Der Schweizer Finanzplatz hat schon viele Krisen erlebt. Der Umgang mit Potentatengeldern und nachrichtenlosen Vermögen aus dem Zweiten Weltkrieg beschädigte den Ruf. Das Bankgeheimnis, um dessen Erhalt die Branche jahrelang kämpfte, ging unter. Der Steuerstreit mit den USA, Deutschland und Frankreich warf düstere Schatten. Durch alle Krisen und Skandale hindurch ist die Schweiz ein wichtiger Finanzplatz geblieben.

Die Bankbranche hingegen hat an Bedeutung verloren: Immer mehr Institute gehen ein. Grosse Banken wie UBS, CS, Julius Bär, Pictet und Vontobel werden dominanter.

Dieser Trend könnte sich durch die aktuelle Krise beschleunigen: Bis 2024 dürfen zwei Dutzend weitere Schweizer Privatbanken verschwinden, schätzt die Beratungsfirma BCG in ihrem «Global Wealth Report 2020». Vor zehn Jahren gab es noch 187 Banken, die im Wealth Management tätig waren. Heute sind es noch 125 Häuser. Knapp hundert davon werden laut der Prognose übrig bleiben.

Ohne Reserven in die Krise

Wieso droht dieses Bankensterben? Viele Institute waren auf die aktuelle Krise nicht vorbereitet. Letztes Jahr war ein Drittel der Vermögensverwaltungs-Institute kaum profitabel.

In einem Jahr, als sich an den Börsen historisch hohe Gewinne erzielen liessen, lag ihre Cost-Income-Ratio – der Aufwand gemessen an den Erträgen – über der (Gewinn-)Schwelle von 90. Nur jeder zwanzigste Anbieter hatte einen tiefen C/I-Ratio von unter 60. Das Gros war Mittelmass.

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Die Branche hat es in den letzten Jahren grösstenteils versäumt, die Kosten zu drücken. Das gilt vor allem für die kleineren Banken. Den Anbietern floss zwar mehr Kundengeld zu, auch die Erträge stiegen – doch gleichzeitig sank im Schnitt die Profitabilität. Denn besonders der regulatorische und rechtliche Aufwand erhöhte sich.

Welche Banken werden überleben? Vermutlich jene, welche sich klar fokussieren, ihre Kosten senken und die digitalen Möglichkeiten nutzen.

Die Vorbilder sind in Asien

Die Privatbanken investieren zwar schon heute viel in ihre IT: Das Geld wird beispielsweise verwendet, um veraltete Informatik zu erneuern. Oder es fliesst in neue Apps, die Kunden an die Bank binden sollen. Doch nur ein kleiner Teil der Informatikausgaben – 9 Prozent – fliesst in Datenanalyse und -aufbereitung.

Hier unterscheiden sich die Schweizer Privatbanken von den Instituten in Asien, die gut ein Fünftel ihrer Ausgaben für Informatik in Daten- und Analyseinstrumente stecken.

Die Boston-Consulting-Autoren empfehlen den Schweizer Instituten, konsequent in allen Geschäftsbereichen mit Daten zu arbeiten.

Neue Konkurrenten in Sicht

Onlinebanken wie Revolut oder N26 tun dies bereits – sie betreiben das ganze Geschäft auf Grundlage von Daten. Und solche technologiegetriebene Anbieter könnten den Schweizer Privatbanken durchaus gefährlich werden, glaubt BCG.

Heute gewinnen solche Firmen vor allem als Zahlungsdienstleister Kunden, sie ermöglichen kostengünstige Überweisungen, bieten Gratiskreditkarten und haben attraktive Apps.

Sie dürften aber vermehrt auch als Vermögensverwalter aktiv werden – und dann den Privatbanken die weniger vermögenden Kunden (in der Fachsprache: «Affluent-Kunden») streitig machen, die bei gewissen Instituten eine wichtige Klientel bilden.

Als Konkurrenten im Geschäft mit den Reichen und Superreichen sieht BCG die Onlinebanken hingegen nicht. Diese Art von Kunden sei an einer persönlichen, intensiven Betreuung interessiert – ein Service, welche die neuen Smartphonebanken derzeit nicht bieten wollen. «Das Wealth Management basiert auf Vertrauen», sagt BCG-Schweiz-Chef Daniel Kessler.

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