In der Industrieanlage von Umicore in Antwerpen sind täglich Hunderte von Arbeitern mit gelben Sicherheitswesten damit beschäftigt, Gold, Silber, Kupfer, Lithium und andere Metalle sowie Mineralien aus hoch aufragenden Haufen von entsorgten Mobiltelefonen zu gewinnen.

Das Unternehmen ist heute einer der grössten Akteure in einer neuen Branche. Sie hat das Potenzial, das Verbraucherverhalten in Bezug auf Rohstoffe zu verändern, die in der stetig steigenden Anzahl der jedes Jahr von uns gekauften von Elektrogeräten verwendet werden.

Dieses so genannte Urban Mining zielt darauf ab, einen Teil der geschätzten 62,5 Milliarden Dollar an Elektronikschrott zu recyceln, die jedes Jahr anfallen. Das entspricht etwa dem Dreifachen Wert der globalen jährlichen Silberproduktion.

Export von Elektroschrott in Entwicklungsregionen

Computer, Mobiltelefone und andere elektronische Produkte benötigen laut der Global e-Sustainability Initiative, einer Zusammenarbeit von Technologieunternehmen und der Universität der Vereinten Nationen, 320 Tonnen Gold und mehr als 7500 Tonnen Silber pro Jahr.

Auch über die unternehmerischen Perspektiven hinaus ist der Aufstieg des Urban Mining ein Beispiel dafür, wie Kreislaufwirtschaften lineare Ökonomien ersetzen können, um nicht nur die Art und Weise, wie wir konsumieren zu verändern, sondern auch die negativen Auswirkungen unseres Konsums auf den Planeten.

Seit Jahrzehnten entsorgen die Industrieländer riesige Mengen an Elektroschrott, indem sie ihn in Entwicklungsregionen wie Westafrika exportieren. Agbogbloshie in Ghana war früher ein Gebiet mit Wildtieren und natürlicher Schönheit.

Urban Mining — Die Lösung

Heute ist es die weltweit grösste Deponie für Elektro-Altgeräte aus Europa und darüber hinaus. Verarmte Familien arbeiten in einem gesundheitsgefährdenden und toxischen Umfeld, um Elektroschrott manuell zu recyceln. Das ist ineffizient und oft gefährlich.

Urban Mining bietet die Chance, viel mehr Elektroschrott in den Verbraucherländern zu verwerten und den traditionellen Transport zu reduzieren, der zur globalen Erwärmung beiträgt. Darüber hinaus kann es grössere Mengen an Metallen und anderen Materialien aus Elektroschrott zurückgewinnen als das überwiegend manuelle Recyclingverfahren in Afrika, Indien und anderen Entwicklungsregionen.

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Vor allem aber kann Urban Mining dazu beitragen, weltweit die traditionelle Rohstoffgewinnung zu reduzieren, die zunehmend in ökologisch sensiblen Gebieten stattfindet und in denen Bergbauunternehmen immer tiefer graben müssen, um Rohstoffe zu gewinnen.

Es steckt viel im Elektroschrott

Elektroschrott ist eine überraschend ergiebige Alternative zum traditionellen Bergbau – nur eine Tonne enthält mehr Gold als 17 Tonnen Erz. Zudem ermöglichen durch die Verbesserung von Technologien, Sammelsystemen und wachsende Skaleneffekte schnelle Kostensenkungen.

Aus Elektronikschrott können bis zu 17 verschiedene Metalle gewonnen werden, darunter Silber, Platin, Kupfer, Zinn und Antimon. Und davon gibt es reichlich: Die Universität der Vereinten Nationen geht davon aus, dass sich das Volumen des Elektroschrotts bis 2050 mehr als verdoppeln wird.

Es gibt vielversprechende Anzeichen für Fortschritte in Richtung einer genau definierten Kreislaufwirtschaft für die Elektronik. Die überarbeiteten Richtlinien der Europäischen Union für Elektro- und Elektronik-Altgeräte zielen darauf ab, die kommunalen Abfälle bis 2035 um 65 Prozent zu reduzieren. Dabei baut sie auf frühere Leitlinien auf, die sich auf Elektro- und Elektronik-Altgeräte beziehen.

Zukünftige Pläne der Grossfirmen

Auf Unternehmensebene sind die Initiativen in vollem Gange. Volkswagen baut eine Batterie-Recyclinganlage, die das Ziel des Automobilherstellers unterstützt, 97 Prozent der Rohstoffe in ausgedienten Antriebsbatterien wieder zu verwerten.

Zum Vergleich: Heute sind es 53 Prozent. Apple hat es sich zum Ziel gesetzt, alle seine Produkte aus recycelten Materialien herzustellen. Das kalifornische Technologieunternehmen hat sogar Roboterwerkzeuge getestet, um die Demontage von iPhones zu erleichtern.

Gleichwohl muss mehr getan werden. In vielen Ländern fehlt es an jeglicher Art von Rechtsvorschriften für den Umgang mit Elektroschrott. Und trotz der Vorschriften für die Ausfuhr von Elektroschrott geht die EU davon aus, dass jedes Jahr schätzungsweise 1,3 Millionen Tonnen illegal exportiert werden.

Urban Mining als Win-Win-Situation

In der Zwischenzeit müssen sich die Konsumenten der Notwendigkeit bewusst werden, ihren Elektroschrott verantwortungsbewusst zu recyceln.

Ein Bericht des Weltwirtschaftsforums aus diesem Jahr stellte fest, dass eine Kreislaufwirtschaft für Elektronik die Kosten für die Verbraucher bis 2030 um sieben Prozent und bis 2040 um 14 Prozent senken könnte.

Mit weiteren Bemühungen könnte Urban Mining somit zu einer Win-Win-Situation werden: zum Nutzen der Konsumenten und Produzenten bei gleichzeitiger Sicherstellung, dass unser Planet nicht zu einer Deponie für gefährliche Abfälle wird.

 

*Christopher Kaminker, Lombard Odier Investment Manager