Mit ihm hatte keiner gerechnet. Als die UBS am 2. Mai ihre Ergebnisse für das erste Quartal vorstellte, sollten laut Einladung Finanzchef Tom Naratil und Investor-Relations-Chefin Caroline Stewart der Investorengemeinde das Zahlenwerk erläutern. Doch plöztlich sass ein Mann neben den beiden Präsentatoren, der nicht angekündigt war: UBS-CEO Sergio ­Ermotti. Der Überraschungsgast setzte sich brav an den Rand, doch spätestens in der Fragerunde war klar, wer der Herr im Hause ist. ­Ermotti gab seinem Finanzchef die Kommandos und lobte die erfolgreiche Umsetzung der Strategie. «Wir sehen uns am Ende des nächsten Quartals», schloss der Tessiner. Dann wird auch sein Name auf der Einladung stehen.

Wer wollte, konnte in dem Auftritt das sehen, was Militärstrategen einen «preemptive strike» nennen: einen präventiven ­Erstschlag. Denn der UBS-Chef platzierte seine Überraschungsvisite einen Tag vor der UBS-Generalversammlung – dem Amtsantritt des neuen Verwaltungsratspräsidenten Axel Weber.

Zum Einstieg gleich zwei Reden. Webers Ankunft hatte sich mit grosser Fanfare angekündigt. Für das deutsche «Manager Magazin» hatte der Neue im April für ein sechsseitiges Porträt mit dem Titel «Der Standfeste» posiert und darin von seiner neuen Zürcher Dachwohnung mit grosser Terrasse geschwärmt, gerade 250 Meter vom UBS-Hauptsitz an der Bahnhofstrasse 45 entfernt: «Wir sehen den See und die Berge.» Von seinem Vorgänger Kaspar Villiger hatte er sich extra ein Rederecht für die Generalversammlung erbeten, obwohl er formal erst nach der Veranstaltung vom Verwaltungsrat zum Präsidenten gewählt werden musste und ihm damit eigentlich kein Auftritt zustand. Es wurden dann gleich zwei Reden – eine vor seiner Nominierung, eine danach. Es folgten die obligaten Auftritte in «Tagesschau» und «10 vor 10», und am nächsten Tag betitelte der «Tages-Anzeiger» Weber auf seiner Frontseite schon als «neuen UBS-Chef». Am Vortag war in der gleichen Zeitung noch Ermotti der Konzernchef der Grossbank. So schnell kann das gehen.

Zehn Jahre will der erste Nichtschweizer auf dem UBS-Präsidentensessel bleiben, wie er unermüdlich betont – und damit eine Ära prägen. Lag die Macht im Bankkonzern unter dem raubeinigen CEO Oswald Grübel unangefochten bei der Konzernleitung, so zeichnet sich jetzt eine Verschiebung ab. Denn Weber, da sind sich alle Weggefährten einig, sieht sich immer als Chef. Besondere Brisanz erhält die Situation dadurch, dass der 55-Jährige im Verdacht steht, Ermotti nicht als CEO gewollt zu haben.

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Zudem könnten die beiden neuen starken Männer an der UBS-Spitze kaum unterschiedlicher sein. Hier der Tessiner, durch und durch Praktiker, der im Alter von 15 Jahren während einer Lehre in der kleinen Cornèr Bank in Lugano seine Leidenschaft für die Börse entdeckte und es über Zürich, New York und London zum ranghöchsten Schweizer einer Wall-Street-Investmentbank und zu einem hohen zweistelligen Millionenvermögen brachte. Dort der Theoretiker Weber, aus einem 300-Seelen-Ort im deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz, mit 37 Jahren zum Professor der Ökonomie berufen, sieben Jahre als Chef der Deutschen Bundesbank Aufseher über das deutsche Bankwesen und dort mit einem vergleichsweise kargen Sold von 380 000 Euro bedacht. Nicht nur viele der 65 000 UBS-Mitarbeiter, sondern auch zahlreiche Investoren fragen sich: Geht das gut?

