Wir bieten unseren Mitarbeitenden ein echtes Zuhause, in dem sie sich wohlfühlen können», verspricht Allianz Suisse auf seiner Website. Doch mit der Corona-Pandemie hat sich das Verhältnis von Beruf und Zuhause verschoben. Hinter dem Versprechen steht eine neue Herausforderung für Arbeitnehmer wie -geber. «Bereits während des ersten Lockdowns arbeiteten mehr als 90 Prozent der Kollegen vom Homeoffice aus», sagt Théo Kaeser, Leiter HR Business Partner bei Allianz Suisse.

Der Ausnahmezustand hält seitdem mit Unterbrechungen an und mittlerweile ist die allgemeine Homeoffice-Pflicht in Kraft. Der Partner oder die Partnerin ist inzwischen zum langfristigen Bürokollegen geworden. Und in diesem Setting gibt es immer wieder Konflikte, die Firmen indirekt betreffen. Sei es, dass der Partner ein Sicherheitsrisiko für den Datenschutz darstellt, sei es, dass die Arbeitsleistung durch Konflikte gemindert wird. Aber darf und soll das Firmen etwas angehen? Wie weit geht die Fürsorgepflicht des Chefs und der Chefin?

Alltag im Homeoffice als Belastung

Vorab: Viele haben gar keine Probleme. «Es gibt durchaus die, die damit voll zufrieden sind. Sie wurden plötzlich kreativer und produktiver. Oder sie geniessen es, weniger zu pendeln und präsenter im Alltag ihrer Kinder zu sein», sagt Bettina Disler, Paar- und Sexualberaterin aus Zürich, und nennt ein weiteres positives Beispiel: «Die Alpha-Paare, bei denen beide schon immer viel in die eigenen Karrieren gesteckt haben. Das berufliche Engagement des Partners oder der Partnerin nun aus nächster Nähe zu erleben, steigert die Anerkennung. Sich gegenseitig zu unterstützen, schweisst zusammen.»

Derartige Erfahrungen bestätigen Ergebnisse einer Studie, für die Deloitte Schweiz 1500 Personen im ganzen Land befragt hat.

Bei aller Begeisterung für eine flexiblere Arbeitswelt darf die kritische Masse der Studienteilnehmer nicht ausser Acht gelassen werden, die die Heimarbeit für eine Corona-freie Zukunft kategorisch ablehnt. Was erklärt ihre Sehnsucht nach dem Büroalltag ausserhalb der eigenen vier Wände?

«Meine Klienten sind nicht repräsentativ für die Allgemeinheit, denn zu mir kommen vor allem die, die Probleme haben», sagt Disler. «Aber so erlebe ich, warum momentan viele überfordert sind. Für manche Paare änderte sich das Zusammenleben, das sich vielleicht über Jahrzehnte der Beziehung eingespielt hatte, von einem Tag auf den anderen radikal.» Dann komme es darauf an, wie gut die Partnerschaft ausserhalb dieser Muster funktionieren könne.

Auf einen Standardverlauf lassen sich Dislers Beobachtungen nicht reduzieren, denn viel kommt auf die Ausgangssituation an – und die ist immer individuell. Wenn das Interesse da ist, können sich die Partner von einer neuen Seite kennenlernen. Umgekehrt werden die Vorwürfe lauter, wenn Spannungen bereits vorhanden sind. Kriselte es schon vor der Pandemie, verhinderte die räumliche Trennung zum Arbeitsplatz häufig eine Konfrontation. Nun ist dieser Zufluchtsort verwehrt, und schon kleine Alltagsaufgaben werden zur Belastung.

«Es geht dabei letztlich immer um Ressourcenstress, der sich aus der Zwangssituation ergibt.»

Matthias Mölleney, Beratungsfirma Peoplexpert

Beispielsweise, wenn der Partner beim Kaffeekochen lärmt, während gerade der wichtige Video-Call läuft. Und dann lässt sie auch noch die schmutzige Tasse stehen. Überhaupt, wer ist nach der Mittagspause eigentlich für den Abwasch zuständig? Und wer übernimmt das Homeschooling der Kinder?

«Es geht dabei letztlich immer um Ressourcenstress, der sich aus der Zwangssituation ergibt. Wer setzt seine Energie- und Zeitkapazitäten wie ein – für die Arbeit und für die Beziehung», sagt Matthias Mölleney, der sich unter anderem mit seiner Beratungsfirma Peoplexpert auf modernes Personalmanagement konzentriert.

Ein Thema kommt seit der Pandemie in Dislers Beratungsgesprächen häufiger zur Sprache: die Affäre parallel zur «offiziellen» Partnerschaft zu Hause. Häufig haben diese ihren Ursprung im beruflichen Umfeld. Zudem waren angebliche Abendessen mit Kollegen und Dienstreisen übers Wochenende gefundene Ausreden für die geheimen Romanzen. Das alles findet nun nicht mehr statt, und selbst in der Firma kann die Büroaffäre keine Berührungspunkte mehr finden.

