Wer heutzutage einen Job sucht, kommt um Online-Jobportale nicht herum. Doch bei der Auswahl der Bewerber zählen nicht nur Kriterien wie fachliche Eignung, Ausbildung oder Erfahrung. Auch Geschlecht und Herkunft spielen eine Rolle – das kann zu Diskriminierungen führen. 

Wissenschaftler der ETH Zürich haben untersucht, ob ausländische Bewerberinnen und Bewerber auf Stellenbörsen im Internet benachteiligt werden. Dabei kam heraus, dass sie tatsächlich gegenüber Schweizer Interessenten Nachteile haben. Kurioserweise hängt dies jedoch von der Tageszeit ab. Zudem werden sowohl Männer als auch Frauen bei der Online-Jobsuche diskriminiert – einfach anders.

Analysiert wurden Daten von Job-​Room, einer der grössten Jobplattformen der Schweiz. Über zehn Monate haben die Forscher Daten von mehr als 150’000 Stellensuchenden ausgewertet. Das Stellenportal wird vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) betrieben. Unternehmen und Personalberatungsfirmen können darüber geeignete Kandidaten suchen, deren Profile ansehen und sie direkt kontaktieren. 

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Ausländische Bewerber sind im Nachteil

Wie beeinflusst Geschlecht und Herkunft die Auswahl? Dazu beobachteten die Forscher Millionen von Entscheidungen – etwa wie die Firmen ihre Auswahl trafen und welche Bewerberinnen und Bewerber eingeladen wurden. 

Das Ergebnis: Ausländische Bewerberinnen und Bewerber wurden weniger häufig kontaktiert als Schweizer – bei gleicher Qualifikation. Besonders selten läutete das Telefon danach bei Menschen aus dem Balkan, Afrika, dem Nahen Osten und Afrika.

Diskriminierung variiert je nach Tageszeit

Interessant dabei: Gegen Mittag und Abend wirkte sich die ausländische Herkunft besonders negativ aus, weil die Rekrutierenden dann die Bewerberprofile schneller durchsehen.

«Wenn ein Rekrutierer müde oder gestresst ist beziehungsweise Hunger hat, entscheidet er eher intuitiv und ist anfälliger für Stereotypen oder Diskriminierung», erklärt Daniel Kopp, Co-Autor der Studie.

Zudem werden sowohl Frauen als auch Männer diskriminiert – je nachdem, ob sie sich für einen typischen Männer- oder Frauenberuf bewerben. In Berufen mit einem geringen Frauenanteil – etwa in der Pflege oder in Sekretariatsjobs – werden Männer seltener kontaktiert; umgekehrt haben es Frauen in handwerklichen Berufen, im Baugewerbe und in der Industrie schwerer. 

Podcast zum Thema

Nadia Fischer von Witty Works spricht über den «unconscious bias» gegenüber Frauen und die Sprache in Stellenanzeigen.

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Typische Frauen- und Männerberufe

Viele Rekrutierer scheinen also nach wie vor Frauen für gewisse Berufe geeigneter zu halten. «Das führt dazu, dass die berufsspezifische Segregation bestehen bleibt oder sogar noch verstärkt wird», sagt Co-​Autor Michael Siegenthaler.

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Über keine der untersuchten Branchen hinweg konnten die ETH-Forscher allerdings Geschlechter-Diskriminierung feststellen. Das heisse aber keinesfalls, dass es keine Benachteiligung von Frauen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt gebe, sagt Daniel Kopp. Denn Frauen haben es in der Regel nicht bei der Einstellung schwerer als Männer, vielmehr stossen sie innerhalb ihres Unternehmens an die sogenannte gläserne Decke, weil sie bei Beförderungen benachteiligt werden

Qualifikation und Leistungsfähigkeit in den Vordergrund stellen

Grundsätzlich gehen die Forscher aber nicht davon aus, dass auf Online-Plattformen stärker diskriminiert werde als über andere Rekrutierungskanäle wie Direktbewerbungen.

Für Jobportale im Internet biete sich nun die grosse Chance, das Design von Stellenprofilen anzupassen: Informationen eines Kandidaten, die wirklich etwas über dessen Qualifikation aussagen, müssen im Vordergrund stehen statt Angaben zu Geschlecht und Herkunft. Nur so seien letztendlich gleiche Chancen für Bewerberinnen und Bewerber unterschiedlicher Herkunft auf dem Arbeitsmarkt gewährleistet. 

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«Eine andere Präsentation von Informationen kann dazu führen, dass Rekrutierer bessere Entscheidungen treffen», sagt ETH-Ökonom Kopp. In anderen Ländern gebe es dafür eine deutlich grössere Sensibilität als in der Schweiz. In den USA beispielsweise seien weder Fotos noch Angaben zur Herkunft üblich, teilweise werden Bewerbungen sogar ganz anonymisiert. 

Das Bild oben wurde im Rahmen einer anderen Studie verwendet: Doris Weichselbaumer, «Discrimination against Female Migrants Wearing Headscarves», Johannes-Kepler-Universität Linz, IZA Discussion Paper 10217, September 2016.

Dabei versandte die Ökonomin Doris Weichselbaumer knapp 1500 fiktive Bewerbungen an Firmen in Deutschland und analysierte die Reaktionen. «Die Ergebnisse weisen eindeutig auf die - bewusste oder unbewusste - Diskriminierung von Bewerberinnen mit Kopftuch und Migrationshintergrund hin», so ein Fazit der Arbeit.

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