Natürlich tun die beiden alles, um jegliche Anzeichen mangelnder Harmonie zu vermeiden. «Anders als häufig in der Presse spekuliert, sehe ich das ganz hervorragend», antwortete Weber in der «Tagesschau» auf die Frage nach seinem Verhältnis zu Ermotti – und brachte mit dem vorauseilenden Dementi etwaige Spannungen selbst erst ins Gespräch. Sie würden sich nicht gegenseitig die Show stehlen, beruhigt er intern. Bei der Generalversammlung erwähnte er zweimal ausdrücklich, dass er «zusammem mit Sergio Ermotti» die Strategie umsetzen wolle. Bei ihrem ersten gemeinsamen ­öffentlichen Auftritt kam es sogar zum «doppelten Clinton» – jenem legendären Begrüssungsritual, das der frühere US-Präsident perfektioniert hatte: erst der feste Händedruck mit der rechten Hand, dann der Griff an die Schulter mit der freien linken Hand, verstärkt mit einem tiefen Blick in die Augen und einem Lächeln. Clintons Gegenüber scheuten jedoch aus Respekt meist die Erwiderung. Ermotti und Weber, sonst kaum für Gefühlswallungen bekannt, praktizierten dagegen sogar den gegenseitigen Schultergriff. Die Botschaft vor 3400 Aktionären im Zürcher Hallenstadion: Wir haben uns ganz lieb.

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Streitfälle. Die Machtverteilung zwischen Verwaltungratspräsident und operativem Konzernchef ist in jeder Firma von entscheidender Bedeutung. Doch bei wohl keinem Konzern hatte diese Verteilung in den letzten Jahren eine so existenzielle Bedeutung wie bei der UBS. Als Marcel Ospel, durch die Fusion von Bankverein und Bankgesellschaft 1998 Baumeister der Fusionsbank, 2001 das Präsidium übernahm, baute er sich als «aktiver Chairman» eine Art Über-Geschäftsführung auf, für deren Leitung er sich pro Jahr mit bis zu 26 Millionen Franken entschädigte. Seither mäandert die Macht zwischen VR-Präsident und operativem Konzernchef hin und her (siehe Seite 35). Bei beiden grossen Krisen seit der Fusion spielte die zerstrittene Führung eine entscheidende Rolle. Während des Swissair-Groundings 2001 war das Verhältnis Ospels zu seinem damaligen Konzernchef Luqman Arnold so zerrüttet, dass sich die beiden schliesslich mit Rechtsgutachten über ihre Zuständigkeitsbereiche bekriegten. Arnold sah die Ursache des Groundings darin, dass Ospel das Swissair-Dossier an sich riss und ihm damit in die operative Geschäftsführung hineinredete.

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Auch bei der Subprime-Krise 2007 waren die Banklenker zerstritten und befeuerten dadurch das Fiasko. Konzernchef Peter Wuffli liess die Bilanz ungebremst wachsen und in grossem Stil die toxischen Papiere aufkaufen, VR-Präsident Ospel liess ihn trotz eindringlichen Warnungen gewähren. Er wollte sich eigentlich schon 2005 von ihm trennen, doch mit Wufflis Kür zum «Banker des Jahres» im gleichen Jahr wäre das der Öffentlichkeit kaum zu vermitteln gewesen.

 Frage der Verantwortung. Jetzt also Sergio Ermotti und Axel Weber – und die Frage: Wird Axel Weber ein neuer Ospel oder Sergio Ermotti ein neuer Grübel? Oder finden die beiden, die erstmals seit dem Duo Ospel/Wuffli wieder eine langfristige Perspektive an der UBS-Spitze verkörpern, eine neue tragfähige Balance? Beide wissen nur zu gut, dass sie kaum auf die Statuten verweisen können. Denn die Fehde Ospel/Arnold demonstrierte eindrücklich: Wer mit Rechtsgutachten seine Position durchsetzen will, hat schon verloren. Zudem ist das Reglement, eine Folge der Querelen, erstaunlich vage. Hatte sich Ospel noch eigens «exekutive Funktionen» zuteilen lassen, so wurden die Statuten in den letzten Jahren mehrfach geändert und die Stellung des Präsidenten im Vergleich zu 2001 geschwächt. Sie sprechen zwar dem Verwaltungsrat die «Oberleitung der Gesellschaft», inklusive der «Beschlussfassung der Konzernstrategie», zu, die Konzernleitung hat aber unter der Führung des CEO «die Geschäftsführungsverantwortung für den UBS-Konzern und dessen Geschäft inne». Weber betonte kurz nach der Bekanntgabe seines Wechsels zur UBS im «Spiegel» hingegen, dass er die Geschäftsverantwortung trage.

