Cédric Waldburger ist sich sicher: «Schnell wachsende und erfolgreiche Softwareunternehmen werden vermehrt kein Office mehr haben und sich nicht mehr überlegen, welches ihr Heimmarkt ist», sagt der Schweizer Gründer und General Partner von Tomahawk Ventures: «Die Mitarbeiter sind auf der ganzen Welt verteilt, und verkauft wird da, wo die Kunden sind.» Tomahawk investiert global mit der These, dass die Zukunft den «Global first»-Teams gehört, die remote arbeiten. Entsprechend verteilt auf der ganzen Welt sind auch die Mitarbeiter von Tomahawk: unter anderem in der Schweiz, Osteuropa und Asien.

«Software is eating the world»: Diese viel zitierte These von Netscape-Gründer und Star-Venture-Capitalist Marc Andreessen von 2011 bewahrheitet sich je länger, je mehr. Doch während seit Jahren immer mehr von unserem privaten und beruflichen Leben in der virtuellen Welt stattfindet, hat erst in diesem Jahr bei vielen Firmen ein Umdenken bezüglich ihrer Bürolandschaften begonnen. Sogar bei Onlineunternehmen wie Google und Facebook.

Remote-Setup bei Google und Co.

Ehemals bekannt für ihre luxuriösen Arbeitsplätze mit Seilbahnkabinen, Aquarien oder Massagesesseln, haben die beiden Konzerne ihre Mitarbeitenden nun bis mindestens Ende Juni 2021 (Google) oder teilweise für immer (Facebook) ins Homeoffice geschickt. Dass ein Remote-Setup gerade für Softwarefirmen viele Vorteile mit sich bringen kann, wusste man. Dennoch brauchte es die Corona-Krise, um die grössten Befürchtungen rund um Mitarbeiterproduktivität, Firmenkultur und Verlässlichkeit der digitalen Infrastruktur zu beseitigen.

Der Autor

Pascal Unger ist Managing Partner bei der Venture-Capital-Gesellschaft Darling Ventures in San Francisco.

 

In den letzten Monaten hat in Nordamerika aber nicht nur ein Umdenken bei den Grosskonzernen eingesetzt, sondern auch bei Tech-Firmen wie Slack, Shopify, Twitter, Box, Coinbase, Stripe oder Pinterest. Letztgenannte hat sich soeben für sage und schreibe 90 Millionen Dollar aus einem langfristigen Mietvertrag ausgekauft.
Auch bei jüngeren Software-Start-ups findet dieses Umdenken statt. Fast 90 Prozent der CEOs von Tech-Firmen in der Bay Area haben sich laut letzten Befragungen dazu entschieden, zumindest Teile der Belegschaft auf unbestimmte Zeit von zu Hause aus arbeiten zu lassen.

Dasselbe gilt erst recht bei den kürzlich gegründeten Start-ups: Fast alle Jungfirmen in Nordamerika, die wir als Venture Funds zurzeit anschauen, sind seit ihrer Gründung im Homeoffice. Sie haben ihre Firmenkultur und Prozesse rund um ein Remote-Setup implementiert, denken deutlich globaler als ihre Vorgänger und haben ihre Mitarbeiter in ganz Nordamerika oder auf der ganzen Welt verteilt.

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Remote als Chance

Die Vorteile des Remote und des globalen Setups sind bekannt: weltweiter Zugang zu den besten Talenten, eine höhere zeitliche und örtliche Flexibilität für die Mitarbeitenden und damit eine bessere Work-Life-Balance sowie eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit. Auch Animositäten im Team sind weniger dramatisch. Dank Kollaborationssoftware wie GitHub und Kommunikationstools wie Slack arbeiten vor allem Programmierer schon lange fast ausschliesslich online miteinander zusammen – selbst wenn sie im selben Büro sitzen.

«In der Softwareentwicklung sieht man schon seit Langem, dass Teams, die von sich teilweise nur GitHub-Profilbilder kennen, auch über Monate hocheffizient miteinander arbeiten können», sagt Elias Kleimann, Mitgründer und CFO des Schweizer Drohnen-Start-ups Wingtra mit Offices in der Schweiz und Kroatien. Entsprechend viele Softwarefirmen berichten von erheblichen Effizienzsteigerungen seit dem Wechsel ins Homeoffice.

Auch eine gut funktionierende Firmenkultur im Homeoffice zu etablieren und aufrechtzuerhalten, sei machbar, weiss Philipp Stauffer, Mitgründer und General Partner beim Venture Capital Fund Fyrfly Venture Partners. «Der massgebliche Erfolgsfaktor ist, eine bewusste Entscheidung zum Setup zu treffen und sie in der Firmenkultur und den Prozessen zu verankern», sagt er. «Ohne diese bewusste Entscheidung läuft man Gefahr, in ein hybrides Setup hineinzurutschen, das nicht funktioniert und vor allem Ausreden liefert.»

