Europa hat keine grossen Technologieunternehmen. Verliert der Kontinent – etwa bei der künstlichen Intelligenz – den Anschluss? Es muss nicht sein. Das Humankapital und die finanziellen Ressourcen seien vorhanden, sagt Guntram Wolff, Direktor des Think Tanks Bruegel aus Brüssel.

Woran es häufig scheitere, sei die Bereitschaft, Wagniskapital zur Verfügung zu stellen, etwas auszuprobieren und Risiken einzugehen. Auch die Rahmenbedingungen für innovative Digitalunternehmen müssten verbessert werden, damit Startups skalieren und im gesamten europäischen Markt tätig sein können. 

In einer Studie hat Guntram Wolff zusammen mit anderen Experten untersucht, wie sich die Digitalisierung, insbesondere Roboter und künstliche Intelligenz, und die Plattform-Ökonomie auf die Sozialsysteme in Europa auswirken. Bereits heute gibt es Bereiche, in denen künstliche Intelligenz besser ist als die menschliche Leistung. Klassische Arbeitsverhältnisse lösen sich weiter auf – mit gravierenden Auswirkungen auf Jobs und Löhne.

Sozialsysteme aus dem Gleichgewicht

In der Schweiz betragen die Sozialausgaben rund 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Gleichzeitig fällt der Anteil der Arbeit an der Wirtschaftsleistung, die europäischen Sozialsysteme sind aber daran gekoppelt und geraten immer mehr aus dem Gleichgewicht. Um sie auch in Zukunft finanzieren zu können, müssen andere Einkommen stärker besteuert werden, sagt Wolff.

Der technologische Wandel bietet zwar enorme Chancen, doch die soziale Komponente müsse mitgedacht werden. Sonst lehnen die Menschen diese Entwicklung langfristig ab. Die Folgen seien in den USA und Grossbritannien teilweise bereits zu sehen. Europa habe den Vorteil eines relativ starken Sozialstaats, das garantiere soziale Stabilität.

Anzeige
Guntram Wolff, Bruegel, und Melanie Loos, Handelszeitung

«Handelszeitung»-Redaktorin Melanie Loos spricht mit Bruegel-Direktor Guntram Wolff beim Europa-Forum Luzern.

Quelle: Europa Forum Luzern