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Auch komme dem Präsidenten, so fügte er hinzu, in der «Aussendarstellung der Bank naturgemäss eine zentrale Funktion zu». Doch auch dieses Feld gehört ihm nicht allein. Der VR-Präsident, so heisst es im Organisationsreglement schwammig, sei «zusammen mit dem Group CEO der primäre Vertreter des UBS-Konzerns gegenüber den Medien». Auch hier setzte Ermotti kurz vor Webers Amtsantritt ein Zeichen: Er sprach in der «SonntagsZeitung» vom Wirtschaftskrieg gegen die Schweiz und prophezeite einen Abbau von 20 000 Arbeitsplätzen – das waren nicht die Statements eines Mannes, der sich nur auf die Geschäftsführung konzentrieren will.

Kein Wunder, dass Weber vage auf die Frage antwortet, wer von beiden denn nun Mr. UBS sei: Es wäre doch schön, wenn am Schluss alle sagten, das sei das Team. Hier lässt sich die Machtverschiebung erkennen. Villiger hätte geantwortet: Mr. UBS in den Medien ist Oswald Grübel. Fakt ist: Wie die Machtbalance gelebt wird, hängt immer von den Persönlichkeiten ab. Grübel etwa sprach dem Verwaltungsrat sogar das Recht zur Strategiefestsetzung ab.

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Bisher geht Ermotti äusserst geschickt vor. Er akzeptierte in den schwülen Tagen von Singapur nach dem Londoner Zwei-Milliarden-Verlust und dem abrupten Rücktritt Grübels Ende September die interimistische Nominierung als CEO und setzte dann Anfang November den Verwaltungsrat unter Druck, indem er mit seinem Abgang drohte, wenn nicht bis Weihnachten eine Entscheidung falle. Der deutsch-schweizerische Doppelbürger Ulrich Körner, in Singapur ebenfallls ein Kandidat, wollte diese interimistische Rolle nicht akzeptieren – und kam nicht zum Zug. Den Mitbewerber neutralisierte Ermotti auf elegante Weise: durch Beförderung. Er übergab ihm seinen bisherigen Job, den Posten des Europa-Chefs, und lotste ihn damit aus der Zentrale, in der es sich einfacher glänzen lässt. «Das sind zwei diametral gegensätzliche Jobs», sagt ein ehemaliges Konzernleitungsmitglied. Die bisherige Risikochefin Maureen Miskovic, die er schon bei einem Abendessen vor seinem Amtsantritt im März 2011 als wenig kompetent erlebt hatte, verabschiedete er schnörkellos. Ein Signal an seine Kollegen, dass er auch vor harten Schnitten nicht zurückschreckt.

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Auch den unter den Aktionären noch immer geschätzten Oswald Grübel, der ihn zur Bank geholt hatte, entsorgte er mental: «Ich lese seine Interviews nicht mehr», teilte er der «SonntagsZeitung» mit. Er goutierte nicht, dass Grübel Ermottis Schweizer Pass als dessen Hauptqualifikation dargestellt hatte. Es war auch das Signal an die Konzernleitung, seinem Vorgänger nicht zu offen die Sympathie zu bezeugen. Grübel darf noch die Parkgarage am UBS-Hauptsitz benutzen, und zum Abschied gab es vom Verwaltungsrat sechs Flaschen Wein und eine Abschiedskarte. Das wars.

Keine falsche Bescheidenheit. Gleichzeitig baut Ermotti seine Hausmacht aus. Seinem früheren Rivalen Carsten Kengeter hat er mit dem italienischen Investment Banker Andrea Orcel einen langjährigen Weggefährten zur Seite gestellt. Bob McCann, Leiter Wealth Management Americas und langjähriger Merrill-Lynch-Kollege mit wenig Selbstzweifeln, bezog für das vergangene Jahr ein Salärpaket von 9,2 Millionen Franken. Emotti selbst, obwohl nur neun Monate im Amt, gönnte sich 6,5 Millionen. Grübel hatte sich durch seinen Bonusverzicht auf drei Millionen beschränkt und Ermotti abgeraten, im ersten Jahr mehr zu beziehen. Doch die Erklärung Ermottis ist simpel: Warum sollte er auf seinen Bonus verzichten, wenn es sonst keiner tut? Die willkommene Botschaft an seine Kollegen in der Konzernleitung: Wir sind wieder eine ganz normale Bank.

