Der Befund war eindeutig. Ärzte, die von einem Originalpräparatehersteller zum Lunch eingeladen wurden, verschrieben bei zu hohem Cholesterinspiegel zu 23 Prozent Markenprodukte anstatt günstigerer Generika. Bei der Gruppe, die kein Gratismittagessen geniessen durfte, lag der ­Anteil bei lediglich 18 Prozent. Und: Pro 1000 Dollar, welche die Industrie den Ärzten zukommen liess, stieg die Verschreibungsrate um 0,1 Prozent. Es war also gut investiertes Geld. Für die Pharmabranche.

Die Studie, die diesen Befund zeigt, beruht auf einer Untersuchung von 2'444 Ärzten im US-Bundesstaat Massachusetts und belegt: Zuwendungen an Ärzte, und seien sie auch bescheiden, sind heikel. Denn sie führen zu Fehlanreizen und verursachen Zusatzkosten.

Noch schlimmer wird es, wenn der finanzielle Zustupf von Big Pharma dazu führt, dass Ärzte unnötige oder falsche Therapien verschreiben.

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Keine Blackbox mehr

Die Zuwendungen der Industrie sind auch in der Schweiz ein heisses Thema. Doch jetzt tut sich was: In der Schweiz sind die Geldflüsse von der Industrie an Ärzte, Spitäler und Gesundheitsorganisationen seit drei Jahren keine Blackbox mehr, sondern liegen – zumindest zum Teil – auf dem Tisch. Das Ergebnis für das Jahr 2017: Firmen, die den Pharma-Koopera-tions-Kodex von Scienceindustries unterzeichnet haben, liessen 162,6 Millionen Franken springen. Der Verband schätzt, dass sie 80 bis 85 Prozent des Markts mit verschreibungspflichtigen Medikamenten von gut 4,9 Milliarden (2018) abdecken. Sechzig Firmen sind dabei, einige kneifen noch.

Damit kommt Licht in einen Winkel des Gesundheitswesens, der jahrzehntelang im Dunkeln lag. Es zeigt sich: Mehr als die Hälfte der Gelder (91,0 Millionen) gingen an Verbände, Unikliniken und andere Organisationen. 59,2 Millionen flossen in Forschung und 12,4 Millionen an Ärzte und andere Gesundheitsfachleute.

Das ergibt eine Auswertung der offengelegten Daten, die die «Handelszeitung» mit «Beobachter», «Blick» und «Le Temps» durchführte (mehr zur Recherche siehe Box). Die Zuwendungen der Industrie sind damit erneut gestiegen gegenüber dem Vorjahr, und zwar um 8,2 Millionen. Der Zuwachs ergibt sich aus einem kräftigen Plus von 10,5 Millionen bei der Forschung und geringfügigeren Bewegungen in anderen Kategorien. Forschungsgelder, etwa für klinische Studien zu neuen Wirkstoffen der Industrie, machen 36 Prozent aus – der grösste Posten.

Danach kommen mit je gut 50 Millionen Spenden und Sponsoring, etwa von Kongressen für Ärzte. Das ist ein heikler Punkt. Sponsoring sei ein No-Go, sagt Gesundheitsökonom Heinz Locher – auch in Form des Multi-Sponsorings, wie es Scienceindustries postuliert. «Das geht einfach nicht», so Locher. Fortbildung sei Auf­gabe der Ärzte, «das sind Betriebsaufwen­dungen. Dazu braucht es keine Gelder von der Pharmaindustrie.» Ein Punkt, den die Ärzteorganisation FMH anders sieht (lesen Sie mehr hier). Dazu kommen Registrierungsgebühren, etwa für Kongresse, und die Spesen und Hono­rare im tiefen einstelligen Millionenbereich – ­bezahlt von der Industrie.

