Als Mensch mit Menstruationshintergrund weiss ich: Die Tage sind ein Thema für alle, die sie haben. Zum Beispiel für die damalige Vize-Stabschefin unter Barack Obama, Alyssa Mastromonaco, die Gratis-Tampons auf den Damentoiletten im Weissen Haus durchsetzte.

Sie hat recht, das noch Jahre später als wichtigen Erfolg zu feiern. Denn was in Industrieländern eine vermeintliche Nebensächlichkeit darstellt – Damentoiletten, die Verfügbarkeit von Hygieneprodukten – bedeutet für Millionen Frauen weltweit die Hürde, an der ihre Lebensträume zerschellen.

Erschreckende Konsequenzen

Es ist erschütternd, dass zum Beispiel in Indien der Besuch einer Schule oder das Ausüben eines Berufs scheitern kann, weil es eben daran fehlt. Wer dafür konkrete Beispiele sucht, dem sei die eindrückliche Netflix-Dokumention «Period. End of Sentence.» empfohlen.

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Die Dokumentation zeigt auch, wie schwer das zugrunde liegende Tabu wiegt: Frauen gelten in Indien während der Periode als unrein. Die Scham führt dazu, dass sie selbst oft zu wenig über die normalen biologischen Vorgänge in ihrem Körper wissen, geschweige denn ihre Väter, Ehemänner, potenzielle Arbeitskollegen.

Die Periode ist auch im Westen schambesetzt

Und seien wir ehrlich: Auch in der westlichen Welt ist die Periode ein grosses Stück weit schambesetzt. Frauen sprechen darüber in Metaphern. Männer reagieren nicht gerne etwas verklemmt, wenn es um «diese» Frauensachen geht. Und auch hier treten zum Teil erstaunliche Wissenslücken zutage.

«Extra-Ferientage für die Periode schliessen Frauen ein weiteres Mal aus»

Gerade weil das Stigma der Monatsblutung Frauen in einigen Teilen der Welt die Teilhabe am Arbeitsleben verwehrt, scheinen mir «Menstruationsferien» der verkehrte Weg. Diese Massnahme einer indischen Firma soll der Enttabuisierung dienen, doch das ist falsch verstandene Rücksichtnahme. .

Das Problem dabei: Extra-Ferientage für die Periode schliessen Frauen ein weiteres Mal aus, bekräftigen die historisch tradierten Klischees vom schwachen Geschlecht und von hormonell bedingter Unzuverlässigkeit, die ohnehin schon so schwer auszumerzen sind.

Ich habe mich während des Schreibens dieses Kommentars gefragt, ob der Reflex der Abwehr von Menstruationsurlaub aus einem (altvertrauten) Impuls stammt, als Frau keine Extrawurst zu verlangen. Bloss keine Probleme zu machen. Durchzuziehen, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse des eigenen Körpers. Um in einer männergeprägten Welt nicht unangenehm aufzufallen.

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«Ich brauche keine Gratis-Tampons. Aber ich schätze die Geste.»

Diese Reflektion ist unbequem, denn oft stützen Frauen die von Männern gemachten Spielregeln aus eben jenem Grund. Und ja, es ist ein wichtiger Punkt: Menstruationsurlaub abzulehnen bedeutet nicht, dass es Nebensache ist, dass das Arbeitsumfeld den Bedürfnissen der Frauen entspricht. Wichtig ist ein Arbeitsumfeld, in dem es normal und integriert ist, dass ein Teil der Belegschaft monatlich blutet.

Ich persönlich brauche dafür keine Gratis-Tampons. Aber ich schätze die Geste. Und ich denke, es ist wichtig, dass das Bewusstsein wächst, dass die Periode keine Krankheit ist und auch kein Zustand der hormonell bedingten geistigen Umnachtung. Es ist jedoch, meiner Einschätzung nach, tatsächlich nicht nötig, Frauen pauschal in die Ferien zu schicken, wenn sie ihre Periode haben. Das ist eine Überkompensation.

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Natürlich sollte jede Kollegin, die so starke Bauchschmerzen hat, dass sie arbeitsunfähig ist, sich ohne Scham und ohne Nachteile krank melden dürfen. Jederzeit.

Noch wichtiger ist, dass sich im Bewusstsein aller Arbeitnehmer verankert: Sachlich fundierte Entscheidungen treffen Frauen im gleichen Masse, ob sie nun gerade ihre Periode haben oder nicht.

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