Eigentlich ist Sabrina Hartusch, Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung der Insurance und Risk Manager (Sirm), ganz zufrieden mit den angebotenen Dienstleistungen der Versicherungsgesellschaften. Sie spricht aus Erfahrung, denn hauptberuflich ist sie globale Versicherungschefin bei Triumph International. Doch ausruhen auf den Lorbeeren gilt für die Versicherer nicht: «Es hat noch Potenzial», sagt sie bestimmt. So wäre es positiv, wenn im Schadenprozess die gleiche Leidenschaft gezeigt würde wie bei der Anbahnung eines neuen Versicherungsvertrags.

Die Schadenabwicklung könnte besser werden. Die Tools der Versicherer seien stark auf die Administration ausgerichtet und weniger dynamisch über die Policen-Laufzeit hinweg. «Da könnte man im Dialog zwischen Assekuranz und Versicherungsnehmer zulegen hinsichtlich Verständlichkeit, Schnelligkeit – und allgemein aufeinander zugehen», so Hartusch im Gespräch. Nebst dem reinen Risikotransfer wäre auch dem Risikovermeidungsgedanken seitens der Versicherer noch mehr Beachtung zu schenken. Eine noch grössere Bedeutung sollte auch den ESG-Kriterien – also Environment, Social, Governance – beigemessen werden. Und schliesslich wäre es ein Fortschritt, wenn die Entwicklung von neuen Versicherungsprodukten nicht ähnlich lang wie in der Pharmabranche dauern würde.

Sachkompetenz verlangt

Vom Versicherer wird seitens Firmenkunden vor allem Sachkompetenz verlangt. Die Versicherungsspezialisten müssen sich in die Bedürfnisse der Kunden hineindenken. Wichtig ist, dass der Prozess der Versicherungsabwicklung möglichst effizient und schlank gestaltet wird.

Für Sabrina Hartusch sind die Unternehmen genügend stark für Risiken sensibilisiert, denn sonst hätte man nicht über Jahrzehnte bestehen können. Natürlich sei es unmöglich, jedes Risiko vorauszusehen, den Umgang mit den Risiken könne man jedoch beeinflussen. Doch jedes noch so gut gemeinte Risk-Reporting nütze nichts, wenn es nicht gelebt werde.

Strategischer Vorteil

Das Bedürfnis nach den verschiedensten Versicherungsabdeckungen ist oft so breit, dass dies ein einzelner Versicherer gar nicht befriedigen kann. Zudem macht es beispielsweise für ein KMU durchaus Sinn, das Versicherungsmanagement kompetent zu bewirtschaften, da es einen strategischen Vorteil generiert. Der Versicherungsschutz nur von einem Anbieter kann gut sein, muss es aber nicht. In manchen Fällen will man für gewisse branchen- oder unternehmensspezifische Risiken zusätzlich einen spezialisierten Partner.

Eine langfristige Kundenbindung ist aber keine Selbstverständlichkeit. Ein Haupttreiber zu einer langfristigen Geschäftsbeziehung ist die Servicequalität. Hartusch: «Wenn der Service nicht stimmt, dann entsteht zwischen dem Versicherer und dem Kunden auch bei einem guten Preis keine dauerhafte Bindung. Das können Kleinigkeiten sein. Beispielsweise wie schnell der Rücklauf auf Fragen aus dem Unternehmen ist.»

Für ein gutes Versicherungsmanagement im Unternehmen braucht es für Risikomanagerin Hartusch genügend Ressourcen und Kompetenz. Wichtig seien interne Ansprechpartner, die sich mit der Materie auseinandersetzen. Gleichzeitig gelte es, extern in der Versicherungswirtschaft ein gutes Netzwerk aufzubauen. Zentrale Aufgabe sei ein laufendes Risk Assessment, um adäquate Vorschläge für eine Versicherungsdeckung zu erarbeiten.

Digitalisierung wird Angebotspalette verfeinern

Im Zuge der Digitalisierung werden vermehrt standardisierte Produkte forciert. «Aber», so Hartusch, «jedes Produkt im Grosskundengeschäft hat wieder andere Finessen; kein Vertrag ist wie der andere.» Die Digitalisierung werde die Angebotspalette weiter verfeinern und damit auch den Risikotransfer differenzierter machen. Bisher sei die technologische Weiterentwicklung sehr stark in der Administration und Verwaltung spürbar gewesen. Dazu gehören Online-Plattformen für Ausschreibungen, die auch immer häufiger genutzt werden.

Die Sirm-Präsidentin sieht das durchaus kritisch. «Im Standardgeschäft, wie etwa der obligatorischen Unfallversicherung, mag das gehen. Bei komplexeren Ausschreibungen aber wird es schwieriger. Wenn es um den Fortschritt des Versicherungsproduktes und der ganzen Industrie geht, dann stehen wir allerdings erst am Anfang.» Wo sieht sie in der nahen Zukunft die grössten Veränderungen? Hartusch: «Der Trend geht ganz klar in Richtung Früherkennung, Risikoprävention und Schadenminderung. Die Versicherer machen dies über den reinen Risikotransfer hinaus, um in einem sich verändernden Markt wettbewerbsfähig zu bleiben. Damit einbezogen ist auch die digitale Abwicklung des Schadenprozesses.»

 

Lesen Sie das gesamte Interview in der November-Ausgabe der «Schweizer Versicherung».

Cover SV11
Quelle: «Schweizer Versicherung»