Spenden treffen auf Innovation

Am spendabelsten, über alle Kategorien hinweg, ist Novartis. Der Konzern warf 19,9 Millionen (ohne Sandoz) auf. Bei Roche waren es 13,8 Millionen, dafür waren die Aufwendungen für Forschung hier höher. Roche wendete 65,2 Prozent der Ausgaben für Forschung auf. Das spiegelt den Fokus von Roche auf Innovation. Bei Novartis lagen die Zahlungen für Forschung bei 40,0 Prozent. Der Anteil dürfte mit Vas Narasimhan zunehmen; der neue Novartis-Chef setzt ganz auf Innovation.

Auf Nehmerseite stehen internationale Organisationen zuvorderst, die ihren Sitz in der Schweiz haben. Die Gelder, die aus der Industrie fliessen, werden zwar hier offengelegt, haben aber nur am Rande etwas mit dem Schweizer Medikamentenmarkt zu tun. Grösste Empfängerin ist mit Abstand mit mehr als 10 Millionen Franken die europäische Onkologenvereinigung Esmo. Sie hat ihren Sitz in Lugano. Dass die Esmo Spitzenempfängerin ist, zeigt: Keine Indikation zieht im Moment so viel Geld an wie das Thema Krebs.

Unikliniken sind Grossbezüger

Zu den Grossbezügern gehören auch Unikliniken. Das Zürcher Unispital sagt, die Zusammenarbeit mit der Industrie ermögliche es, «an neuen medizinischen Entwicklungen teilzunehmen und diese auch zu gestalten». Die Ärzteschaft könne Patienten damit frühzeitig Zugang zu neuen Therapien schaffen. Damit ­trage man dazu bei, dass die Industrie «Therapieoptionen erforscht, die einem medizinischen Bedürfnis entsprechen». Die Zürcher Uniklinik bekam 2,2 Millionen von der Industrie.

Spitzenbezüger bei den Ärzten ist mit fast 100 000 Franken Rolf A. Stahel, leitender Arzt in der Klinik für Onkologie am Universitätsspital Zürich. Stahel sei nur zu 50 Prozent angestellt, hält das Spital fest. In der übrigen Zeit sei er frei, anderen Tätigkeiten nachzugehen – was der Lungenkrebsspezialist auch macht: Stahel ist ­Esmo-Präsident und bei der Stiftung für angewandte Krebsforschung – die wiederum beide auf der Payroll der Industrie zu finden sind.

Der Dschungel lichtet sich, doch die Operation Offenlegung ist auch vier Jahre nach dem Start nicht vollendet. Gut ein Viertel der Ärzte legt sich noch immer quer und verweigert die Freigabe der Daten.

Gemäss Jürg Granwehr, ­Leiter Pharma bei Scienceindustries, lag die Einwilligungsrate bei den Fachpersonen im Jahr 2018 bei 73 Prozent. Anders gesagt: Von 100 Ärzten, die von der Pharmaindustrie Kooperationsleistungen bekamen, willigten 73 ein, die Gelder offenzulegen.

Novartis top bei der Offenlegung

Ernst ist es Novartis. Der Konzern setzt zunehmend auf Transparenz. Die Firma schlisst schon seit 2016 keine Kooperationsverträge mehr mit Ärzten ab, die sich weigern, dass ihre Daten offen gelegt werden. Für Ärzte, die ihr Ein­verständnis nachträglich zurückziehen, ist eine künftige Zusammenarbeit ausgeschlossen, so Novartis. Die Order soll vom damaligen Konzernchef Joe Jimenez gekommen sein.

Hintergrund: mehrere grosse Rechtsfälle in den USA – darunter einer zu gesponserten Ärzteanlässen. Novartis-Marketingleute sollen Ärzte systematisch und über Jahre hinweg grosszügig mit Diners in Luxusrestaurants und Ausflügen zum Fischen dazu gebracht haben, Novartis-Medikamente zu verschreiben, so der Vorwurf. Die schlechte Nachricht für Novartis: Der Fall wird womöglich vor einem der für ihre Unberechenbarkeit bekannten Geschworenengerichte verhandelt.

