Prakash Tamang freute sich über sein ganzes 15-jähriges Bubengesicht. Ich hatte ihm heimlich zusätzliche 600 Rupien zugesteckt, 14 Franken, mehr als zwei Tageslöhne. Wir wanderten in Nebel und Schneetreiben auf den Grenzgraten zwischen Sikkim und Nepal, über 5000 Meter hohe Pässe und in tiefe Schluchten. Am Abend waren alle nass und durch­froren, die Träger wärmten sich um die feuerspeienden Benzinkocher und lachten über ihre Geschichten, die wir Touristen nicht verstanden. Wahrscheinlich hatte es sie erheitert, uns in unseren guten Schuhen in den schlüpfrigen Schotterhalden und Bachbetten stolpern zu sehen – ­einen Weg gab es nämlich nicht. Sie huschten mit 25 Kilogramm schweren Lasten in Gummisandalen flink an uns vorbei.

Und jetzt bekam Prakash noch diesen zusätzlichen Bonus. Was für ein geradezu luxuriöses Leben war das, verglichen mit jenem im Maois­ten-Feldlager in den Jahren zuvor. Als Prakash zwölf Jahre alt war, hatte ihn die Guerillatruppe eingezogen, die Tätowierung an seinem Arm war ein Andenken wie einst die Runen der SS. Die neue soziale Rolle als Träger schien ihm zu gefallen.

Meine Freunde finden, ich übertriebe mit meinen Bonuszahlungen. Zurückhaltung beim Bemessen des Bonus orte ich besonders bei jenen, die selbst schon reichlich bezogen haben. So verfolge ich mit fast klinischem Interesse die Erörterungen im illustren Kreis von Professoren, Journalisten, Besitzern und Investoren, die alle in schöner Regelmässigkeit in gehobenen Lokalen tafeln. Dabei wird der Lauf der Welt, der Schweiz und der Finanzen erörtert. Nach schönem Wein und Abendessen wird dann die Rechnung aufgeteilt. Die Diskussion, ob die Serviertochter fünf oder zehn Franken Bonus bekommen solle, gräbt tiefe Denk- und Sorgenfurchen in die ­Gesichter ernsthafter Wirtschaftslenker. Von einer anderen Gruppe, mit der ich unlängst am Rheinufer dinierte, wird mir die emsige Suche nach dem Fünf­räppler im Portemonnaie unauslöschlich in Erinne­rung bleiben – das köstliche Fischgericht samt Wein kostete 77.05 Franken.

Oder da war der Patron mit der schönen Yacht, der im besten Lokal am Seeufer für wichtigste Damen und Herren ein luxuriöses Mahl gab, bei dem die Serviceleute wahrhaft schuften mussten. Nach drei oder vier Stunden wurde die Bonusübergabe inszeniert: Alle standen sie in Reih und Glied und bekamen vom Patron persönlich einen neuen Zehnfrankenschein samt tiefem Anerkennungsblick.

Geiz ist geil, und mehr ist besser, wir funktionieren nach dem ökonomischen Grundprinzip des bis zum letzten Föifer messbaren Eigennutzes. Dieses Verhalten ist mindestens so ansteckend wie das Grippevirus H1N1, vollständige Immunität ist rar. Auch Gutmenschen erliegen dem Virus rasch. In meinem Kader enga­gierter und hoch motivierter Ärztinnen und Ärzte waren die Gesichter nie gespannter als bei der Diskussion um die Verteilung der Poolgelder. Wohlfühl-Sozialverhalten und Teamgeist gingen auf Tauchstation, kehrten aber glücklicherweise mit Sitzungsende zurück.

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All diese Bonusempfänger haben ihren persönlichen Wertzuwachs mit dem psychosozialen Mehr­wert erarbeitet, den sie in ihrem Umfeld schufen. Diese Boni basieren auf Fairness und Wertschätzung der anderen. Worauf wohl der Wertzuwachs von Goldman Sachs mit ihren 25  000 Mitarbeitern basiert? Dort werden dieses Jahr pro Kopf über 900  000 ­Dollar ausgezahlt. Da erübrigt sich ein zusätzlicher Bonus als Folge sozial anständigen Verhaltens.

Prof. Dr. med. Oswald Oelz war bis Ende Juli 2006 Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital Zürich. Der Bergsteiger und Buchautor liess sich mit 63 Jahren pensionieren.