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Zeitenwende
UPC zwingt Kunden zum Kauf von Radios

UPC zwingt Kunden zum Kauf von Radios
Cablecom: Der Konzern schaltet das anaolge UKW ab. Keystone

Der Kabelnetzbetreiber UPC stellt beim Radio von UKW auf DAB+ um. Allerdings sendet er dieses in Frequenzen aus, die für heutige Stereoanlagen zu hoch sind. Nur ein UPC-Gerät kann sie entschlüsseln.

Von Michael Heim
2016-11-23

Auf den Kundendienst des Kabelnetzbetreibers UPC (ex «Cablecom») kommt Ungemach zu. Ab morgen Donnerstag erhalten rund tausend Kunden im Raum Luzern statt dem UKW-Radiosignal übers Kabel nur noch Rauschen – testweise.

Grund ist, dass UPC die Radiosignale digitalisiert und die analoge Übertragung im Gegenzug einstellt. Teilweise sofort, teilweise nach einer gewissen Übergangsfrist, wie Unterlagen zeigen, die der «Handelszeitung» vorliegen. Das geschähe aus Kapazitätsgründen, sagt UPC-Sprecherin Sarah Nettel dazu.

Start in Luzern

Gestartet wird in Luzern. Die betroffenen Haushalte wurden vor rund zwei Wochen informiert. Danach soll die Migration im Rahmen des Programms «on Air» in der gesamten Schweiz stattfinden, wie aus den UPC-Unterlagen hervor geht.

UPC löst das analoge UKW-Signal mit dem digitalen DAB+ ab. Sie argumentiert in Kundenbriefen, dies sei eine Aufwertung, da nicht nur die Qualität verbessert werde, sondern auch die Zahl der Sender erhöht werde. Doch die Migration hat einen Haken: Das DAB-Signal von UPC ist mit heutigen Empfangsgeräten nicht kompatibel.

DAB+-Signal nicht kompatibel

UPC strahlt die DAB-Sender auf einer höheren Frequenz aus, als das terrestrisch – über die Luft – üblich ist. Diese Frequenzen können von den gängigen Stereoanlagen oder DAB+-Radios nicht entschlüsselt werden. Auch UPC ist sich dessen bewusst: «Heutige im Handel erhältliche DAB+ Geräte unterstützen diesen erweiterten Standard nicht», hält sie auf einer versteckten Website für betroffene Kunden fest. Wer dennoch Radio hören will, braucht ein «exklusiv» von UPC vertriebenes Gerät. Einen Cablecom-Volksempfänger, quasi.

Das «DAB+-Empfangsgerät» verkauft UPC für 119 Franken. Im Prinzip ist es ein normales DAB-Radio mit dem Unterschied, dass es im Gegensatz zu anderen Geräten die dafür notwendigen, höheren Frequenzen entschlüsseln kann. An eine Stereoanlage kann das Gerät lediglich über den Kopfhörerausgang angeschlossen werden.

«Aus der Vergangenheit nichts gelernt»

Für die Stiftung für Konsumentenschutz sind das unhaltbare Zustände. Geschäftsleiterin Sara Stalder bezeichnet das Empfangsgerät als «Set Top Box mit Lautsprecher». Die Bindung an ein exklusives und sehr teures Gerät sei konsumentenunfreundlich. Es sei «erstaunlich», dass UPC aus vergangenen Diskussionen nichts gelernt habe, so Stalder. «Wir empfehlen den Leuten, mit diesem Wechsel vorerst zu warten und auf den terrestrischen Radioempfang» zu setzen.

UPC-Sprecherin Nettel verweist darauf, dass es sich bei Luzern um einen Testlauf handle. Man gehe davon aus, dass schon im kommenden Jahr Geräte am Markt verfügbar seien, die auch die höheren Frequenzen des UPC-DAB empfangen könnten. Radio könne auch über andere Empfangsgeräte wie die UPC-Horizon-Boxen empfangen werden, sagt Nettel. Zudem verweist sie auf die terrestrische Verbreitung: «Selbstverständlich können weiterhin UKW Radio und DAB+ über eine Zimmerantenne empfangen werden».

Grund liegt in neuem Daten-Standard

Grund für die Inkompatibilität ist ein Konflikt zwischen den Standardfrequenzen für Radio und den neuen Standards für Internet-Traffic über Kabelnetze. Die Frequenzverschiebung sei notwendig, wenn man den Internet-Upstream erhöhen wolle, sagt Nettel. Konkret benötigt der Kabelnetz-Standard Docsis 3.1 jene Frequenzen, die bisher von DAB+ belegt werden.

Aufmerksam beobachtet werden die Tests auch bei Partnernetzen von UPC – etwa in Basel, wo das Netz der Stiftung Telebasel gehört, die auch das lokale Fernsehen betreibt. Man werde die Reaktionen in Luzern abwarten, um entscheiden zu können, ob man selber aktiv werde, sagt Roger Thiriet, Präsident der Stiftung. «Wenn es Schwierigkeiten gibt, sind wir die ersten, die sagen: Das geht nicht.»

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