Auch Roche zeigt sich geläutert. Der Konzern erreichte 2017 eine Transparenzquote von 80 Prozent. Das sei im internationalen Vergleich «relativ hoch», so Roche, «aber für uns nicht genügend». Beim Novartis-Konkurrenten gilt seit Februar das Prinzip «no consent, no contract». Auch Scienceindustries macht Druck: Ab Sommer werden alle Firmen, die 2018 nicht auf 80 Prozent Offenlegungsquote kamen, veröffentlicht. Zum Vergleich: Deutschland und Österreich kämpfen mit Quoten von unter 30 Prozent. Hier ist Transparenz also noch ein Fremdwort.

Daneben gibt es freilich auch Versuche, die Offenlegung auszubremsen. So stiegen die Beträge für Organisationen im Jahr 2016 gegenüber dem Vorjahr von 75,7 auf 90,9 Millionen Franken.

«Annahme ad personam untersagt»

Der Verdacht: Die Unternehmen könnten vermehrt Organisationen begünstigten und so die individuelle Offenlegung hintertreiben. Doch 2017 blieben die Beiträge für die Organisationen stabil. Zudem: Die Verschiebung von den Ärzten zu den Spitälern und Verbänden könnte auch ­daher kommen, dass immer mehr Spitäler ihren Angestellten verbieten, individuell Gelder anzunehmen. Dazu gehören das Lausanner und das Basler Unispital. Dort heisst es: «Eine Annahme von Zuwendungen ad personam ist untersagt.»

Wenig förderlich in der Debatte ist, dass die Daten nicht zentral einsehbar sind. Ziel der Transparenzinitiative sei, dass jede Pharma­firma mit Blick auf ihre Kooperationen und ­Abgeltungen Transparenz schaffe; es habe nie die Absicht bestanden, eine Vergleichsplattform über alle Firmen bereitzustellen, denn die Zahlen seien zu wenig vergleichbar, sagt Jürg Granwehr von Scienceindustries.

«Scheintransparenz»

Das sieht Gesundheitsökonom Heinz Locher ganz anders. Er spricht von einer «Scheintransparenz». Die Auflistung von Minibeträgen auf den Rappen genau mute fast schon lächerlich an. Gleichzeitig werde verhindert, dass die Daten wirklich zugänglich seien: «Und das nennt man dann Transparenz.» Die ­Industrie hat zwar einen Schritt getan, doch wenn sie volles Vertrauen geniessen will, muss sie alle Karten auf den Tisch legen.

Pharmagelder Schweiz

Wer bezahlt wen und wofür?

Recherche Sehen Sie selbst, welche Leistungen die Pharmaindustrie Ärzten, Spitälern und anderen Institutionen der Gesundheitsbranche zukommen liess: Auf www.pharmagelder.ch machen die Schweizer Medien des Ringier Axel Springer Research Network die Daten zugänglich und durchsuchbar. Die Daten zu Tausenden Einzelzahlungen stammen von 60 Pharmafirmen, die sie gemäss Pharma-Kooperations-Kodex des Verbands Scienceindustries offengelegt haben.

Netzwerk «Pharmagelder Schweiz» ist ein Projekt des Ringier Axel Springer Research Network. Im Netzwerk arbeiten Journalisten  verschiedener Medien bei transnationalen, datengetriebenen oder investigativen Projekten zusammen. Teil davon sind: «Beobachter», «Blick»- Gruppe,«Handelszeitung» und «Le Temps» (Schweiz), «Welt» und «Bild» (Deutschland), «Pulse» (Nigeria), «Politico» (Belgien), «Onet» (Polen), «Business Insider» (Vereinigtes Königreich), «Aktuality. sk» (Slowakei), «Libertatea» (Rumänien), «Blic» (Serbien), «Blikk» (Ungarn).

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