Hier in Mount Pleasant, Texas, gibt es noch hausgemachten Apfelkuchen. Grosse Paraden zum amerikanischen Unabhängigkeitstag am 4. Juli. Und einen unerschütterlichen Glauben ans Vaterland. Die Fernseher in dem 12 000-Seelen-Städtchen zwei Autostunden östlich von Dallas liefen während des Irak-Krieges Tag und Nacht; Nachrichten vom Golf waren rund um die Uhr gefragt.

Mount Pleasant ist das, was die Amerikaner «Middle America» nennen – ein gottesfürchtiger und patriotischer Flecken in der Provinz. Wie viele ärmere Gemeinden im ländlichen Texas stellt die Kleinstadt die Mehrheit ihrer jungen Männer als Soldaten. In Mount Pleasant hat fast jeder einmal gekämpft, ob im Zweiten Weltkrieg, in Korea oder am Golf. «Wir haben jeden beschützt, jeder Nation geholfen», sagt Gene Hinson, der örtliche Apotheker. Und fügt hinzu, was Middle America in diesen Tagen so denkt: «Jetzt kehren uns viele Länder den Rücken zu. Da kann man nur hoffen, dass ihnen nie mehr ein Steuergroschen Entwicklungshilfe gezahlt wird.»

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Die Stimmung ist eindeutig. Seit den Terroranschlägen vom 11. September und spätestens seit der Machtdemonstration im Irak will Amerika der Welt zeigen, wo es langgeht – ob mit militärischem oder wirtschaftlichem Druck. Dass das wirkt, denkt auch der eine oder andere Intellektuelle des Landes. Eine ganze Menge Geschäftsleute und Diplomaten aus Frankreich, berichtete kürzlich der «New York Times»-Kolumnist Thomas L. Friedman mit spürbarer Befriedigung, seien inzwischen sauer auf ihren Präsidenten und seinen Aussenminister. Die französische Ablehnung des Krieges im Irak sei «zu weit gegangen» – nicht zuletzt, weil die Franzosen «stark vom Handel mit und den Investitionen aus den USA abhängen».

Es sind Triumphzeiten für Amerika. Der Ausgang der militärischen Muskelschau am Golf stand von Beginn an nie in Zweifel: Wie sollte ein Krieg wohl ausgehen, in dem der Angreifer die Hälfte aller Weltrüstungsausgaben tätigt? Die Übermacht war so klar, dass die amerikanischen Börsennotierungen schon vor dem ersten Schusswechsel in die Höhe schnellten. Die Volkswirtschaft wurde kaum belastet, weil die Vereinigten Staaten sich Kriege leisten können. Das aberwitzige Rüstungsbudget von knapp 400 Milliarden Dollar macht gerade mal dreieinhalb Prozent des amerikanischen Sozialproduktes aus, und das Bombardement von Bagdad schlug nach Schätzungen aus dem Weissen Haus mit «nur» 70 bis 80 Milliarden Dollar zu Buche.

Amerika ist ein wirtschaftlicher Koloss. Mit fünf Prozent der Weltbevölkerung erwirtschaften die Vereinigten Staaten fast ein Drittel des Weltsozialprodukts. Die Mehrheit der hundert grössten Unternehmen der Erde hat ihren Hauptsitz in Amerika, die mächtigsten Investment-Banken der Welt sind an der Wall Street zu Hause. Keine andere Nation liefert mehr Filme, Fernsehen und Musik, nirgendwo sonst wird Jahr für Jahr eine grössere Zahl neuer Patente angemeldet. Der Dollar ist nach wie vor die internationale Leitwährung, Amerikaner kontrollieren die Schaltzentralen des Internet und bilden die Topmanager der Welt aus. Betrachtet man die Statistiken, kann sich unter den grossen Industrienationen kein anderes Land mit den Vereinigten Staaten messen. Ob beim Wachstum, bei der Produktivitätsentwicklung oder der Mobilisierung von Arbeitskräften – überall sind Amerikas Zahlen die besten.