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Selbst die Festlegung der Strategie, wichtigste Aufgabe des Verwaltungrats, hat er an sich gezogen. Er akzeptierte seine Interimsnominierung nur unter der Bedingung, dass der Investorentag am 17.  November in New York nicht abgesagt würde. So liess er vor dem Antritt des neuen Präsidenten die Strategie festlegen, natürlich immer in Absprache mit dem Verwaltungsrat, der nach dem konfrontativen Grübel den kooperativen Ermotti schätzte. Und als die Strategie stand, forderte er von Weber das Versprechen, hinter ihm zu stehen und keinen anderen CEO zu suchen. Weber schlug ein – und Ermotti sass fest im Sattel. In seinen 17 Jahren bei Merrill Lynch und den vier Jahren bei der intrigenreichen italienischen Grossbank UniCredit hat er seine Lektion in Sachen Machtpolitk gelernt. Die an der Spitze entscheidende Kunst, immer einen Schrit vorauszudenken, beherrschte er bisher nahezu perfekt. Selbst die Erwartungen managt er. Der Prozess gegen den Zwei-Milliarden-Verzocker Kweku Adoboli werde ab dem Sommer negative Schlagzeilen bringen, warnte er an der Generalversammlung. Man habe alles Notwendige getan, lautet die offizielle Haltung der Bank. Doch intern wird Ermotti deutlicher: Dass das Kontrollsystem nicht ab einer Verlusthöhe von 500 Millionen Franken rot geblinkt habe, sei absolut inakzeptabel.

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Weber dagegen muss sich gleich doppelt einarbeiten, in das Land und in die Bank, und deswegen verbreitet er derzeit ungewohnt demütige Töne: Er fange in der Schweiz bei null an. Es klingt in der Tat noch alles sehr deutsch: Er spricht von der Hauptversammlung statt der Generalversammlung, die Konzernleitung wird bei ihm zum Vorstand, und die Bank ist an der Börse notiert statt kotiert. Drei Monate hat ihn Villiger in einem «kurzen Helvetisierungsprozess» bei grossen Kunden und Politikern eingeführt. Sein Vorteil: Im Zweiergespräch ist er einnehmend, wenn auch seine Ausführungen die professorale Vergangenheit nicht immer verbergen können – Antworten können schon mal eine halbe Stunde dauern. Auch geht er direkt auf seine Kritiker zu. Als SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli ihn Ende April wegen einer Strafanzeige eines deutschen Rechtsprofessors gegen die Bundesbank scharf kritisierte, bat er ihn drei Tage vor seinem Amtsantritt zu sich und erklärte ihm, dass die Klage unberechtigt und chancenlos sei. Offenbar überzeugend: Seitdem ist von Mörgeli keine Kritik an Weber mehr zu hören.

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Kontinuität – oder Wechsel. Vom gestrauchelten Ex-Nationalbank-Chef Philipp Hildebrand, der ihn mit Villiger zusammenbrachte und den er als Freund bezeichnet, weiss er um die Gefahren eines SVP-Dauerfeuers. Markige Worte gegenüber den Regulatoren wird es von ihm nicht mehr geben. Auch den neuen Nationalbank-Präsidenten Thomas Jordan kennt er gut: Über die Universität Bern hat man sich einst intensiv ausgetauscht.

Doch war sein Verhältnis zu Ermotti nicht immer so harmonisch, wie er es heute darstellt. Als die UBS am 1. Juli 2011 Webers Verpflichtung bekanntgab, lautete der Plan: Grübel bleibt noch zwei bis drei Jahre, Villiger arbeitet Weber ab 2012 ein, und dann übernimmt Investment-Banking-Chef Carsten Kengeter Grübels Job. Das Londoner Zwei-Milliarden-Loch änderte alles. Zur Verwaltungsratssitzung nach Singapur kam Ende September auch Weber eingeflogen, der damals einen Lehrauftrag in Chicago hatte. Weber kannte Ermotti schon seit mehreren Jahren, denn als Aufsichtsratschef der deutschen UniCredit-Tochter HypoVereinsbank hatte der Tessiner zweimal im Jahr bei der Bundesbank in Frankfurt über die Fortschritte der Integration berichtet. In diesen Tagen, betont Weber heute, habe er Ermotti schätzen gelernt. Doch die Zuneigung ging nicht so weit, dass er sich in Singapur gegen die interimistische Bestellung Ermottis ausgesprochen hätte.

