehmens – im wich­tigen und lukrativen Schmuckbereich ist LVMH nicht die weltweite Nummer eins – ausmerzen könnte.

François-Henri Pinault (Kering), Bernard Arnault (LVMH) und Johann Rupert_Richemont

Herrscher des Luxus: François-Henri Pinault (Kering), Bernard Arnault (LVMH) und Johann Rupert (Richemont) dominieren das Geschäft mit Luxusgütern.

Quelle: Getty/Bloomberg/ZVG

Also soll Arnault – so die jüngsten Spekulationen in der Luxusbranche – ein Auge auf Cartier geworfen haben. Also auf die absolute Übermarke im Schmucksegment. Das Problem: Cartier gehört zu Richemont, dem Genfer Luxuskonzern. Besser: Cartier ist das Herz von ­Richemont, sowohl in kommerzieller als auch in kreativer Hinsicht. Scharf formuliert könnte man sagen: Ohne Cartier wäre Richemont bloss ein Uhrenkonzern ohne global wirklich leuchtende Marken.

Bedeutet das, dass die Spekulationen um Arnault und Cartier oder gar ganz Richemont blosse Hirngespinste sind? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Klar ist: Will Arnault Cartier, muss er sich mit einem Patron von ähnlichem Kaliber arrangieren. Mit Johann Rupert, Präsident von Richemont. Rupert hält zwar nur gut 10 Prozent des Kapitals des Unternehmens, kontrolliert aber mehr als 50 Prozent der Stimmen. Ohne Rupert geht bei Richemont nichts, nada.

Wenn es um mehr als Geld geht

Also stellt sich vor allem die Frage, was Rupert von einem Verkauf von Cartier oder des Gesamtkonzerns hätte? Und zwar über die unzähligen Milliarden hinaus, welche ihm ein solcher Mega-Deal in die Tresore spülen würde.

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Auf abstrakter Ebene lässt sich die entscheidende Frage so beantworten: Rupert würde Sicherheit ­gewinnen – die Sicherheit nämlich, dass seine Nachkommen auf Rosen gebettet bleiben. Warum? LVMH ist mittlerweile eine nachhaltig funk­tionierende Geldmaschine. Richemont ist das nicht, die Spitalkette Mediclinics als zweites grosses Standbein der Ruperts ebenfalls nicht.

Der Glanz von LVMH-Anteilen

Das bedeutet: Kann sich Rupert mit Arnault auf einen Deal einigen, in dem nicht nur Geld, sondern auch LVMH-Anteile den Besitzer wechseln, tauscht er unternehme­rische Freiheit gegen finanzielle ­Sicherheit – auf lange Jahre hinaus. Das kann für eine Dynastie durchaus eine attraktive Perspektive sein. Zumal Rupert weiss, dass er und Arnault ähnlich ­ticken, wenn es um ­Familie geht. Arnaults Kinder sind fast alle im Konzern aktiv, Rupert Sohn Anton übernimmt ebenfalls immer mehr Verantwortung – fast wie bei nicht ­kotierten Familienunternehmen.

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60 Prozent Prämie könnte LVMH für Richemont locker bezahlen.

Nochmals: Das sind Spekulationen. Zweifellos wären Cartier oder gar Richemont ganz andere Brocken als Tiffany. Aber ein solcher Deal ist – wie gezeigt – nicht undenkbar. Finanziell ohnehin nicht: Geht man von einer üblichen Prämie von 30 Prozent aus, würde ­Richemont rund 45 Milliarden Franken kosten. LVMH könnte den ­Richemont-Aktionären gar eine Prämie von 60 Prozent offerieren, ohne die eigene Bilanz spürbar aus dem Lot zu bringen.

Und was würde Arnault gewinnen – über Cartier hinaus? Natürlich die Genugtuung, Erzrivale Pinault endgültig gezeigt zu haben, dass er – Gucci hin oder her – ihm niemals das Wasser reichen wird.

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