Auf den ersten Blick jedenfalls. Zwischen all den Kriegsberichten der vergangenen Wochen ging fast unter, dass sich das Leistungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr um 28 Prozent vergrössert hat – auf rund eine halbe Billion Dollar. Wieder einmal führten die Amerikaner mehr Waren und Dienstleistungen ein, als sie exportierten, und wieder einmal taten sie das auf Pump, im Gegenzug für Anleihen, Investitionen und Aktien. Die Welt leiht Amerika Geld. Das ist einerseits ein Vertrauensbeweis, andererseits eine Zeitbombe, falls die Welt es sich irgendwann anders überlegt. So passierte es in den Achtzigerjahren während der Ära Reagan, als der Dollarkurs stark schwankte und 1987 die Börsen krachten. Weltweite Finanztumulte waren die Folge. Heute haben «die internationalen Anleger weniger Kapital zur Verfügung, und sie sind ohnehin schon kräftig in amerikanische Werte investiert», warnt Catherine Mann vom Institute for International Economics (IIE). «Die Finanzierungsprobleme für das explodierende Defizit wachsen rapide», mahnt die Investment-Bank Goldman Sachs.

Um sein Wachstum weiter zu finanzieren, ist Amerika auf den Goodwill der Anleger aus dem Ausland angewiesen. Der aber hängt nicht allein von wirtschaftlicher Grösse oder militärischer Macht ab. Dass die Vereinigten Staaten die ökonomische und politische Nummer eins der Welt sind, ist unbestritten – dass sie es bleiben, nicht. Noch Anfang der Neunzigerjahre war vom «decline» Amerikas die Rede, von der Furcht vor einem relativen Abstieg. Das Imperium fällt zurück, lautete das Urteil der Kritiker.

Gewarnt wurde vor etlichen Rissen im amerikanischen System. Der heutige Princeton-Ökonom Paul Krugman etwa prangerte in seinem Bestseller «The Age of Diminished Expectations» die zunehmende Ungleichheit zwischen Arm und Reich im Lande an. Kulturkritiker wie Robert Putnam («Bowling Alone») sahen die amerikanische Gesellschaft auseinander driften. Andere Experten warnten angesichts eines in Teilen maroden Bildungssystems vor den Gefahren für die amerikanische Wissensgesellschaft.
Tatsächlich: Heute haben 40 Millionen US-Bürger keine Krankenversicherung, die Chefs verdienen im Durchschnitt 400-mal mehr als ihre Angestellten und Arbeiter. Dennoch sind die Debatten weitgehend verstummt. Zunächst machte ihnen der unerwartete Börsen- und Wirtschaftsboom der späten Neunzigerjahre den Garaus, dann der aufwallende Patriotismus nach dem 11. September 2001. Und jetzt?

Die euphorische Reaktion der Börse zum Kriegsbeginn spiegelte wider, was in den vergangenen Monaten viele Ökonomen und Wall-Street-Auguren stetig wiederholten: dass Amerika stark bleibt. Dass es «geopolitische Unsicherheiten» waren, die den Aufschwung verzögerten, wie Notenbankchef Alan Greenspan sagte. «Die USA stehen vor einem Wirtschaftsboom», erwartete der amerikanische Ökonom Fred Bergsten. Es sei «gut möglich, dass die US-Wirtschaft in der zweiten Hälfte dieses Jahres um vier bis fünf Prozent wächst».

Doch seit dem Ende des Krieges lässt der Börsenaufschwung auf sich warten, die Wirtschaft dümpelt weiter, die Arbeitslosenquote ist auf ihren Rekordstand von sechs Prozent zurückgekehrt. Er sei immer noch «entschieden zurückhaltend» in Sachen Wirtschaftswachstum, sagt Morgan-Stanley-Chefökonom Stephen Roach. Das Economic Policy Institute in Washington prognostiziert auf absehbare Zeit bestenfalls «jobless growth» – mässiges Wachstum ohne zusätzliche Arbeitsplätze. Die Meldungen von Massenentlassungen und Betriebsschliessungen reissen nicht ab, eine Reihe von Fluggesellschaften düste haarscharf am Konkurs vorbei, die verschuldeten und um ihren Arbeitsplatz besorgten Konsumenten kürzen ihre Einkaufslisten.