Tipps für gute Zusammenarbeit im Homeoffice

  • Aufgaben klären: In einer Morgenbesprechung sollte geklärt werden, was heute im Homeoffice erledigt werden muss, wann Telefonkonferenzen stattfinden und wie lange an einem Tag gearbeitet werden muss.
     
  • Pausen koordinieren: Homeoffice-Partner müssen nicht auch noch jede Pause zusammen verbringen. Der Freiraum, den das Büro früher gegeben hat, kann durch regelmässige Solo-Pausen gewährleistet werden.
     
  • Rangordnung: Oft ergeben sich im Homeoffice Konflikte über die Frage, welcher Job oder welche Aufgabe wichtiger ist. Diese Diskussionen sind in jedem Fall zu vermeiden. Gegenseitiger Respekt zählt.

Das Fremdgehen am Arbeitsplatz führt es eindrücklich vor: Beruf- und Privatleben können viele nicht abgrenzen, und das gilt im aufgezwungenen Homeoffice mehr denn je. Die vermeintliche Doppelbelastung strahlt nicht nur auf persönliche Beziehungen, sondern unter Umständen auch auf die berufliche Performance.

Die landesweite Befragung von Deloitte Schweiz und ebenso die interne Erhebung von Allianz Suisse belegen keinen negativen Einfluss auf die Leistungsbereitschaft von Angestellten. Das heisst aber nicht, dass Arbeitgeber das Thema ignorieren dürfen, betont Mölleney: «Erste Erhebungen zeigen, dass Depressionen und Burn-outs zunehmen.»

Regeln für das Arbeiten zu Hause

Unter anderem die repräsentative Studie des Forschungsinstituts Link ermittelte im Januar, dass sich das Befinden der Bevölkerung im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert hat; das betreffe einen Drittel der Befragten.

Die Auswirkungen psychischer Belastungen können langwierig sein, persönliche Beziehungen belasten und bis zur Arbeitsunfähigkeit führen. «Um solchen Fällen vorzubeugen, ist auch das Management in der Pflicht», sagt Mölleney. Die meisten hätten erkannt, dass neue Führungsstile gefragt sind.

«Die neuen Arbeitsformen bergen auch Herausforderungen, beispielsweise für die Gesundheit der Mitarbeitenden. Wir unterstützen sie bei Themen wie Zeitmanagement und Gestaltung der Work-Life-Balance», sagt HR-Leiter Kaeser. Bei Allianz Suisse hat er verschiedene Kennzahlen wie Krankschreibungen und Überstunden im Blick. Die internen «Way of Working»-Prinzipien sollen Meetings und den Umgang mit kritischen E-Mails ausserhalb der Bürozeiten verhindern. Kursangebote wie etwa für Yoga schaffen Ausgleich und bei Problemen steht eine anonyme Beratungsstelle zur Verfügung.

Die Massnahmen liefern Anregung, was Homeoffice-Neulinge auch individuell umsetzen können. Zu Hause gehören Arbeit und Feierabend klar getrennt. Eine Tür zum Büro kann man einfach schliessen, aber Abgrenzung gelingt auch auf engerem Wohnraum.

Ob der Küchentisch oder der Sekretär im Gästezimmer der notgedrungene Arbeitsplatz sind: Mails werden nur hier geschrieben und nicht etwa im Bett oder auf dem Sofa. Das sind und bleiben Orte der Entspannung und Zweisamkeit. Der Heimweg aus dem Büro ist für viele die erholsame Übergangsphase zum Feierabend und lässt sich durch einen Spaziergang perfekt imitieren.

«Ich hatte Klienten, die sich nur noch wöchentlich geduscht haben. Selbst für den Nachbarn putzt man sich mehr raus.»

Bettina Disler, Paar- und Sexualberaterin Zürich

Der unverbindliche Plausch vorm Meeting entspannt die Büroatmosphäre – und sollte auch in der digitalen Welt einen festen Platz haben. «Wir müssen digitalen Austausch vermenschlichen. Sogenannte Breakout Sessions für Small Talk rund um den eigentlichen Konferenz-Call sind eine leicht umzusetzende erste Massnahme», schlägt Mölleney vor. Diese kann jeder Mitarbeiter anstossen, doch einfacher ist es, wenn Vorgesetzte diesen Schritt gehen. Damit sorgen sie für Abwechslung und liefern unter Umständen auch Gesprächsstoff beim Abendessen mit dem Partner.

Ob bei Frühstück oder Abendessen: Dem Partner tut man mit einem ausgehtauglichen Outfit einen Gefallen. «Ich hatte Klienten, die sich nur noch wöchentlich geduscht haben. Selbst für den Nachbarn putzt man sich mehr raus. Dabei ist es ein Zeichen von Respekt, sich gerne für das Gegenüber schick zu machen», sagt Disler. Auch aus Eigennutz sollte man sich morgens pflegen und zurechtmachen, als würde man ins Büro gehen.

So werden Arbeits- und Freizeit optisch abgegrenzt. Und das lohnt sich selbst, wenn es ins Büro nur wenige Schritte in Hausschuhen sind.