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Warum die Schweiz im «War for Talents» zulegen muss

Seungsu Kim, et Ashwini Shukla, chercheurs, presentent un bras robotique ultra-rapide qui saisit des objets en plein vol developpe par le Laboratoire d'algorithmes et systemes d'apprentissage (LASA) de l'EPFL ce lundi 12 mai 2014 sur le site de l'EPFL a Lausanne. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)
EPFL-Forscher: Die ETH in Lausanne ist führend in der Robotik und auf internationale Studierende und Fachkräfte angewiesen.Quelle: Keystone .

Für internationale Unternehmen wird die Schweiz immer unattraktiver. Schuld ist vor allem der Fachkräftemangel. Das Problem ist hausgemacht. 

Melanie Loos
Von Melanie Loos
am 30.04.2019

Immer weniger multinationale Konzerne lassen sich hierzulande nieder, bis vor einigen Jahren war die Schweiz noch das attraktivste Land. Neben schwindender Steuerattraktivität und politischen Unsicherheiten, vor allem in Bezug auf das künftige Verhältnis zur EU, sind die mangelnde Verfügbarkeit und Mobilität von qualifizierten Arbeitskräften das grösste Problem. 

Die Unternehmensberatung McKinsey hat 100 CEOs und Führungskräfte führender Konzerne in und ausserhalb der Schweiz befragt: Die Schweiz geniesst zwar noch ein recht hohes Ansehen, doch sie verliert im internationalen Wettbewerb.

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Fachkräfte fehlen insbesondere in Technologieberufen, obwohl die Schweiz führende technische Universitäten hat. So ist die Zahl der Schweizer MINT-Studienabschlüsse laut dem europäischen Statistikamt Eurostat mit 21'000 pro Jahr vergleichsweise gering. In Grossbritannien etwa gibt es jährlich 200'000 solcher Abschlüsse.

Ein weiteres Problem: Internationale Studienabgänger der MINT-Fächer aus Drittstaaten haben nur sechs Monate Zeit, um eine Stelle zu finden, bevor sie die Schweiz verlassen müssen. Die befragten Manager sorgt auch die geringe Attraktivität für Frauen, in der Schweiz zu arbeiten – unter anderem wegen hoher Kinderbetreuungskosten. Dies schränke den «Talentpool» noch weiter ein. 

Restriktive Einwanderungspolitik

Die fehlenden Schweizer Fachkräfte durch ausländische Spezialisten von ausserhalb Europas zu ersetzen – beispielsweise Tech-Spezialisten aus den USA – sei ebenfalls schwierig. Grund dafür ist die restriktive Einwanderungspolitik gegenüber Drittstaatsangehörigen.

Denn die Kontingente des Bundesrats sind gering – in diesem Jahr auf 8'500 begrenzt – und Schweizerinnen und Schweizer haben Vorrang. Unternehmen müssen beweisen, dass sie keine geeigneten Inländer finden. Ein Prozess der mit bürokratischem Aufwand und zusätzlichen Kosten verbunden ist. Dies wird seit Einführung der Stellenmeldepflicht weiter verschärft.

Für junge Fachkräfte vor allem in Tech-Berufen – zum Beispiel Startups – sei die Schweiz zudem nicht attraktiv genug, vielmehr werde die hohe Lebensqualität eher von internationalen Fachkräften mit Familie geschätzt. Auch die Mobilität der Arbeitskräfte innerhalb des Landes oder wenn ein Unternehmen den Sitz oder Geschäftsbereiche ins Ausland verlagert, sei nur gering. 

Mehr Ausbildungskapazitäten

Doch die Schweiz wird in Zukunft auf ausländische Talente angewiesen sein. Nur so könne sie für multinationale Unternehmen wieder attraktiver werden. Entsprechend müsse die Einwanderungspolitik auf die dringend benötigten Fachkräfte ausgerichtet werden, so die Studienautoren

Sie empfehlen daher, in der Schweiz ausgebildeten Akademikern automatisch temporäre Arbeitsbewilligungen zu gewähren. Zudem sollten die Einwanderungsverfahren vereinfacht werden für bestimmte hochqualifizierte Spezialisten aus den Ausland. Ausserdem müssten die Schweizer Universitäten ihre Kapazitäten ausbauen, um Schweizer und internationale Studenten in den stark gefragten Berufen – vor allem den MINT-Fächern auszubilden.

Bedeutung internationaler Unternehmen

Schweizer und ausländische Grosskonzerne sind für die hiesige Wirtschaft unverzichtbar: Sie erwirtschaften über ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts, schaffen 1,3 Millionen Arbeitsplätze – rund ein Viertel aller Jobs. Sie bescheren dem Bund fast die Hälfte der Unternehmenssteuereinnahmen – und das, obwohl sie nur 4 Prozent aller Gesellschaften ausmachen.

Multinationale Konzerne treiben auch die Innovationskraft voran: Fast 50 Prozent der privatwirtschaftlichen Ausgaben in Forschung und Entwicklung kommen aus solchen Unternehmen. Zudem sie auch produktiver als andere Firmen. Laut einer OECD-Studie ist diese Produktivitätslücke in den vergangenen Jahren weiter gewachsen. 

Lange Zeit war die Schweiz der attraktivste Standort für internationale Grossunternehmen. Doch diesen Spitzenplatz hat sie in den letzten fünf Jahren eingebüsst: Mächtige Tech-Konzerne wie Apple, Alibaba, Facebook, Uber und Co. haben einen Bogen um die Schweiz gemacht, in jüngster Zeit haben einige Konzerne sogar Geschäftsbereiche aus dem Land heraus verlagert.

Irland und Niederlande sind attraktiver

In den vergangenen zehn Jahren haben zwar mit Amcor, Cardinal Health, Coca-Cola Hellenic und Oracle Labs vier multinationale Konzerne zentrale Dienste in der Schweiz angesiedelt. Aber weder die führenden Tech-Konzerne noch grosse chinesische Unternehmen haben sich hierzulande niedergelassen. Stattdessen legten die meisten ihre Europazentralen nach Irland, die Niederlande oder Grossbritannien – zumindest bis vor dem Brexit-Referendum.

Eine Ausnahme ist Google, das mittlerweile rund 2500 Mitarbeiter und damit den grössten Unternehmenssitz ausserhalb der USA in der Schweiz hat. Ein weiteres Beispiel ist das Biopharmaunternehmen Celgene, das etwa 10 Prozent seiner 7000 Angestellten in der Schweiz beschäftigt.