Die Schweiz ist bei Innovation und Investitionskapazitäten führend. Sie ist damit ein fruchtbares Land für Jungunternehmen, ausser für Start-ups im Internet. Diese haben häufig Mühe, zu gedeihen.

«Die Schweiz ist nicht bereit, ein eigenes Silicon Valley zu haben. Zumindest noch nicht.» Dies sagt Arnaud Bertrand, der seine Erfahrungen gemacht hat, war er doch mit seiner Frau Co-Gründer des Ferienwohnungs-Vermittlers HouseTrip.

Finanzielle Unterstützung durch Förderorganisationen

Ausgedacht auf den Schulbänken der Lausanner Hotelfachschule, sicherte sich die im Jahr 2010 lancierte Firma HouseTrip, Konkurrentin der damals noch jungen Plattform Airbnb, schnell finanzielle Unterstützung.

«Frisch diplomiert, hatten wir weder Geld noch Erfahrung», sagt Bertrand. Aber dank Förderorganisationen für Start-ups, insbesondere Venture Kick, konnten die beiden Teilhaber in wenigen Monaten 230'000 Franken auftreiben. Ende 2010 kam die Gesellschaft auf Einkünfte von 2,5 Millionen Franken und zog damit das Interesse anderer Investoren auf sich.

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Spezialisten sind Mangelware

Paradoxerweise war dies der Moment, als die Schwierigkeiten auftauchten. Als Hauptproblem entpuppte sich der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.

«Die Schweiz hat viele Qualitäten, etwa die sehr guten Hochschulen, welche wahrhaftige Innovationszellen sind. Zudem sind hier viele Investoren konzentriert, die über viel Geld verfügen. Aber bei den Informationstechnologien fehlt es grausam an erfahrenen Spezialisten», erklärt Bertrand.

«Es ist schwierig, genügend Personal mit einer soliden Erfahrung für das Management von Firmen auf diesem Gebiet zu finden.» Daher müsse man, zumindest teilweise, auslagern, «um anderswo Talente zu engagieren, die wir in der Schweiz nicht bekommen».

Nicht für alle Branchen ein Problem

Von diesen Schwierigkeiten seien jene Jungunternehmen nicht betroffen, die etwa im Gesundheitswesen aktiv werden. Die zahlreich spriessenden Medtech- und Biotech-Firmen profitieren von bedeutenden Talentschmieden.

So können sie nicht nur auf die technischen Hochschulen zählen, sondern auch auf die Präsenz von Pharmakonzernen wie Novartis und Roche. Hinzu kommen das Cern oder der in Genf auf dem ehemaligen Merck-Serono-Gelände eröffnete Biotech-Campus.

Fachwissen über Strategie

Hier finde man ausgebildetes Personal mit mehrjähriger Berufserfahrung in der Branche, sagt Julien Pache, Spezialist für die Finanzierung von Start-ups. Der Walliser bringt Fachleute mit Jungunternehmen zusammen via die Crowdfunding-Plattform investiere.ch.

«Es ist wichtig, dass die Jungunternehmen zusätzlich zur Finanzierung auch Fachwissen über Strategie oder Rekrutierung erhalten», sagt Pache. Dabei helfe die in Zürich ansässige Plattform. Aber auch er stellt fest, dass es im Vergleich zu anderen Branchen schwieriger ist, solche Partnerschaften im Bereich von Software und IT-Entwicklung zu etablieren.

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Eine Erfolgsgeschichte könnte Schub auslösen

«Es bräuchte zwei, drei grosse Erfolge in der Schweiz», glaubt Bertrand. Er denkt an die sogenannte «PayPal-Mafia», eine Gruppe von ehemaligen Angestellten des kalifornischen Online-Bezahlsystems PayPal, die inzwischen weitere Erfolgsfirmen aufgebaut haben wie YouTube, LinkedIn oder Tesla. «Das wird kommen», zeigt sich der Unternehmer überzeugt.

Bis dahin wich HouseTrip mit einem Ableger nach London aus: «Geld, das hatten wir.» Über 60 Millionen Dollar von Index, Balderton und Accel, die zu den grössten Wagniskapital-Gesellschaften gehören. Personal war auch da, «aber mangels Erfahrungen haben wir falsche Entscheide gefällt, insbesondere bei der Rekrutierung». HouseTrip verlor an Schwung, während sich Airbnb fast das ganze Geschäft einverleibte.

Weiterhin Glaube ans Potential der virtuellen Realität

Die Gesellschaft, die in Lausanne ansässig blieb, gehört ihm seit vergangenem Jahr nicht mehr. Aber Arnaud Bertrand, der weiterhin Aktionär ist, scheint nicht verbittert zu sein. «Mit 200 Angestellten in drei Ländern bleibt die Firma ein Erfolg.»

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Beim Personal hat der Unternehmer seine Lehren gezogen. Er hat nun Erfahrung als Chef eines Unternehmens. Deshalb will er ein Buch über sein Abenteuer mit HouseTrip schreiben. Und danach? Natürlich weitere Unternehmen gründen. «Denn die virtuelle Realität bietet ein unglaubliches Potential!»

(sda/jfr)