Man nehme eine Pandemie, kombiniere sie mit einer globalen Rezession und füge einen Spritzer aufgestauten Nationalismus hinzu: Für ausländische Fachkräfte rund um den Globus ist das ein zunehmend bitterer Cocktail.

Vom Finanzzentrum Singapur über die Technologie-Standorte der USA bis hin zum ölreichen Kuwait ist das Leben für im Ausland lebende Arbeitskräfte viel härter geworden. Vor kurzem wurden sie noch für ihre Fachkenntnisse umworben  – jetzt zwingen strengere Visakriterien, weniger Arbeitsplätze und zunehmender Druck von Regierungen auf Unternehmen, lokale Arbeitskräfte einzustellen, viele Expats zur Rückkehr in ihre Heimat.

Es gibt kaum aktuelle Daten über die jüngsten Expat-Bewegungen rund um den Globus, aber Momentaufnahmen aus einzelnen Ländern zeigen einen Trend.

Inder nach Indien, Iren nach Irland

In Indien meldeten sich bis September 11'000 Bürger bei der Botschaft für die Rückkehr in ihr Heimatland, wie «Bloomberg» berichtet. Neuseeland erlebt einen historischen Umschwung: Früher verliessen mehr Bürger das Land als nach Hause zurückkehrten. Doch zwischen April und September dieses Jahres kamen rund 33'000 Personen aus Übersee zurück. Auch nach Irland kehrten in den ersten vier Monaten des Jahres mehr irische Staatsbürger in ihre Heimat zurück als jemals zuvor seit 2007. 

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Teilweise geschieht das freiwillig. Doch die Pandemie lässt auch viele Menschen erwägen, ob ein Leben in der Ferne, weit weg von Freunden und Familie, wirklich das ist, was sie wollen. Auch Australien, das bei der Eindämmung des Virus international sehr gut abscheidet, hat einen Ansturm von Rückkehrern erlebt: Viele Australier beschlossen, dem Lebensstil Vorrang vor der Karriere zu geben.

Dieser Trend ist nicht ganz neu, denn bereits vor der Pandemie stieg in vielen Ländern die Sorge um berufliche Chancen, Wohnraum und Infrastruktur – mit Folgen für viele Expats. Doch Covid-19 hat ihn beschleunigt. 

USA: Unsicherer geworden

Im Juni erliess Präsident Trump ein Dekret, das den Zugang zu bestimmten Visakategorien stoppte – für Tech-Experten und ihre Familien, für innerbetriebliche Versetzungen und für Arbeits- und Studienaufenthalte im Ausland. 

Zudem lehnen die US-Behörden immer mehr Visumsanträge für Facharbeiter ab. Die Rechtmässigkeit dieser Beschränkungen wurde zwar gerichtlich angefochten, doch für viele Expats sind die Aussichten sehr unsicher. Die USA haben im vergangenen Jahr mehr als 900'000 Visa in diesen Kategorien ausgestellt, obwohl es schwieriger geworden ist, sie zu erhalten.

Trumps Entscheidung ist das Ergebnis jahrelanger Untersuchungen über den Einsatz ausländischer Arbeitskräfte in der Technologiebranche. Kritiker sagen, dass einige Unternehmen das Programm missbraucht hätten, um amerikanische Arbeitnehmer zu verdrängen, und daher gefordert hatten, den Zugang einzuschränken.

Singapur: Inländervorrang light

Die Regierung überprüft derzeit rund 300 Unternehmen – darunter Banken und Fondsmanager – im asiatischen Finanzzentrum, ob sie möglicherweise bevorzugt Ausländer einstellen und Singapurer für gewisse Jobs benachteiligen.

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Zudem hat die Regierung die Mindestlohn-Anforderungen für Arbeitsvisa erhöht sowie die Anforderungen für Stellen verschärft: Alle Jobs müssen nun zuerst vor Ort ausgeschrieben werden. Internationale Umzugsunternehmen berichten über einen starken Nachfragerückgang; und laut Immobilienmaklern verzichten immer mehr Expats auf schicke Mietwohnungen, weil sie nach Hause zurückkehren.

