Als junger Mann spielte Heinz Karrer Handball – «vergiftet», wie er sagt – in der Nationalliga A. Damit genug Zeit fürs Hobby blieb, ging er nicht aufs Gymnasium, sondern machte eine kaufmännische Lehre. Als er dann doch noch studieren wollte, holte er die Matura nach und schrieb sich an der Uni St. Gallen ein. Handball betrieb er weiterhin ausgiebig. Mitten im Studium, nach einem Auslandaufenthalt, wurde ihm die Leitung eines Sportartikelverbandes angeboten. Er nahm an – in der Meinung, die Uni könne warten. Doch dann kam ein neues Jobangebot: Adolf Ogi holte Karrer an die Spitze von Intersport Schweiz. «Es war der Einstieg zum Ausstieg aus dem Studium», sagt Karrer, seit fünf Jahren Chef des Stromkonzerns Axpo, gelassen. Nach dem Diplom fragt heute niemand mehr.

Sport, Studium, Beruf – später kam noch die Familie hinzu: Das Leben im Multioptionsmodus hat dem 48-jährigen Dynamiker laufend vitale Entscheide abverlangt. Dass er heute von sich behaupten kann, ein gutes inneres Gleichgewicht zu haben, zeigt, dass es die richtigen waren. Karrer ist Teilnehmer des Projekts «Von der Work-Life-Balance zum Lebensglück», das die Executive-Search-Firma Amrop Hever mit dem Institut für Arbeitsforschung und Organisationsberatung durchführt (siehe «Sieben Schubladen des Lebensglücks»). Die Untersuchung, die sich an Führungskräfte richtet, soll Aufschluss darüber geben, in welchem Mass die verschiedenen Lebensphasen für ein ausgefülltes und glückliches Leben sorgen. Ziel ist es, Glück messbar und erlernbar zu machen.

Karrer lebt mit der ständigen Herausforderung, die verschiedenen Lebensbereiche in ein stimmiges Verhältnis zueinander zu bringen. Manchmal drohte es zu kippen. Nachdem er mit gerade mal 33 Jahren Intersport-Chef Schweiz geworden war, stürzte er sich noch mehr in die Arbeit, um «allen zu beweisen, dass ich etwas kann». Zehn Jahre lang – mit Stationen in der Chefetage von Ringier und Swisscom – ging das gut. Bis er merkte, dass ihm etwas entglitt. Plötzlich hatte er das Gefühl, «unverhältnismässig viel, ja zu viel in den Beruf investiert zu haben». In einem Sabbatical bewährte er sich sieben Monate lang nicht als Karrierist, sondern verstärkt als Hausmann und Vater. «Diese Zeit trug dazu bei, dass meine Beziehung zu den Kindern auch heute noch intensiv ist.» Sie trug auch dazu bei, dass er heute seine Agenda weit rigider führt als früher. Karrer, der sich selbst unumwunden als Alphatier bezeichnet, strebte zwar wieder eine CEO-Funktion an, aber nur unter der Bedingung, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen als früher: «Ich wollte nicht wieder in den alten Modus zurückfallen.»

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Der Wechsel an die Axpo-Spitze im Herbst 2002 ging darum einher mit einer «lebenskonzeptuellen Veränderung», so Karrer, die er mit seiner Frau, die unter anderem als Lehrerin Teilzeit arbeitet, und den Kindern abgesprochen hat. Karrer verbringt drei Abende unter der Woche daheim, das Wochenende ist mit Ausnahme vom Sonntagabend ebenfalls für die Familie reserviert. Die sechs Wochen Ferien pro Jahr lässt er sich nicht nehmen. «Ziel ist es, mehr zu machen, als normalerweise drinliegt», sagt er, «das funktioniert, aber es braucht Disziplin.» Mit seiner Frau und oft auch mit den Kindern kontrolliere er regelmässig, ob die Abmachungen eingehalten worden seien. «Es genügt nicht, sich ein ausgewogenes Leben vorzunehmen, es braucht eine Planung, ein Konzept.» So, wie sich sein Leben nun abspiele, sei er sehr glücklich.

