Auf der Bühne des Veranstaltungszentrums im Schloss Montabaur steht Ralf Lanwehr vor Führungskräften und Personalern. Er ist Redner bei den Xing New Work Sessions und erklärt den Zuschauern, dass die Zeiten, in denen man Mitarbeitern einfach sagen konnte, was sie zu tun haben, vorbei sind.

«Früher konnte man eine Anweisung einfach damit begründen, dass man der Chef ist», sagt er. «Auch durch Belohnungen oder Strafen wurden Mitarbeiter motiviert. Aber Techniken, die allein auf Hierarchie aufbauen, werden heute nicht mehr akzeptiert.»

«Nur wenige Angestellte fühlen sich wertgeschätzt»

Heute müsse man die Leute überzeugen, mitreissen. Und dafür sei es notwendig, charismatisch zu sein. «Im Grunde ist Charisma nichts anderes als eine sanftere Art der Machtausübung», erklärt Lanwehr.

Das zahle sich für beide Seiten aus: Mitarbeiter, die dank einer charismatischen Führungskraft von ihrer Aufgabe überzeugt sind, fühlen sich zufrieden, haben Spass an der Arbeit, leisten deswegen mehr, sind weniger krank und kündigen seltener.

Ralf Lanwehr studierte Psychologie und Mathematik, promovierte im Fach BWL und ist heute Professor für Management. Nebenbei berät er Bundesligavereine wie die TSG Hoffenheim und Führungskräfte von DAX-Unternehmen wie BMW.

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Seinen Vorlesungen und Vorträge veranschaulicht er häufig durch Beispiele aus dem Profifussball. Ein besonders positives Beispiel: Jürgen Klopp.

Schwäbischer Ausnahmetrainer

Lanwehr erklärt den in Montabaur anwesenden Führungskräften, welchen Techniken Klopp sein besonderes Charisma verdankt und was sie von dem schwäbischen Ausnahmetrainer lernen können.

«In der Wirtschaft sagen viele Führungskräfte, dass ihre Mitarbeiter das grösste Kapital sind, aber sie verhalten sich nicht immer danach», sagt er. «Wenn man sich Mitarbeiterbefragungen anschaut, fühlen sich nur wenige Angestellte wirklich wertgeschätzt.»

Ralf Lanwehr wird auch „Fußballprofessor“ genannt. Er ist Management-Dozent, Speaker und Coach. Ralf Lanwehr

Fussballprofessor: Ralf Lanwehr arbeitet als Management-Dozent, Speaker und Coach.

Quelle: Business Insider

Vertrauen ist das Wichtigste

Bei den Spielern von Liverpool-Manager Klopp sei das anders. «Jürgen Klopp vereint viele Eigenschaften einer guten Führungskraft in sich. Er ist wahnsinnig charismatisch, nimmt sich selbst aber nicht so wichtig, stellt seine Spieler in den Vordergrund und macht sie dadurch besser», sagt Ralf Lanwehr nach dem Vortrag im Interview mit Business Insider.

Das Wichtigste sei aber, dass er ihnen Vertrauen entgegenbringe. So gelinge es ihm, seinen Spielern seine Wertschätzung wirklich bewusst zu machen. Das habe zur Folge, dass sie motiviert und selbstbewusst seien und dass der Trainer ihnen in schwierigen Situationen auch mal die Meinung sagen könne, ohne dass es gleich zum Zerwürfnis komme.

Die Spieler schätzen Klopp

Als Beispiel nennt Ralf Lanwehr Neven Subotic, den Klopp bei Borussia Dortmund trainierte: «Subotic sagte einmal, ‹Klopp brüllt mich manchmal an, dass ich mir die Haare föhnen könnte. Aber ich weiss trotzdem immer, dass er mich als Mensch und Spieler zu schätzen weiss.›»

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Ein weiteres Beispiel für den Effekt, den Klopps Vertrauen auf seine Mannschaft hat, ist Lanwehr zufolge das Spiel des BVB-Mittelfeldlers Oliver Kirch gegen Real Madrid, den Klopp im Jahr 2014 überraschend aufstellte. Kirch hatte damals viele Kritiker mit seiner erstklassigen Leistung beeindruckt.
 

Führen mit Herz, Hand und Hirn

Das habe Kirch zu grossen Teilen der Motivationstechnik Klopps zu verdanken, erklärt Lanwehr. Klopp hatte Kirch durch seine ehrliche Wertschätzung mental so aufgebaut, dass er „das Spiel seines Lebens“ ablieferte.

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«Wenn ich weiss, dass der Trainer hinter mir steht und mich bedingungslos unterstützt, wenn ich weiss, dass ich mir auch Fehler erlauben kann, dann bin ich nicht mehr gehemmt und kann alles in die Waagschale werfen, was ich zur Verfügung habe», sagt er.

Jürgen Klopp sei auch ein Meister darin, die Spieler hinter sich zu versammeln und zu einem Team zu machen. «Klopp führt mit Herz, Hand und Hirn», sagt Lanwehr.

Das bedeute, dass Klopp den Spielern gut vermitteln könne, was seine Pläne sind (Hirn), er taktisch erstklassig sei (Hand), aber noch viel wichtiger, das Herz der Spieler anspreche.

«Das hat auch immer eine ideologische Komponente», sagt Ralf Lanwehr. «Klopp sucht sich Vereine aus, die zu ihm passen, also Vereine aus Arbeiterstädten wie Dortmund oder Liverpool. In seinen Motivationsreden an das Team spornt er die Spieler gerne mit Botschaften wie ‹Wir zeigen es den feinen Herrn aus München› an.» Das sei ein zentrales Element seiner Strategie.

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Auch die Geschichte von Oliver Kirch nutzte Klopp im Jahr 2019, um seine Mannschaft Liverpool für das Champions-League-Rückspiel gegen den FC Barcelona zu motivieren. «Jeder hat damals gedacht: Wer ist dieser Typ?», sagte Klopp.

Und was der für ein Spiel gemacht habe, sei absolut verrückt gewesen. Hier nutzte Klopp den Kontrast zwischen Erwartung und Realität, um seinem Team klar zu machen, dass alles möglich ist. Es wirkte: Liverpool siegte mit 4:0.

Seine besondere Wertschätzung zeige Klopp seinen Spielern auch, indem er sich in der Öffentlichkeit bewusst vor sie stelle, sagt Lanwehr. So reagierte er sehr gelassen, als Pressevertreter ihn fragten, ob die Niederlage erste Niederlage nach 18 Siegen ihm Sorgen mache.

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Individuell Wertschätzung zeigen

«Es war klar, dass wir irgendwann ein Spiel verlieren würden und heute ist es nun mal passiert», sagte er. Er sehe das eher positiv, da die Mannschaft sich nun wieder auf das Spiel selbst konzentrieren könne und nicht auf eine rekordverdächtige Siegesreihe (mit 19 konsekutiven Siegen hätte Liverpool den bisherigen Rekordhalter Arsenal überholt). «Klopp spürt Stimmungen und spricht sie aus», sagt Lanwehr. «Dadurch nimmt er den Druck von seinen Spielern.»

Den Führungskräften im Publikum rät Ralf Lanwehr abschliessend, allen Mitarbeitern ganz bewusst und individuell ihre Wertschätzung zu zeigen.
«Fragen Sie sich — was hat diese Person gut gemacht, wofür kann ich ihn oder sie loben?», sagt er. «Besonders wichtig ist das in Bereichen wie IT, HR, Controlling oder Buchhaltung, wo nur Fehler auffallen, nicht aber gute Leistungen.»

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