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Stadtbauern
Urban Farmers versuchen in Wallisellen das Comeback

Urban Farmers in Zürich: Gewächshaus für Private und Restaurants (Visualisierung).  zvg

Ein Zürcher Unternehmen will in Wallisellen im 
industriellen Massstab Fische züchten und Gemüse pflanzen. Bei der Umsetzung wollen die Macher weiterkommen als noch in Basel.

Von Ruedi Mäder
am 06.09.2017

Roman Gaus gibt auf dem Areal der ehemaligen Seiden­faden-Zwirnerei Zwicky in Wallisellen ein Comeback: Mit den Urban Farmers Switzerland will der 38-Jährige für Privatkunden, Händler und Restaurants Fisch und Gemüse produzieren. Gestartet sind die Urban Farmers bereits vor fünf Jahren in Basel. Dort richteten sie auf dem Dach 
eines Lokomotivdepots eine Pilotfarm mit 250 Quadratmeter Fläche ein. Die Migros Basel verkaufte die Produkte testweise und prüfte eine Kooperation.

Doch der Plan einer Farm auf dem 
Supermarktdach wurde nicht umgesetzt. Stefano Patrignani, Chef der Migros Basel, ist zwar nach wie vor von der Qualität 
der Produkte überzeugt. Allerdings hätten sich innerhalb von zehn Jahren die Investi­tionen nicht amortisieren lassen. Zudem konnte die Migros nicht garantieren, dass die Farm länger an jenem Standort hätte produzieren können.

Buntbarsche und Cherrytomaten

Was in Basel nicht klappte, soll im Osten Zürichs realisiert werden. Anfang 2018 soll der Betrieb starten. Gaus und drei 
weitere private Aktionäre, darunter die Bauherrin Zwicky, investieren über 4 Millionen Franken und hoffen auf eine Rendite von 7 Prozent.

Die Urban Farmers 
haben die Technik mittlerweile im Griff. Nach ihrem Konzept wird seit Mitte 2016 in Den Haag in einer ehemaligen Philips-Fabrik gezüchtet und gepflanzt, 20 Tonnen Fisch und 55 Tonnen Gemüse jährlich. Tilapia-Buntbarsche und Cherry­tomaten sind die grössten Umsatzträger. Mit 1600 Quadratmeter Fläche und einem Dutzend Beschäftigten ist es die grösste Dachfarm in Europa. Aber sie wirft keinen Gewinn ab. Gaus sagt, die Rentabilisierung sei nur eine Frage der Zeit.

Von Kaffee zum Bauern

Urban Farming ist aus Zufall zu Gaus’ Job geworden. Nach dem Wirtschafts­studium an der Uni St. Gallen startete der Luzerner im Konsumgüterbereich bei Procter & Gamble, wechselte danach zu Novartis Consumer Care. Später assistierte er Michael Pieper, dem Patron der Franke-Industriegruppe. Als 28-Jähriger erhielt er die Chance, in Seattle das US-Kaffeemaschinengeschäft von Franke zu leiten. Nur: Gaus fand sich bald – unverschuldet – in einer Restrukturierungsgeschichte. 


Er suchte eine andere Herausforderung und wollte Unternehmer werden. Ein Freund machte Gaus auf das Startup Sweet Water Organics in Milwaukee 
(Wisconsin) aufmerksam: Dort tüftelten zwei US-Unternehmer ohne technisches Rüstzeug an einer Alternative zur konventionellen Landwirtschaft. Sie wollten Fischzucht (Aquaponik) und Hydrogemüseanbau (Hydroponik) kombinieren und eine natürliche Symbiose nutzen. Fisch-Exkremente werden dabei von Bakterien zu Nitraten zersetzt, diese dienen als Pflanzenfutter. Die Wurzeln der Pflanzen reinigen das Wasser.

Technologie aus Wädenswil

Lange vor den Amerikanern hatte sich der Umweltnaturwissenschafter Andreas Graber von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) mit Aquaponik zu befassen begonnen. 2002 baute er eine erste Pilotanlage. Gaus stiess bei seinen Recherchen auf Graber, 
gemeinsam gründeten sie 2011 die Urban Farmers.

Im dritten Anlauf gelang es sogar, vom Bund unterstützt zu werden. Die Kommission für Technologie und Innovation investierte 0,9 Millionen Franken. Zeitweilig arbeiteten mehr als ein Dutzend Wissenschafter am Projekt. Im Zentrum stand die Entwicklung einer Steuerungseinheit zur Automatisierung der Anlage. 2013 nahm man in Basel den Techniktest in der Praxis in Angriff. Der Transfer des Know-hows aus dem Labor hinaus war viel anspruchsvoller als erwartet. Zur 
gleichen Zeit gab die Sweet-Water-Crew in Milwaukee überschuldet auf.

Investorensuche vertagt

Am Ziel sind auch die Urban Farmers nicht. Der Technologietransfer aus dem Labor hinaus war anspruchsvoller als erwartet. Zum Kerngeschäft gehört auch das Anwerben von Direktkunden, mit denen mindestens die Hälfte des Umsatzes erzielt werden soll. Die vor einem Jahr angekündigte Internationalisierung mit zehn Dachfarmen in Städten an der US-Ostküste ist bisher ein Plan geblieben.

«Bevor wir konkret auf Investorensuche gehen, wollen wir die Projekte gemeinsam mit Immobilienfirmen und potenziellen lokalen Franchise-Nehmern entwickeln», sagt Gaus. Bisher konnten die Urban Farmers 10 Millionen Investitionskapital beschaffen. Das sei «im internationalen Vergleich sehr wenig», relativiert Gaus. Im gleichen Zeitraum konnte in den USA ein Konkurrent mehr als 70 Millionen Dollar für ein halbes Dutzend Farmen aufnehmen. Aber das Schweizer Team ist überzeugt, dass seine neue Saat aufgeht.

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