Grimentz, 1553 Meter über Meer im Val d’Anniviers weit oberhalb von Siders gelegen, ist ein schmuckes Bilderbuchdörfchen, mit von der Sonne dunkel gegerbten Holzhäusern und Getreidespeichern, im Sommer herausgeputzt mit flammend roten Geranien. Mittendrin thront das Burgerhaus aus dem 15. Jahrhundert. Wer es betritt, begibt sich auf eine Zeitreise.

Im Dörfchen Grimentz reift der Gletscherwein, unter den majestätischen Gipfeln des Wallis.
Ein Fenster zur Vergangenheit
Knarrende Holzböden, ausgetretene Stufen, niedere Decken, blank polierte Holztische. Und eine ganze Batterie traditioneller Zinnkannen, sogenannter Channes, kopfüber an der Wand aufgehängt. Und natürlich der stimmungsvolle Burgerkeller mit den altehrwürdigen Fässern. Das älteste, dem Bischof geweiht und noch heute ausschliesslich für bedeutende Persönlichkeiten reserviert, stammt von 1886, das jüngste von 1969. Alle sind aus Lärchenholz (und nicht wie sonst üblich aus Eiche) gezimmert, jedes fasst etwas mehr als 1000 Liter.

Die berühmten Zinnkannen, Channes genannt, hängen kopfüber an der Wand.
Der kostbare Nektar wird direkt aus dem Fass gezapft. Er duftet intensiv nach Baumharz und Liebstöckel (Maggikraut), unverkennbar oxidiert, im Gaumen kraftvoll, herb und mit markanter Säure. Aus der Zeit gefallen. Man mag ihn oder man mag ihn nicht. Aber unberührt lässt er niemanden. Er erinnert an eine Epoche, als viele Walliser Bauern in Transhumanz lebten, halb sesshaft, halb nomadisch. Sie begleiteten nicht nur ihr Vieh auf die Alpweiden, sondern kultivierten zunehmend auch Äcker und Rebberge im Tal unten. Hier, wo vor der ersten Rhonekorrektion der Fluss oft für Überschwemmungen sorgte und die Sümpfe wahre Brutstätten für Mücken waren, wuchsen die Trauben, aus denen der Gletscherwein produziert wurde.
Hergestellt wie ein Sherry
Ursprünglich wurde der Vin des Glaciers sortenrein aus der einheimischen alten Weissweinsorte Resi (französisch Rèze) gekeltert, der alpinen Rebsorte schlechthin. Die Resi, im berühmten Register von Anniviers im Jahr 1313 erstmals erwähnt, starb nach der Reblauskatastrophe um 1900 beinahe aus; 2024 wurde sie immerhin wieder auf fünf Hektar angebaut. Heute ist der Gletscherwein eine Mischung aus diversen weissen Rebsorten, die im Wallis wachsen, von Marsanne (Ermitage genannt) und Malvoisie (alias Pinot gris) über Petite Arvine und Humagne blanche bis hin zu Chasselas, der im Wallis Fendant heisst.
Das Besondere am Herstellungsprozess ist das sogenannte Solera-Verfahren, das auch beim spanischen Sherry angewandt wird: Das älteste Fass wird mit Wein aus dem zweitältesten aufgefüllt, bis hin zum jüngsten, in das der neuste Wein kommt. So werden die verschiedenen Jahrgänge miteinander vermählt. Dank dem häufigen Kontakt des Weins mit Sauerstoff erhält er eine spezielle Aromatik, die von Nüssen, getrockneten Früchten oder Gewürzen geprägt sein kann.

Das bislang jüngste Fass im Burgerkeller von Grimentz, der Rebsorte Ermitage gewidmet.
Ein unvergleichlicher Wein also, den man nur an diesem geschichtsträchtigen Ort verkosten kann. Ja, Sie haben richtig gelesen: Gletscherwein kann man nicht kaufen. Sondern nur im Rahmen einer Führung durch das Burgerhaus Grimentz (oder dasjenige des nahen Dorfes Chandolin) probieren. Eine Zeitreise, die sich lohnt!

