Im Tauziehen zwischen Griechenland und seinen Gläubigern gibt es für EU-Währungskommissar Pierre Moscovici nur ein Szenario. Danach einigt sich Griechenland in den Verhandlungen des laufenden Rettungspaket mit den Geldgebern über den geplanten Reformweg, und die Griechen bleiben im Euro.

Doch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ist sich über den weiteren Verlauf der Krise nicht so sicher. Einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone schliesst er schon lange nicht mehr aus. Ökonomen und Politiker spielen derzeit verschiedene Szenarien durch, wie es in der Griechenland-Krise weitergehen könnte.

1. Szenario

Ende Juni läuft das zweite Rettungsprogramm aus. Bis dahin handeln die Geldgeber mit Griechenland einen Kompromiss aus. Griechenlands Regierung rückt von einem Teil seiner Wahlversprechen ab und macht substantielle Zusagen in der Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik. Auch die Europartner machen Zugeständnisse und erlauben der neuen linksnationalen Regierung in Athen, einen Teil der mit der Vorgängerregierung vereinbarten Reformen zurückzurollen. Ein Minimalkonsens wäre das Ergebnis.

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Mit dem Kompromiss wäre der Zahlungsausfall abgewendet. Die letzte Hilfstranche in Höhe von 7,2 Milliarden Euro des Rettungspakets wird ausgezahlt. Die Europäische Zentralbank würde Griechenlands Banken weiterhin mit einer Kreditlinie stützen. Griechenland bleibt im Euro, muss aber langfristig von den Europartnern finanziert werden.

2. Szenario

Die linksnationale Regierung von Alexis Tsipras und die Geldgeber können sich nicht auf einen Reformweg einigen, Griechenland rutscht in die Zahlungsunfähigkeit. Die griechischen Banken geraten unter Druck. In Athen wächst beim Blick in den finanzpolitischen Abgrund die Bereitschaft für weitgehende Reformzusagen. Die Europäische Zentralbank stützt die griechischen Banken vorerst eingeschränkt weiter. Athen gibt «in letzter Minute» nach und setzt den Reform und Sparkurs der Vorgängerregierung im Grundsatz fort. Griechenland bleibt im Euro. Dem Regierungsbündnis Syriza droht aufgrund der Abkehr von ihren Wahlversprechen die Spaltung. Neuwahlen könnten die Folge sein.

3. Szenario

Griechenland und Athen können sich nicht auf einen Reformkurs einigen, Athen wird zahlungsunfähig. Als Zwischenlösung wir ein Parallelwährungssystem eingeführt. Nach dem von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ins Gespräch gebrachten Montenegro-Modell würde der Euro zwar weiter als Zahlungsmittel dienen, Griechenland wäre aber kein Euro- Mitgliedsland mehr. Euro-denominierte Auslandsschulden würden eingefroren. Die griechische Regierung würde Schuldscheine (IOUs) ausgegeben, um nationale Verbindlichkeiten zu begleichen.

4. Szenario

Es wird keine Einigung erzielt, Griechenland wird zahlungsunfähig und erfüllt seine Auslandsverpflichtungen aus den Rettungspaketen nicht mehr. Die Europäische Zentralbank schneidet die Kreditlinie für griechische Banken ab. Athen entscheidet sich für den Euro-Austritt. Die Argentinienkrise wiederholt sich. Investoren verlieren das Vertrauen, ziehen ihre Einlagen ab, Griechenlands Banken taumeln.

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Bis zur Einführung einer eigenen Währung herrscht ökonomischer Ausnahmezustand. Griechenland bleibt aber weiterhin Mitglied der Europäischen Union. Die EU leistet humanitäre Hilfe, um bürgerkriegsartige Zustände zu verhindern. Dabei gestalten sich allerdings die Verhandlungen über den Schuldenschnitt griechischer Verbindlichkeiten schwierig. Griechenland wird zum politischen Aussenseiter - ein trojanisches Pferd in der EU, insbesondere in der EU-Aussenpolitik.

(bloomberg/ccr)