Anlagestrategen, Fondsmanagerinnen, Finanzplaner und nicht zuletzt Börsenmedien wie cash.ch tragen es fast gebetsmühlenartig vor: Bei Kursstürzen am Aktienmarkt soll nicht reflexartig verkauft werden.

Warten, Durchatmen, die Bodenbildung und den Rebound abwarten und vielleicht im selbstverständlich ausreichend diversifizierten Portfolio ein Rebalancing ins Auge fassen - zu diesem Vorgehen wird geraten. Hintergrund sind Betrachtungen, dass Langfrist-Engagements renditeträchtig sind und dass das «Market Timing» den meisten sowieso nicht gelingt. 

Und doch, wenn die Kurse fallen, neigen Retail-Anleger zu nervösen Verkäufen. Im September hat es gleich mehrfach Momente mit deutlichen Kursrückgängen gegeben. Die drohende Zahlungsunfähigkeit des Immobilienkonzerns Evergrande in China und steigende Zinsen für zehnjährige US-Treasury-Bills haben Massenverkäufe ausgelöst.

Auch gerade jüngst in dieser Woche.

Anleger mit kleinen Portfolios reagieren unruhiger

Treiber dieser Bewegungen sind Grossinvestoren respektive automatisierte Handelssysteme. Aber in den Strudel geraten schnell auch Retail-Anlegerinnen und -Anleger. In einer Studie «When Do Investors Freak Out? Machine Learning Predictions of Panic Selling» des Massachusetts Institute of Technology (MIT) von Anfang August ist nun festgestellt worden, welche Anlegergruppe am anfälligsten darauf sind, Panikverkäufe zu tätigen.

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Die Neigung, hektisch auf den Verkaufsknopf zu drücken, haben häufig Personen, die sich selber als «sehr erfahrene» Anleger betrachten.

Es sind vor allem verheiratete oder geschiedene Männer, oft mit Kindern oder anderen Personen, für deren Lebensunterhalt sie verantwortlich sind. Und: Die Neigung, hektisch auf den Verkaufsknopf zu drücken, ist bei Anlegern im Alter über 45 Jahren ausgeprägter als bei anderen Investoren. Es sind auch häufig Personen, die sich selber als «sehr erfahrene» Anleger betrachten.

Die Studie hat zudem das Resultat hervorgebracht, dass bei 43 Prozent der Panikverkäufer das angelegte Vermögen vor dem Verkauf maximal 20'000 Dollar betragen hat. Die geringste Neigung zum überstürzten Abstossen von Aktien zeigten Investoren mit Portfoliogrössen zwischen 800'000 und 1 Million Dollar.

Forschung untersucht Anlageverhalten der Geschlechter

Das MIT hat Daten von 653'000 Konten bei einer Brokerfirma aus den Jahren 2003 bis 2015 für die Untersuchung herangezogen. Damit schliesst der Zeitraum der Betrachtung allerdings die Rolle jüngerer Markteilnehmer aus. Die sehr aktiven Neo-Trader sind eine Gruppe, die erst seit Mitte 2020 am Markt richtig in Erscheinung tritt.

Die genauen Motive der Panikverkäufer ergründet die Studie nicht. Ein naheliegender Grund für den Versuch, Vermögen durch Verkäufe von einem Wertverlust zu schützen, ist der Schutz der eigenen Existenz oder jener der Angehörigen.

Das Studienergebnis, dass Männer eher Panikverkäufe tätigen als Frauen, dürfte aber auch die seit längerem existierende Diskussion um ein unterschiedliches Anlageverhalten der beiden Geschlechter befeuern.

Ergebnisse zahlreicher Studien aus 20 Jahren Forschung legen nahe, dass sich Frauen als Anlegerinnen zwar weniger zutrauen als Männer, aber auch mit weniger Risiko anlegen.

So hält eine Umfrage der US-Bank JPMorgan in sechs europäischen Ländern von 2019 fest, dass sich 45 Prozent der Frauen für «sehr sicherheitsorientiert» halten, aber nur gut 35 Prozent der Männer sich diese Eigenschaft zuschreiben.

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Männer, so sagen auch verschiedene Untersuchungen, handeln mit Wertpapieren häufiger, und sie ändern eine Vermögenszusammensetzung häufiger. Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, dass es dann auch schneller einer hektischen und substantiellen Reduktion der Positionen kommt.

Handeln Börsianer bei Marktkrisen impulsiv, befinden sie sich in einer Art Ausnahmezustand. Wohl nicht umsonst spricht die MIT-Studie von «freaking out» - übersetzbar etwa mit «ausflippen». Panikverkäufe führen oft zu weiteren Entscheidungen, die sich später als negativ für den Vermögenszuwachs durch Anlagen herausstellen.

Wer keinen Rat sucht, läuft Gefahr, weitere Fehlentscheidungen zu begehen.

So kommt es vor, dass Anleger nach den Verkäufen nicht an den Markt zurückkehren und dann am Rebound nicht richtig teilhaben. Ein Paradebeispiel ist die Situation nach dem Corona-Absturz im März 2020. Der Rebound war so ausgeprägt und wurde von so vielen am Markt zu spät als solcher gedeutet, dass vom der «meistgehassten Rally» der Börsengeschichte die Rede war.

Laut der MIT-Studie sind es 31 Prozent der Panikverkäufer, die als Folge ihrer Negativ-Erfahrung keine Anlagen mehr kaufen. 58,5 Prozent fangen innerhalb eines halben Jahres an, wieder zu investieren.

«Strategisches Verkaufen»: Schwierig

Bei Panikverkäufern kommt noch ein weiteres Muster dazu, das sich negativ auf die Rendite eines Portfolios auswirkt: Sie handeln oft allein. Dies nährt die oft irrige Annahme, dass Ereignisse weiter kontrolliert werden könnten. Wer keinen Rat sucht, läuft Gefahr, weitere Fehlentscheidungen zu begehen. Auch dies tritt laut psychologischen Untersuchungen und den Erkenntnissen der Behavioural Finance häufiger bei Männer als bei Frauen auf.

Ein Grund mag darin liegen, dass schon Jungen dazu erzogen werden, ein auftretendes Problem gefälligst selber zu lösen. Aus Sicht der MIT-Studie ist es nicht per se falsch, im Zuge einer Krise Risiko-Anlagen wie Aktien zu verkaufen. Anleger, die beim Beginn der Finanzkrise von 2008 für 15 Monate dem Aktienmarkt den Rücken kehrten, ersparten sich Verluste von 17 Prozent.

Wer aber länger als 34 Monate dem Markt fernblieb, verpasste die Erholung. Alles in allem hält die Studie fest, dass so etwas wie «strategisches Verkaufen» beim Beginn einer Krise kaum erfolgreich durchgeführt werden kann.