Ohne einen nachhaltigen Aufschwung aber werden auch die strukturellen Probleme der USA wieder stärker zu Tage treten. Schon jetzt machen sich kritische Ökonomen Sorgen, dass etwa all jene ehemaligen Sozialhilfe-Empfänger, die während des Booms der Neunziger einen Job fanden, nun wieder in die Armut zurückfallen. Geld für neue Sozialprogramme allerdings fehlt – was auch daran liegt, dass der wichtigste Mann im Staat über seine Prioritäten längst entschieden hat. George W. Bush will in den kommenden zehn Jahren bis zu 1,8 Billionen Dollar neuer Schulden aufnehmen, die ins Militär und in radikale Steuersenkungsprogramme fliessen sollen. Ausgeglichene Haushalte kann Bush oder ein Nachfolger in diesem Jahrzehnt bloss dann erwarten, wenn Amerika bald wieder Wachstum nach dem Vorbild der Neunzigerjahre liefert.

Eine gewagte Wette. Um sie zu gewinnen, könnte der militärische Konflikt am Golf sogar hilfreich sein – allein schon wegen der Siegesbilder aus Bagdad. «Amerika bekommt all dieses ausländische Kapital, weil die Leute denken: Die USA sind so mächtig, sie sind geopolitisch sicher», sagt Edward D. Luttwak vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington. Doch lässt sich die militärische Übermacht wirklich so einfach in die Welt der Wirtschaft übersetzen?

«Die wirtschaftliche Sphäre funktioniert anders als die militärische und geopolitische», meint Joseph Nye, Dean der Kennedy School of Government in Harvard und Autor des Buches «The Paradox of American Power». In der Wirtschaft, so Nye, «bestehen viele Abhängigkeiten, es gibt eher ein Kräfte- gleichgewicht zwischen den Blöcken». Im Klartext: Amerika ist auf den Rest der Welt angewiesen, auch wenn es das ungern wahrhaben will. So sind grosse Teile der amerikanischen Exportwirtschaft – die immerhin zehn Prozent direkt zum Bruttosozialprodukt des Landes beiträgt und Millionen Arbeitsplätze sichert – auf freundlich gesinnte Konsumenten in aller Welt angewiesen. Globale Marken wie Coca-Cola und Nike könnten leiden, wenn Verbraucher in Asien, Lateinamerika oder Europa die Vereinigten Staaten für ein aufdringliches und selbstherrliches Imperium hielten.

Zu den Geheimnissen des amerikanischen Wirtschaftserfolges gehört bislang auch die anhaltende Attraktivität als Einwanderungsland. Junge Familien mit frischer Arbeitskraft und vielen Kindern, die auf der Suche nach dem amerikanischen Traum in die USA kommen, sorgen für eine «jüngere, gemischtere und im Schnitt dynamischere» Gesellschaft, wie der britische «Economist» einmal urteilte. Hält dieser Trend an, wird diese Gesellschaft Mitte des Jahrhunderts 15 Jahre jünger sein als die Bevölkerung Europas – das dann zu Recht Old Europe heisst und dessen Volkswirtschaften unter der Rentenlast ächzen. Nur: Kommen die Einwanderer auch dann noch, wenn die USA ihr gutes Image in aller Welt verlieren und sich zunehmend abschotten?

Schon jetzt werden Immigranten aus islamischen Nationen bespitzelt und teilweise aus dem Land vertrieben. Und ausländische Studenten und Wissenschaftler haben es immer schwerer. «Ich gehe davon aus, dass der Antragsweg künftig länger wird, vielleicht dreimal so lang», fürchtet Allan Goodman, Präsident des Institute of International Education, das die Fulbright-Stipendien vergibt.