Fyrfly investiert global mit Hauptfokus auf der Schweiz und den USA – ausschliesslich in Start-ups, die «global from day 1» sind (was bei Fyrfly nicht unbedingt vollständig im Remote-Setup sein muss). Sollte sich ein schon existierendes Unternehmen für einen Wechsel auf ein Remote-Setup entscheiden, müssen die Kultur und die Prozesse bewusst angepasst werden. Hierzu empfiehlt Stauffer: «Bring das Team zusammen, führe aktive Diskussionen, wie man die Firmenkultur und die internen Prozesse des physischen Setups der neuen virtuellen Ausrichtung anpassen kann, und stell sicher, dass die Mitarbeiter dies so unterstützen.»

Grösseres Marktpotenzial

Während es für Robotik-Start-ups mit Hardwareprodukten wie Wingtra zusätzliche Komplexitäten rund um physische Distanzen und Landesgrenzen gibt, zwingt ein globales Setup vor allem Software-Start-ups dazu, auf Produkt- und Kundenseite viel früher weltweit zu denken. So können sie eine noch spezifischere erste Kundengruppe angehen mit einem entsprechend besser auf diese zugeschnittenen Angebot.

Demzufolge viel grösser ist das Marktpotenzial im anfänglichen sogenannten «Beach Head»- Markt (die erste Marktnische) als bei einem geografisch eingeschränkten Kundenfokus. Und man ist weniger abhängig von einzelnen Märkten und Kunden – wichtig besonders so früh in der Firmengeschichte. Zudem sind Videokonferenzen statt physischer Treffen mit potenziellen Kunden inzwischen global akzeptiert, womit man vom eigenen Wohnzimmer aus weltweit verkaufen kann.

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Für Schweizer Start-ups sind die Vorteile einer «Global first»-Herangehensweise durch den verhältnismässig kleinen Arbeitnehmermarkt und das hohe Lohnniveau noch einmal grösser. «Mit einem Schweizer Gehalt kann man als Start-up im Ausland auf der Gehaltsebene kompetitiv sein, was innerhalb der Schweiz gegen Apple, Google und Co. schlicht nicht möglich ist», sagt Nilson Kufus, CEO und Mitgründer des Schweizer Digital-Twin-Start-ups Nomoko, basierend auf eigenen Erfahrungen. Mit dem verhältnismässig kleinen Binnenmarkt ist es für ein Schweizer Start-up zudem umso wichtiger, mit einem möglichst global relevanten Produkt von Anfang an auf den Weltmarkt zu gehen.

«Die besten Produkte werden sich je länger, je mehr global durchsetzen. Um Erfolg zu haben, ist es deshalb essenziell, möglichst früh das Produkt auf dem globalen Markt zu testen», fügt Kufus an. Dass «dieser globale Ansatz von Beginn weg mit mehr Risiko verbunden» ist, weiss Roger Dudler, Mitgründer und CEO von Frontify. Trotzdem war für ihn «immer klar, dass wir uns vom ersten Tag an global aufstellen müssen, um erfolgreich zu sein». Das Markenmanagement-Start-up aus St. Gallen lässt seine über 100 Mitarbeitenden auf Wunsch seit Neuem komplett von zu Hause aus arbeiten, hat jedoch auch Büros in St. Gallen und New York.

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Am Anfang einer steilen Lernkurve

Ein Start-up ohne festes Büro muss gegenüber dem bis anhin akzeptierten Leitfaden für Softwarefirmen umdenken. Vieles von diesem neuen Leitfaden ist noch nicht geschrieben, denn wir sind erst ganz am Anfang einer steilen Lernkurve: Langfristig erfolgreiche Softwareunternehmen, die seit Beginn remote sind, gibt es bis anhin nur wenige.

Die Softwareentwicklungsplattformen GitHub und GitLab sowie Automattic, die Firma hinter Wordpress und Tumblr – sie wurde zeitweise vom Schweizer Toni Schneider geleitet –, sind Pioniere in diesem Bereich. Ein mitentscheidender Faktor für den Erfolg eines Start-ups ist jedoch das frühe Erkennen und Aufspringen auf langfristige Trends – mit dem entsprechenden Risiko. Vieles deutet darauf hin, dass der «Global first»-Ansatz mit Remote-Arbeit einer dieser Trends ist.

Mit der explosionsartig vergrösserten Nachfrage nach Software und Infrastruktur rund um Remote-Arbeit hat auch die Start-up-Aktivität in diesem Bereich sehr stark zugenommen: In den nächsten ein bis zwei Jahren werden hier viele spannende Softwarelösungen auf den Markt kommen, die das Arbeiten von zu Hause aus noch einmal effizienter machen.

Es spricht insgesamt viel dafür, sich heute als digitales Start-up mit dem «Global first»-Ansatz aufzustellen – gerade von der Schweiz aus. Auch um mit US-Start-ups mithalten zu können, da dieses Modell in Nordamerika in der Zwischenzeit sehr stark angekommen ist – und weiterhin bestehen dürfte. Und zwar ganz unabhängig davon, ob unsere Arbeitswelt auch in Zukunft langfristig durch Shutdowns ins Homeoffice gezwungen wird oder nicht.

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In unserer neuen Kolumne «Valley View» beleuchtet Pascal Unger fortan regelmässig die neusten Entwicklungen im Silicon Valley und ihre Auswirkungen auf die Schweiz. Alle Texte dazu finden Sie hier.

Dies ist ein BILANZ-Artikel

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