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Von Singapur flog er direkt weiter zur IWF-Jahrestagung, und dort soll er, so meldete es das deutsche «Handelsblatt», den Risikochef der Deutschen Bank, Hugo Bänziger, als «sehr ernsthaften Kandidaten» für den UBS-Chefposten bezeichnet haben. Doch Weber hat nie mit Bänziger gesprochen. Die beiden gelten als zerstritten, weil sich Bänziger am heftigsten gegen die Kür Webers als Deutsche-Bank-Chef gestellt haben soll. Bei der UBS geht man davon aus, dass sich Bänziger selbst ins Spiel gebracht habe, um seine Verhandlungsposition bei der Deutschen Bank zu verbessern. Dennoch: Der Eindruck, dass Ermotti zum damaligen Zeitpunkt kaum Webers Herzens-CEO war, ist sicherlich nicht falsch. So soll er sogar darüber nachgedacht haben, den scheidenden Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann als CEO vorzuschlagen. Kein Wunder, dass der Tessiner explizit Webers Zusicherung einholte.

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Weber muss zudem seine Macht erst konsolidieren. Es war 2008 eine der letzten Taten Ospels, die Amtszeit im Verwaltungsrat auf ein Jahr zu begrenzen. Die zwölf Mitglieder stehen also jedes Frühjahr zur Wiederwahl. Für Weber ist das Chance und Risiko zugleich. Er kann das Gremium zügiger mit Vertrauten besetzen, braucht aber auch die Zustimmung der bisherigen Mitglieder. Und da gibt es einige, die kaum auf ihn gewartet haben: Villiger und Grübel installierten den neuen Präsidenten quasi an ihnen vorbei. Der bisherige Vize Michel Demaré, der selbst den Job mit aller Macht wollte, war nicht erfreut.

Auch das «Zürich»-Konzernleitungsmitglied Axel Lehmann, bei der Besetzung der Konzernspitze des Versicherers nicht zum Zug gekommen, gilt als ambitioniert auf Höheres. Lead Director David Sidwell, als ehemaliger Morgan-Stanley-Finanzchef einziger Verwaltungsrat mit Führungserfahrung in einem globalen Finanzkonzern, dürfte auch erst mal abwarten, was der Professor und Beamte Weber zu bieten hat. Auch die Wahl der neuen Mitglieder geht nicht auf ihn zurück. Es war der scheidende Bruno Gehrig, der die Ökonomieprofessorin Bea­trice Weder di Mauro ins Spiel brachte, mit der er zusammen im Roche-Verwaltungsrat sitzt. Weber wurde natürlich befragt, er kennt und schätzt «Bea», wie er sie nennt, aus Deutschland, sie war nach ihm Mitglied des deutschen Sachverständigenrats. Doch der Impuls ging nicht von ihm aus, genauso wenig wie bei der ebenfalls neu bestellten Juristin Isabelle Romy. Im kleinen Kreis soll er schon verkündet haben, dass der Verwaltungsrat massiv erneuert werden müsse. Doch offiziell will er davon nichts wissen. Jetzt brauche es Kontinuität. Ein Abgang gilt fürs nächste Jahr aber bereits als sicher: Der frühere BMW-Chef Helmut Panke, letzter Überlebender aus der Ospel-Ära, hat als 65-Jähriger eigentlich schon dieses Jahr die Alterslimite erreicht.

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Umstrittenes Handgeld. Zudem bietet Weber eine spezielle Angriffsfläche. Ein «Weiter so» könne es nicht geben, kommentierte er die rekordhohe Nichtzustimmung zum UBS-Vergütungsbericht von 40 Prozent an seiner ersten Generalversammlung. Er selbst hat jedoch seinen Kritikern in dieser heikelsten Reputationsfrage eine Steilvorlage geliefert: Zwei Millionen Franken in bar und zwei Millionen UBS-Aktien bezog er als Antrittsprämie, ein Paket von mehr als vier Millionen Franken. Das Geld fliesst ohne Gegenleistung. Als die Bank vor kurzem die Verpflichtung des neuen Investment-Banking-Co-CEO Orcel bekanntgab, kursierten Antrittszahlungen von 20 Millionen Dollar. Doch die UBS tauschte lediglich die Aktienanrechte, die Orcel bei seinem früheren Arbeit­geber Merrill Lynch angehäuft hatte, gegen gesperrte UBS-Aktien. Ein branchenüblicher Vorgang. «Andrea Orcel bekommt kein Handgeld», betonte Ermotti dann auch bestimmt – sein Präsident aber schon.