Auch für Martin Werfeli, CEO des Medienunternehmens Ringier und Teilnehmer des Projekts, ist das Ausbalancieren verschiedener Lebensbereiche von vitaler Bedeutung. Seit seinem Eintritt 1978 in die Finanzbuchhaltung hat er sich in manchen 18-Stunden-Tagen bis zum Konzernchef hochgearbeitet. Ihm erging es wie den meisten Vätern: Er machte die grössten Karrieresprünge in der Zeit, als seine drei Kinder aufwuchsen. Seine Frau verzichtete zugunsten der Familie auf vorhandene berufliche Ambitionen. Werfeli selbst verbringt unter der Woche mindestens einen Abend daheim und versucht, Reisen möglichst kurz zu halten.

Beziehungen gehören für Werfeli, einen bekennenden und gläubigen Christen, zu den wichtigsten Glückskomponenten. Der private Freundeskreis des 50-Jährigen kontrastiert mit der zuweilen exaltierten Medienszene, in der er sich beruflich bewegt. An seinem Wohnort in Brittnau AG engagiert er sich in der Feuerwehr und im Samariterverein. Freiwilligenarbeit hat bei den Werfelis einen hohen Stellenwert: «Gerade wirtschaftlich privilegierte Menschen sollten Freiwilligenarbeit leisten», ist Werfeli überzeugt. Die ganze Familie mit den nun erwachsenen Kindern engagiert sich in der kirchlichen Jugendarbeit. Laut Werfeli bergen Kaderpositionen die grosse Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren: «Ich behaupte zu wissen, was Menschen beschäftigt, die sich nicht in den Chefetagen bewegen.»

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Um die Verpflichtungen an den Abenden auf ein Minimum zu beschränken, sagt er Einladungen zu Partys konsequent ab. Er hält sie beruflich und persönlich für überflüssig. «Viele leben mit dem Trugschluss, dass ein voller Terminkalender gleichbedeutend sei mit einem ausgefüllten Leben», sagt er – «ich nicht.» Freilich ist auch sein Tagewerk, das regelmässig um sechs Uhr in der Früh beginnt, randvoll mit Verpflichtungen. Indem er seine Agenda selbst führt und seine Termine persönlich vereinbart, könne er die Kontrolle über seine Agenda behalten, so gut es eben gehe. Werfelis grösster Traum ist es, seinen Tagesablauf selber bestimmen zu können. Ein Pech, dass sich das in seiner Position nicht verwirklichen lässt. Aber er nimmt es wie alle, die Glück auch als Verhaltenskunst verstehen: «Man muss sich zwischen Wunsch und Realität einmitten.»

Modell

Sieben Schubladen des Lebensglücks

Martin Heuberger, Partner der Executive-Search-Firma Amrop Hever mit Sitz in Zumikon ZH, ist dem Lebensglück auf der Spur. Aus rund zehntausend Standortgesprächen mit Führungskräften, die er während seiner 35-jährigen Laufbahn als Personaldirektor und Headhunter geführt hat, filterte er eine Reihe von Faktoren heraus, die zu einem zufriedenen und ausgewogenen Leben beitragen. Daraus entwickelte er das Modell einer Kommode mit sieben Schubladen, die in verschiedenen Lebensphasen zu öffnen und zu schliessen sind. Die Schubladen heissen: Werte, Normen und Persönlichkeit; Netzwerke und berufliche Alternativen; fachliche und persönliche Entwicklung; Karriere und Laufbahn; finanzielle Absicherung und Unabhängigkeit; Hobbys und Freizeit; soziale Beziehungen und Familie.

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Zusammen mit Oliver Strohm, Leiter des Instituts für Arbeitsforschung und Organisationsberatung (Iafob), baute er das Modell zu einer wissenschaftlichen Untersuchung aus, die nun in Form einer gross angelegten Online-Befragung stattfindet. Bis Ende April können Führungskräfte aus der Schweiz unter www.amrop.ch und www.iafob.ch an der Umfrage teilnehmen. Diese erste Phase des Projekts dient dazu, Messgrössen zu ermitteln, aufgrund deren persönliche Analysen erstellt werden können. In einer zweiten Phase, die im Sommer beginnt, kann dann jeder Teilnehmer mit einer auf ihn zugeschnittenen Auswertung herausfinden, ob die Weichen zum persönlichen Lebensglück richtig gestellt sind.