Der derzeit vielgenutzte Imperativ, Krise als eine Chance zu betrachten, erscheint zynisch, wenn man den Blick auf jene richtet, die um ihre Existenz fürchten. Wer sein Geschäft schliessen musste, selbständig tätig ist und keine Aufträge mehr erhält, seine Mitarbeitenden in Kurzarbeit senden muss, sieht berechtigterweise hier keine Chance, sondern eine Belastung.

Die Krise erzwingt, einen anderen Blick auf die Welt zu werfen. Die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, das Kerngeschäft der Wirtschaft, ist hierbei zentral.

Über die Autorin

Caroline Krüger ist Vorstandsmitglied des Vereins Wirtschaft ist Care, der sich für eine «Reorganisation der Ökonomie» einsetzt.

 

Der Lockdown hat uns vor Augen geführt, dass vorübergehend sehr viele Tätigkeiten eingestellt werden können. Dies gilt nicht für die unmittelbare Sorge für das tägliche Leben: die Gesundheitsversorgung, die Betreuung von Kindern, die Sorge für das tägliche Essen, die Reinigungsarbeiten. Es ist diese Sorgearbeit, welche die Basis für menschliche Gemeinschaften liefert, indem sie die wichtigsten Bedürfnisse erfüllt. Ohne diese neu «systemrelevant» genannten Tätigkeiten fehlt die Grundlage für das Zusammenleben. Sie bilden das Zentrum der Gesellschaft.

«Unbezahlten Tätigkeiten sind unverzichtbar.»

Die beschriebenen klassischen Pflege- und Sorgetätigkeiten, Care-Arbeiten in einem engeren Sinn, werden oft schlecht bezahlt oder unbezahlt erledigt. Wenn Eltern nun gleichzeitig ihre Erwerbsarbeit von zu Hause aus erledigen und ihre Kinder betreuen sollen, wird die zuvor öffentlich unsichtbare Sorgearbeit im Haushalt sicht- und spürbar und verlangt allen einiges ab. Die Einsicht, dass diese Aufgaben nicht gleichzeitig auch gut erledigt werden können, wächst. Damit kann auch die Einsicht wachsen, dass Tätigkeiten im eigenen Haushalt als Arbeit miteingerechnet werden müssen (womit noch nichts über die Entschädigung gesagt ist), denn diese sind ebenso systemrelevant wie die Care-Tätigkeiten, die in der Offentlichkeit erledigt werden.

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In der Krise wird das, was das BFS als Satellit bezeichnet, zum Zentrum

Das Bundesamt für Statistik (BFS) führt seit 1997 ein Satellitenkonto Haushaltsproduktion. Dort wird der monetäre Wert der unbezahlten Arbeit in Bezug gesetzt zur gesamten Bruttowertschöpfung der Schweiz. Die Basis bilden die produktiven Leistungen der privaten Haushalte, welche nicht über den Markt abgewickelt werden, die unbezahlte Care-Arbeit also. Im Jahr 2016 wurden 9,2 Milliarden Stunden unbezahlter Arbeit geleistet. Der Begriff Satellitenkonto zeigt, dass diese Arbeit nicht als zentral angesehen wird. In der Krise sehen wir, dass das Bild vom Satelliten nicht passend ist für systemrelevante Care-Arbeit. Diese unbezahlten Tätigkeiten sind unverzichtbar. Care-Arbeit ist kein Kostenfaktor, sondern das Zentrum der Wirtschaft.

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Ein Umdenken kann beginnen, indem wir Care weit fassen und als Kriterium für alle Arbeit ansehen. Care als Kriterium betrifft auch den Beitrag kleiner Geschäfte für die Gesellschaft, die Bedeutung von Kulturschaffen für das Zusammenleben und die Unterstützung lokaler Produktion. Indem wir als Gesellschaft darüber nachdenken, was für uns wirklich wichtig bleiben soll, finden wir auch Wege zur Unterstützung der eingangs genannten Berufsgruppen.

Der Verein Wirtschaft ist Care steht für einen Paradigmenwechsel. Ohne Care gibt es keine Menschen – ohne Menschen braucht es keine Wirtschaft.