Die EZB-Nachfolge fällt diesmal mit der Wahl zum Europäischen Parlamentund der Ernennung einer neuen Europäischen Kommission zusammen. Die Besetzung der europäischen Top-Jobs kommt seit jeher einem Geschacher zwischen den EU-Ländern gleich. Das Land, das den Kommissionspräsidenten stellt, hat keine Chancen auf einen anderen Spitzenposten. 

Die Nationalität des neuen EZB-Präsidenten spielt zwar eine Rolle, aber in erster Linie müssen sich die EU-Länder auf einen geeigneten Kandidaten einigen. Als mögliche Nachfolger von Mario Draghi sind derzeit mehrere Kandidaten im Spiel.

Die grössten Chancen werden dem deutschen Bundesbank-Präsidenten Jens Weidmann und dem französischen Zentralbank-Chef François Villeroy de Galhau eingeräumt – je nachdem, wer EU-Kommissionspräsident wird. Aber auch Erkki Liikanen und Olli Rehn, früherer und derzeitiger Notenbankchef aus Finnland, gelten als aussichtsreiche Kandidaten.

Doch die Staats- und Regierungschefs aus der Eurozone könnten sich auch für einen anderen Kandidaten entscheiden. Etwa Benoît Coeuré, der bereits im EZB-Direktorium, dem höchsten Entscheidungsgremium der Notenbank sitzt.

Deutsche Kandidaten

Dass Deutschland als grösstes EU-Land seit Gründung der EZB im Jahr 1999 noch keinen Präsidenten stellte, spricht für einen deutschen Nachfolger. Allerdings ist Jens Weidmann durch seine Kritik an Mario Draghi belastet. Vor allem während und nach der Eurokrise war er einer der schärfsten Kritiker, insbesondere der Anleihekäufe. Erst in letzter Zeit schlug Weidmann einen gemässigteren Ton gegenüber der EZB-Politik an. Sein häufiger Widerstand gegen Draghis Politik könnte ihn für andere EU-Länder inakzeptabel machen. 

Daher könnte Deutschland einen neuen Kandidaten für den EZB-Posten brauchen. Mit Klaus Regling, dem Chef des Europäischen Stabilitätsmechanismus, Claudia Buch, der Vizepräsidentin der deutschen Bundesbank, Marcel Fratzscher, dem Chef des einflussreichen DIW-Instituts für Wirtschaftsforschung und Jörg Asmussen, der bereits einmal im EZB-Direktorium sass, wird über mehrere alternative Kandidaten spekuliert.

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UBS-Verwaltungsratspräsident Axel Weber, der einst den früheren EZB-Chef Jean-Claude Trichet beerben wollte, bevor er 2011 als Bundesbankpräsident zurücktrat, dürfte wohl diesmal keine Ambitionen haben. 

Europäische Kommission vs. EZB

Allerdings könnte Deutschland auch gar keinen Anspruch auf den Posten erheben, sollte ein Deutscher Präsident der Europäischen Kommission werden. Denn der deutsche CSU-Politiker Manfred Weber gilt als Favorit für den Kommissionsjob. Als Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei, die bei den Europawahlen Ende Mai laut Umfragen stärkste Kraft werden könnte, hat er gute Aussichten darauf.

Doch auch Frankreich werden Ambitionen auf den Kommissionsjob nachgesagt. Michel Barnier, derzeitiger Brexit-Chefunterhändler der EU, wurde zuletzt häufiger als Kandidat für das Amt des Kommissionschefs genannt. Das spräche dann wieder für einen deutschen EZB-Chef. 

Am Ende wird der Posten wohl eher im politischen Geschacher zwischen den EU-Ländern vergeben werden als aufgrund der besseren Eignung. Für die Wirtschaft bietet das ein gewisses Risiko, denn niemand weiss, wie ein Nachfolger Draghis Politik weiterführt. Mit seiner Entschlossenheit manövrierte der Italiener die Eurozone erfolgreich aus der Krise.

Mario Draghi senkte die Zinsen im Euroraum, lancierte das umstrittene Anleihekaufprogramm – bekannt als Quantitative Easing – um eine Deflation zu vermeiden, und mit seinen Worten «Whatever it takes» versprach er alles zu tun, um den Euro zu retten. Seit Draghi am 1. November 2011 den EZB-Chefposten übernahm, verlor der Euro allerdings 18 Prozent an Wert. 

Stärkerer Euro

So rechnet etwa die UBS damit, dass der Wechsel an der EZB-Spitze einen Aufschwung des Eurokurses auslösen wird, und zwar unabhängig davon, wer im Oktober auf Mario Draghi folgt. Laut UBS-Analysten dürfte es jeder mögliche Nachfolger erst einmal schwer haben, die Märkte davon zu überzeugen, einen ebenso starken Kurs zu fahren wie Draghi, der acht Jahre lang die europäische Geldpolitik bestimmte. Dies würde den Euro-Währungskurs in die Höhe treiben. Für einen längerfristig starken Euro dürfte demzufolge ein EZB-Präsident Weidmann oder Rehn sorgen, denn sie gelten als konservativer als andere Kandidaten.

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Ein starker Euro wäre für die Schweizer Wirtschaft positiv: Wertet der Euro gegenüber dem Franken auf, freut das vor allem die Schweizer Exporteure. Seit Anfang 2015 hatten sie wegen der Frankenstärke auf Marge verzichten müssen. Die Schwelle von 1,20 hatte der Wechselkurs zuletzt vor etwa einem Jahr erreicht

Auch hängt von einem neuen Präsidenten die künftige EZB-Geldpolitik ab. Nachdem sich die Konjunktur in der Eurozone und weltweit zuletzt etwas abkühlte, kündigte die EZB an, ihre für dieses Jahr geplante Zinsanhebung mindestens bis Anfang 2020 zu verschieben. Dadurch rückte auch ein Zinsschritt der Schweizerischen Nationalbank in weitere Ferne. Insofern dürfte man auch in Bern interessiert nach Frankfurt blicken.