Egal ob Angestellte oder selbstständige Unternehmerinnen: Frauen verkaufen sich viel zu oft unter Wert. Das zeigen zahlreiche Forschungsergebnisse, unter anderem die McKinsey-Studie «Women Matter: Ten years of insights on gender diversity» (2017).

Von Frau zu Frau Mut machen will das im Herbst erschienene Werk «Wege zum Erfolg: Vordenker - Vormacher - Vorbilder». Zehn Schweizer Unternehmerinnen schildern darin ihre Erfolgsgeschichte, erzählen von Ängsten und Zweifeln, aber auch davon, wie sie Hürden gemeistert und schwierige Phasen überwunden haben.

Viele Lebensgeschichten

Initiator und Herausgeber der bereits in Deutschland mit deutschen Unternehmerinnen und Unternehmern erschienenen Buchreihe ist Axel Kahn. Er ist nicht nur der ältere Bruder der deutschen Torwart-Legende Oliver Kahn, sondern auch selbst Ex-Fussballer (2. deutsche Bundesliga) und verdient heute sein Geld als Networkingspezialist, Erfolgscoach und Verleger.

Anzeige

Das Buch

«Wege zum Erfolg: Vordenker - Vormacher - Vorbilder», Vol. 1 CH, Axel Kahn Networking & Verlag, 127 Seiten, ab 21.95 Franken.

In der Schweiz lancierte Kahn den Sammelband Vol. 1 CH gemeinsam mit Womenbiz, einem Netzwerk für Unternehmerinnen. «Jeder der zehn Werdegänge ist eine Inspiration für die Leserschaft», sagt Geschäftsführerin Gabrielle Cacciatore-von Mandach. «Wir stellen bewusst weibliche Vorbilder ins Rampenlicht, die andere Frauen ermuntern, sich auf den Weg zu machen und ihr brillantes Potenzial zu zeigen.»

Nach Vorworten von Gabrielle Cacciatore-von Mandach und Axel Kahn, die sich gleichermassen an Leserinnen und Leser, Unternehmende und Existenzgründende richten, folgen zehn Unternehmerinnen-Porträts in der Ich-Perspektive. Und neben gestandenen Businessfrauen aus den Bereichen Kunst, Personal- sowie Business-Coaching, Inneneinrichtung und Fitness sind auch Persönlichkeiten vertreten wie die Profi-Golferin Fabienne In-Albon, Schauspielerin Isabel Florido oder Andrea Hiltbrunner, die 2018 bereits selbst ein Mutmach-Buch für Frauen veröffentlicht hat: «Womanifest: Wie du durch Ebbe und Flut navigierst und den Fluss deines Lebens findest.»

Auch wenn die Ich-Perspektive suggeriert, die zehn im Buch porträtierten Damen hätten ihre Texte selbst geschrieben, wurde das von Redaktorinnen und Redaktoren übernommen. Die Unternehmerinnen schildern ihre Entwicklung von den Berufsanfängen bis hin zum grössten Erfolg und gehen nicht nur auf die Rollenbilder und -erwartungen innerhalb der Gesellschaft ein, sondern auch auf Schicksalsschläge wie Krankheiten und Wirtschaftskrisen.

Es fehlen Frauen aus der Industrie und der Finanzwelt.

Dabei beschreiben sie ganz persönlich, wie sie damit umgegangen sind und wie es sich etwa angefühlt hat, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bekommen: «Hatte ich mehr Freizeit für die Kinder, war das Geld knapp und umgekehrt», schreibt zum Beispiel die Berner Künstlerin Therese Ulli-Simon.

Anzeige

Eines wird beim Lesen der Porträts deutlich: Wer für seine Idee brennt und liebt, was und für wen er es tut, überwindet Hindernisse problemloser – und das gilt für Frauen wie Männer gleichermassen. Innenarchitektin Nicole Gottschall aus Zürich rät etwa: «Trauen Sie sich selbst unbeirrt, Ihrem Herzen und Ihrer Bestimmung zu folgen, und Sie werden die richtigen Entscheidungen treffen.» Und Business-Mentorin Andrea Hiltbrunner bestätigt in ähnlichen Worten: «Ich bin erfolgreich, wenn ich im Einklang mit meinem Herzen bin.»

Fokus auf Wendepunkte fehlt

Was durch die gewählte Ich-Perspektive leider fehlt, ist der Fokus auf die wesentlichen Wendepunkte. Auf je rund 20 Seiten wird Lebensgeschichte für Lebensgeschichte nacherzählt: Träume, Hoffnungen, Krisen, Herausforderungen, Heldinnengeschichten verstecken sich in diesen Texten – aber als Leserin oder Leser muss man sie leider suchen.

Anzeige

Optisch durch Fettungen oder Farbe hervorgehobene Kern-Erkenntnisse sowie eine klar erkennbare Struktur der Texte wären wünschenswert gewesen, um inspirierenden und motivierenden Mehrwert auf den ersten Blick zu bieten. Was hat die Unternehmerin gelernt und was will sie anderen Frauen mit auf den Weg geben? Warum lohnt es sich zu kämpfen? Und was bedeutet Erfolg für jede Einzelne der Porträtierten?

Mehr im Podcast

Das neue Aktienrecht sieht Geschlechterquoten für Unternehmen vor. Headhunterin Esther-Mirjam de Boer spricht im Podcast über gleiche Chancen.

Nötig wäre auch ein Schlusswort gewesen, das die Vereinbarkeit von Herz und Verstand, Leidenschaft und schwarzen Zahlen in einem erfolgreichen Business noch einmal heraushebt und mit den erzählten Beispielen abgleicht.

Die Businessfrauen kommen zwar aus den verschiedensten Bereichen, gewisse Branchen fehlen aber komplett, wie etwa das Handwerk, die Finanzbranche, die Forschung oder die Industrie. Stattdessen liegt das Hauptaugenmerk auf Coaching, Training und individueller Beratung. Dadurch bedient das Werk leider ein wenig zu stark die gängigen Klischees. Da bereits am 16. Dezember die zweite Auflage mit zehn weiteren Schweizer Unternehmerinnen erscheinen soll, bleibt zu hoffen, dass die genannten Branchen dann mehr Raum finden.

Anzeige

Neue Rollenbilder entwickeln

Natürlich ist das Buch auch ein Marketing-Tool, das den Unternehmerinnen und ihrem Business Aufmerksamkeit verleiht. Die Businessfrauen müssen bei diesem speziellen Buchmodell dafür bezahlen, dass sie in diesem Buch erscheinen, bei ihren PR-Massnahmen unterstützt werden und Medienpräsenz erhalten.

 

Aber: Männer machen das meist auch, nutzen das Rampenlicht, während Frauen viel zu oft still und leise ihr Ding machen. Sicher ist: Weibliche Vorbilder braucht die Schweiz – und dieser Sammelband und seine bereits geplanten Nachfolger lassen erfolgreiche Businessfrauen zu Wort kommen, die das Potenzial haben, dem Untertitel getreu «Vordenker - Vormacher - Vorbilder» zu sein. Mit ein paar Nachschärfungen dürfte der nächste Band sein Ziel auch effektiver erreichen.

Anzeige

HZ+ Digital-Abos

Hintergründe, Fakten und fundierte Einschätzungen zu den Auswirkungen der aktuellen Ereignisse auf die lokale und globale Wirtschaft.