Vor einigen Jahren war der Ruf der weltberühmten Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich angeschlagen. Zu viel Arroganz, fragwürdiges Informationsverhalten im tragischen Fall einer Transplantationspatientin und der an solchen Institutionen übliche Hickhack aller gegen alle hatten die Spitzenklinik in ein schiefes Licht gerückt. In der Not rief man den Herzchirurgen Michele Genoni. Dieser tat alles dafür, um zu heilen, was zwischenmenschliche Inkompetenz ruiniert hatte, operierte zur besten Zufriedenheit und kümmerte sich mehr um seine Patienten als um die Wissenschaft. So etablierte er die Klinik wieder als Institution, der Ärzte und Patienten vertrauen. Genoni schaffte den knochenharten Weg zurück an die Spitze unter äusserstem Einsatz.

Partner-Inhalte
 
 
 
 
 
 

Doch nun verweigert ihm der Universitätsrat die Berufung zum Ordinarius. Genoni hat anscheinend nicht genug publiziert. Der Vorwurf stammt von Kollegen, die mehr schrieben (oder schreiben liessen), deren Fähigkeit zur einfühlsamen Patientenbetreuung aber manchenorts angezweifelt wird. Für sie hätte Genoni seine Schuldigkeit nun getan.

Menschenverachtende Umgangsformen orte ich auch in der hiesigen Presse. Dabei kann die Zerzausung der Bündner Bundesrätin von rechts her noch knapp als Trauerarbeit durchgehen. Dass aber der «Blick» unseren Köbi, den Retter der Fussballnation und vor zwei Jahren noch Schweizer des Jahres, neulich nach einer Niederlage der Nationalelf im Kioskaushang mit «Köbi, du Wurst» verunglimpfte, geht, wie ich finde, zu weit.

Verachtung und Verspottung von Mitmenschen allerorten: Bei der Jubiläumsfeier eines Spitals erlebte ich, wie der Direktor langjährige Mitarbeiter in aller Öffentlichkeit blossstellte: Einer bekam ein Lineal geschenkt, um seinen Pendenzenberg zu messen, ein anderer Telefongutscheine, weil er ja selten am Arbeitsplatz anzutreffen sei. Dabei müsste man eigentlich in solchen Berufen Menschen mögen. Dass diese Kompetenz Generälen und Politikern fehlt, ist andererseits nicht erst seit der Katastrophe in Burma ruchbar. Dieser Mangel wird mit manchmal raffinierten, meist aber plumpen Lügen kaschiert. So verübte Pinochet seine Greueltaten vordergründig aus Liebe zu Chile, und Bush log über die angeblichen irakischen Massenvernichtungswaffen aus Liebe zu Amerika – und zum Öl.

Auch wir haben unsere Patienten früher angelogen. Wenn wir schlechte Nachrichten hätten überbringen sollen, logen wir, wie wir vorgaben, um den Patienten zu schonen, vor allem aber deshalb, weil es bequemer war. Und wenn etwas schiefging, weil wir einen Fehler gemacht hatten, so verschwiegen wir es. Dann lernten wir von Thomas Mann: «… bin ich der Wahrheit verschworen und auf sie angewiesen. Ich liebe ihren Reiz, wie ich durchdrungen bin von ihrer Würde – und von der Verächtlichkeit des Unwahren. Die Lüge ist unerträglich, ästhetisch wie moralisch.» Seit wir im Umgang mit Patienten dieses Unerträgliche abgelegt haben, vertraut man uns mehr. Fehler werden aufgearbeitet und verziehen.

Es bräuchte also Seminare in der Kultur des zwischenmenschlichen Umgangs für universitäre und andere Wahlkommissionen, Journalisten, Politiker und noch vereinzelte Ärzte. Ueli Steck und Simon Anthamatten hätten die Kursleitung zu übernehmen. Die beiden hatten sich jüngst nach sorgfältigster Vorbereitung die Annapurna-Südwand vorgenommen. Als sie erfuhren, dass der Spanier Inaki Ochoa de Olza auf einer anderen Route des Berges auf 7400 Meter Höhe schwer erkrankt war, verzichteten sie auf ihren eigenen Erfolg und eilten zu Hilfe. Steck erreichte den Sterbenden an einem der exponiertesten Orte der Welt. Er verschaffte ihm Linderung und war einfach da, als Inaki starb. Es gibt sie also noch, die Kultur des zwischenmenschlichen Umgangs.

Prof. Dr. med. Oswald Oelz war bis Ende Juli 2006 Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital Zürich. Der Bergsteiger und Buchautor liess sich mit 63 Jahren pensionieren.

Buchtipp

Adrenalin, Bullshit und Chemotherapie.

Texte von Oswald Oelz von A wie «Adrenalin» über H wie «Heldentaten» bis Z wie «Zu guter Letzt».

Obwohl Oelz mit seinen Ideen ansteckend wirkt, ist er weder Missionar noch Rezeptverkäufer. Er drängt sein Leben niemandem auf. Was fasziniert und anspricht, ist der nüchterne Blick des Doktors auf die menschliche Existenz, gepaart mit den Erfahrungen am Berg. Was er schreibt, ist unverstellt hart und wirkt gerade dadurch befreiend und tröstlich. «Glasklar erlebt man das Leben. Und ebenso glasklar den Tod.»

Gebunden, 168 Seiten

Normalpreis: SFr. 28.00

Abonnenten-Preis: SFr. 26.00