Und noch in einem weiteren Bereich könnte der amerikanischen Wirtschaft Übles drohen, wenn im Krieg und danach allzu viel Goodwill verloren ginge: Auch amerikanische Unternehmen sind in aller Welt auf die Kooperation mit den Behörden angewiesen. Konzerne, die fusionieren wollen, müssen sich dafür die Genehmigung europäischer Behörden holen; der Softwareproduzent Microsoft muss seine Wettbewerbspraktiken auch vor der EU-Kommission und Gerichten in aller Welt rechtfertigen. Amerikanische Fluggesellschaften brauchen Landeerlaubnis, amerikanische Film- und Fernsehmacher verdienen ohne internationale Copyright-Gesetze weniger Geld, und ohne Zulassungen in fernen Ländern bleiben amerikanische Landwirte auf ihren gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln sitzen. «Die Welt in Freunde und Feinde aufzuteilen, würde ökonomisch teuer ausfallen», glaubt Jeff Madrick, ein New-Yorker Ökonom. Hier liegen langfristig die grössten Gefahren für die Vereinigten Staaten.

Das ist auch in den USA eigentlich keine neue Erkenntnis. Viele Regeln der internationalen Wirtschaft sind in den vergangenen Jahrzehnten unter starkem US-Einfluss entstanden. Die Welthandelsorganisation (WTO) zum Beispiel ist letztlich eine Erfindung der Amerikaner – und die kommende WTO-Verhandlungsrunde für eine weitere Liberalisierung des weltweiten Güter- und Dienstleistungsverkehrs könnte zu einem grossen Test werden. Der transatlantische Streit um Agrarsubventionen etwa sei schon jetzt «eine tickende Zeitbombe», meint Jagdish Bhagwati, Handelsökonom an der Columbia University.

Die Preisfrage ist, wie weit die Regierung des Kriegspräsidenten Bush ihre amerikazentrische Sicht der Dinge auch in der wirtschaftlichen Sphäre durchsetzen will. «Jeder weiss: Es gibt laute Stimmen in den USA, die internationale Institutionen ablehnen, und viele davon sind Bush sehr nahe», glaubt Lester Thurow vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). Längst schon gehört es zur offiziellen Strategie des US-Handelsrepräsentanten Robert Zoellick, ausserhalb der WTO bilaterale Verträge ganz nach dem Gusto der Vereinigten Staaten abzuschliessen. Dass manche Entwicklungsländer mit Drohungen über den Entzug von Hilfe auf die eigene Seite gezogen werden sollen, war nicht nur Teil des diplomatischen Schauspiels vor Kriegsbeginn im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Es gehört auch zum amerikanischen Geschäftsgebaren im Ringen um handelspolitische Verbündete.

Ob George Bush und seine Administration weiter in diese Richtung marschieren, hängt in den kommenden Monaten nun von der Geopolitik ab und von der Konjunktur. Bleibt der amerikanische Triumph ein Triumph, klappt der Wiederaufbau im Irak und vielleicht sogar ein Friedensplan für die Palästinenser, gewinnt die Börse ihren Schwung zurück, heisst es: Die USA sind stark genug, um es allein zu schaffen. Dauert es länger, wachsen neue Feinde in Syrien, Iran und in Nordkorea heran, schwächelt die Wirtschaft, stürzt der Dollar, dann werden auch in Amerika jene Stimmen lauter, die Krieg nicht nur für das falsche Mittel der Politik gehalten haben. Es werden sich dann auch jene melden, die ihre Finger auf die Wunden der amerikanischen Gesellschaft und der amerikanischen Wirtschaft legen.

Gut möglich, dass man dann auch in Mount Pleasant nicht mehr nur über die Krieger redet, die der Ort hervorgebracht hat. Sondern auch über seine Arbeitslosen und seine Armen.