People are pictured at a riverside spot in Raffles Place, the center of the financial district in Singapore, on Nov. 27, 2018.  (Kyodo)==Kyodo(Photo by Kyodo News Stills via Getty Images)

Finanzdistrikt in Singapur: Beliebt bei Expats.

Quelle: Kyodo News Stills via Getty Imag

Dennoch behauptet die Singapurer Regierung, das Land habe seine Türen für Spitzentalente nicht verschlossen. Man habe ja kürzlich ein neues Visa-Programm lanciert, um Tech-Unternehmer und Experten anzulocken.

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Kuwait: Keine Ü-60 ohne Uni-Abschluss

Im ölabhängigen Kuwait machen qualifizierte und unqualifizierte ausländische Arbeitskräfte etwa 70 Prozent der 4,8 Millionen Einwohner aus. Der kuwaitische Premierminister will ihren Anteil auf 30 reduzieren, um Arbeitsplätze für kuwaitische Bürger zu fördern.

Denn die Pandemie und der Einbruch der Ölpreise belasten die Wirtschaft. Kuwait hat strenge neue Regeln eingeführt, die unter anderem Arbeitsbewilligungen für alle über 60 Jahre alten Menschen ohne Universitätsabschluss verbieten.

Dubai: Die Ausnahme 

Eine Ausnahme des Trends ist Dubai. Als Teil seiner Strategie, die Wirtschaft unabhängiger vom Öl zu machen, versucht der Wüstenstaat Expats anzulocken, um so Investitionen anzukurbeln. Das Emirat hat ein Visa-Programm für Ausländer, um sich in in Dubai zur Ruhe zu setzen. Zudem sollen der Alkoholkonsum entkriminalisiert und unverheiratete Paare künftig zusammenleben dürfen.

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Schweiz: An Beliebtheit verloren

Auch die Schweiz ist ein beliebtes Ziel für Expats. Viele internationale Unternehmen, Banken und Pharmakonzerne suchen qualifizierte Fachkräfte im Ausland. Allerdings büsst die Schweiz nun an Attraktivität ein: Seit 2017 ist das Land in der globalen Rangliste der beliebtesten Expat-Destinationen von Platz 44 auf 68 abgerutscht.

Das liegt laut einer Befragung des Expat-Portals Internations vor allem an den schlechteren Karrierechancen und der fehlenden sozialen Integration der Fachkräfte aus anderen Ländern. Laut Marktforschungs-Unternehmen Finaccord sollen 90'000 Expats in der Schweiz leben.

Karriere-Auslaufmodell?

Infolge der Pandemie könnte es zu einer Entglobalisierung des Arbeitsmarkts kommen, erwarten einige Experten. Unternehmen könnten dann verstärkt auf lokale Arbeitskräfte setzen – sofern sie vorhanden sind, um Kosten zu sparen. Expats sind bis zu 80 Prozent teurer als lokale Angestellte.

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Zudem könnte es die Corona-Krise in Zukunft für Unternehmen schwieriger machen, Personal ins Ausland zu schicken. Dies nicht nur wegen der derzeitigen Reisebeschränkungen, sondern vor allem, wenn diverse Länder ihre Visumspolitik verschärfen und ihren Arbeitsmarkt angesichts steigender Arbeitslosigkeit stärker für die sogenannten talents von aussen abschotten. 

Allerdings werden die Pandemie und die wirtschaftlichen Folgen irgendwann eingedämmt sein. Dann könnten sich viele Länder wieder stärker auf Fachkräfte aus dem Ausland besinnen, wenn die alternde Bevölkerung in den meisten westlichen Gesellschaften den Fachkräftemangel verschärft – so auch in der Schweiz

(mlo)

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