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Webers Begründungen überzeugen nicht. Er fordere keine rückwirkenden Einzahlungen in die Pensionskasse (die bekommen andere UBS-Mitarbeiter auch nicht), auch habe er bei der UBS zunächst nur einen Einjahresvertrag (das gilt für alle VR-Mitglieder). Die Wahrheit ist banaler: Als Weber im Frühjahr 2011 mit der UBS verhandelte, hatte der damalige CS-Präsident Hans-Ulrich Doerig für das Jahr 2010 ein Salärpaket von 6,2 Millionen Franken bezogen. Das UBS-Angebot von 5 Millionen war Weber als neuem Präsidenten der grösseren Bank zu tief. Villiger liess jedoch gerade 2009 die Präsidenten-Vergütung auf diesen Betrag festlegen. So kam die Einmalzahlung ins Spiel. «Unanständige Abzockerei», so schimpften selbst Villigers Parteifreunde von der FDP Zürich.

Die Zahlung ist umso bedenklicher, als sie Webers grossen Trumpf, den Villiger an der Generalversammlung noch einmal ausdrücklich betonte, beschädigt: dessen Prinzipientreue. Er sei Anfang 2011 zurückgetreten als Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank und als Bundesbank-Chef, weil er die Käufe der maroden griechischen Staatsanleihen durch die EZB nicht mehr mittragen konnte, betonte er stets. Er war damit der prominenteste Verfechter des harten Sparkurses, den die Deutschen Süd­europa verordneten. Tenor: Leistung ohne Gegenleistung geht gar nicht. Jetzt kassierte er mehr als vier Millionen Franken – ohne Gegenleistung.

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Falsche Richtung. Auch wirkt die Standfestigkeit nicht ganz so überzeugend, wenn eine üppige Konkurrenzofferte lockt. Denn quasi gleichzeitig mit Webers EZB-Austritt verkündete Deutsche-Bank-Chef Ackermann unverhohlen ­seinen Wunsch, Weber zu seinem Nachfolger zu küren. In Frankfurt gilt es als ausgemacht, dass das Werben Ackermanns Webers Prinzipientreue deutlich befördert habe. Ackermanns Aufsichtsrat teilte die Begeisterung jedoch nicht, und nach zwei Gesprächen brach Weber die Verhandlungen ab. Für die Verhandlungen mit der UBS war das Werben Ackermanns jedoch einträglich.

Das Bizarre an den üppigen Zahlungen beider Grossbanken: Beide Schweizer Banken, die sich gerade in Regulierungsfragen so fortschrittlich geben, gehen damit im internationalen Vergleich in die falsche Richtung. Denn der Trend ist eindeutig: Die Verwaltungsratspräsidenten verlieren an Macht und an Bezahlung. In den USA etwa sind – wie traditionell in Deutschland auch – die Präsidenten der grössten Banken, Citigroup und Bank of America, wenig bekannt und mit weniger als einer halben Million Dollar vergleichsweise karg entlöhnt (siehe Tabelle auf Seite 36). In England, wo das Doppelmandat für Banken wie in der Schweiz verboten ist, liegt die Macht ebenfalls beim CEO, wie die Beispiele Barclays und Royal Bank of Scotland zeigen. Der einzige VR-Präsident, der weltweit noch mehr verdient als die beiden Schweizer, ist HSBC-Aufseher Douglas Flint. Doch selbst hier hat sich die Macht verschoben: Starker Mann ist heute der neue CEO Stuart Gulliver.

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Ermotti hat also einige Trümpfe in der Hand. Zwar will Weber seine ersten hundert Tage nutzen, um die Strategie noch einmal detailliert zu überprüfen. Doch grosse Würfe sind nicht zu erwarten. Die Bank wird ihre Schrumpfkur durchziehen, und das auf einem soliden Fundament. Die Ertragszahlen sind heute ziemlich genau auf dem Stand von 2003 (siehe Tabelle auf Seite 38), doch das Eigenkapital ist um 34 Prozent höher. Die UBS ist wieder klar die Nummer eins im Land, die Kapitalisierung deutlich besser als bei der CS.

Da wird auch Weber ganz zum Teamplayer. Er werde es nur gemeinsam mit Ermotti schaffen, betont er intern – oder gemeinsam mit Ermotti untergehen.