Ob im Job, im Homeoffice oder im Privatleben – unsere Tage sind mit unzähligen To-dos gefüllt, die eigentlich auch andere hätten übernehmen können. Im letzten Herbst ist ein Ratgeber erschienen, der überladenen Terminkalendern den Garaus machen will. Der verlockende Titel: «Lass mal andere arbeiten! – Wie du Aufgaben gekonnt abgibst».

Autorin Cordula Nussbaum arbeitet als Lebenstrainerin und gilt als Deutschlands führende Expertin zum Thema Zeitmanagement. Neben Tätigkeiten als Wirtschaftsjournalistin und Unternehmerin coacht sie Führungskräfte in Unternehmen von Allianz bis ZDF zu den Themen Zeit- und Team-Management, gesund führen sowie Aufgaben richtig abgeben.

Ausserdem hat sie bereits rund zwanzig Bücher veröffentlicht, darunter ihre Bestseller «Organisieren Sie noch oder leben Sie schon?» (Campus Verlag, 2017) und «Geht ja doch! Wie Sie mit 5 Fragen Ihr Leben verändern» (Gabal, 2015). Das aktuelle Werk richtet sich an alle, deren «Krug überquillt».

Der Hang zur Selbstsabotage

Der erste Schritt vom To-do zum «Tu du!» sei eine Analyse der Ist-Situation: Mit welchen Aufgaben sind unsere Tage gefüllt und was fühlen wir bei der Bewältigung der jeweiligen Aufgabe? Welche der Aufgaben sind wichtig, welche müssen unbestritten von uns selbst erledigt werden und warum?

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Die Antworten auf diese Fragen seien sehr subjektiv. Das Problem: Trotz Dauerstress und Überlastung sträuben wir uns oft innerlich, Verpflichtungen wirklich abzugeben, Nussbaum nennt das «Selbstsabotage». Niemandem zur Last fallen zu wollen, ein übertriebenes Bestreben nach perfekten Ergebnissen oder der Anspruch, alles alleine schaffen zu wollen, und es sich selbst, Vorgesetzten oder Konkurrenten zu beweisen, bremst uns aus, wenn es darum geht, gekonnt abzugeben.

Das Buch

Cordula Nussbaum: «Lass mal andere arbeiten! – Wie du Aufgaben gekonnt abgibst». Gabal 2020, 208 Seiten, ab 20.40 Franken.

Wichtig sei vor allem, sich bewusst zu werden, welche innere Haltung die «Tu du!»-Bemühungen immer wieder sabotiert. Und auch den Ursprung des persönlichen Perfektionsstrebens, des Wunsches, gebraucht zu werden, oder der Angst, als Führungskraft unnahbar und realitätsfern zu wirken, aufzudecken. Eine Führungskraft, die zum Beispiel immer wieder die Aufgaben der Mitarbeitenden übernimmt und damit beweisen möchte, «dass ich nichts Besseres bin, nur weil ich jetzt Führungskraft bin», verliert ihre eigenen Aufgaben aus dem Blick.

Erkenne sie ihre innere Haltung, könne sie diese hinterfragen und den Fokus wieder auf das Wesentliche richten – und gleichzeitig gezielt mit Taten und Kommunikation wie eine «bodenständige, nicht abgehobene, nicht arrogante Führungskraft agieren». Die innere Haltung auf andere Art und Weise zu befriedigen, als sich selbst mit Arbeit zu überschütten, ist der Schlüssel zum Erfolg.

Cover von Cordula Nussbaums Buch "Lass Mal Andere Arbeiten"

Autorin Cordula Nussbaum arbeitet als Lebenstrainerin.

Quelle: ZVG

Die mutmachende Hauptaussage des Buches lautet: Abgeben ist erlaubt und in vielen Fällen auch besser für das Endergebnis! Wer nicht lernt, Dinge abzugeben, spürt mittel- und langfristig Konsequenzen, und zwar nicht nur für die eigene Gesundheit, Motivation und Leistungsfähigkeit. Auch seinen Mitmenschen und Mitarbeitern tut man mit einem ständigen «Ich machs» nichts Gutes: Man «nimmt anderen die Chance, sich zu beweisen, zu wachsen, zu reifen» und trägt so dazu bei, dass sie sich bevormundet fühlen und auch deren Motivation sinkt.

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Auch im Homeoffice: Abgeben erlaubt

Im riesigen Angebotsdschungel von Psycho-Ratgebern und Selbstfindungs-Podcasts bietet Cordula Nussbaums Buch einen erfrischenden Mehrwert: Sie verzichtet auf Floskeln und Binsenweisheiten und zeigt: Es muss nicht immer alles so kompliziert sein! Stattdessen versetzt sie sich mit geschickt gewählten Alltagsbeispielen in die Nöte und Sorgen ihrer Leserinnen und Leser und gibt konkrete Handlungsempfehlungen. Mitten aus dem Leben gegriffen, lesen sich die 208 Seiten wie von selbst. Sie sind locker und einfach geschrieben und hinterlassen dennoch bleibende Inspiration und Handlungsimpulse – für Job und Privatleben gleichermassen.

Sie beschreibt etwa auch detailliert, wie Führungskräfte abgabefähige Aufgaben erkennen und diese dann an die richtige Person und mit dem richtigen Briefing weitergeben können – selbst in Homeoffice-Zeiten oder ständig virtuell arbeitenden Teams.

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Einige Dinge ­gezielt vom To-do in ein «Tu du!» ­verwandeln.

Ein Ratgeber, der dabei helfen will, Aufgaben abzugeben, trifft also mehr denn je den Nerv der Zeit. In Lockdown-Phasen, in denen Homeoffice und Homeschooling zeitweise Berufs- und Privatleben verschwimmen lassen, gilt es zudem, neue Verpflichtungen wahrzunehmen und potenzielle Abgabemöglichkeiten (wenn auch nur auf Zeit) zu erkennen: Streiten Sie immer mit dem Kind, wenn es an die Hausaufgaben geht? Ein Nachhilfelehrer oder ein älterer Schüler aus der Nachbarschaft kann vielleicht helfen.

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Denn Cordula Nussbaum rät: Es gehe darum, die richtigen Aufgaben abzugeben – «und zwar die Aufgaben, die zwar gemacht werden müssen, aber nicht notwendigerweise von dir in persona». Einige Dinge gezielt vom To-do in ein «Tu du!» zu verwandeln, kann viel Zeit und Nerven sparen, Teammitglieder stärken und im Zweifelsfall auch den Familienfrieden wahren.

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