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Cloud-Computing
Kampf um die Cloud: Konkurrenz für Amazon aus Zürich

Dominic Williams CEO Dfinity
Dfinity-Gründer Dominic Williams: Für seinen Internet-Computer hat er von Wagniskapitalgebern 200 Millionen Dollar erhalten.Quelle: monica semergiu

Dfinity-Gründer Dominic Williams erklärt, wie er aus Zürich heraus Amazon und Google das Fürchten lehren will.

Von Marc Badertscher
am 15.04.2019

Sie sind Chef von Dfinity. Eben haben Sie Ihren Forschungsstandort in Zürich ausgebaut. Was machen Sie da?
Wir bauen den Internet-Computer.

Das klingt wie die Welt neu erfinden. Was ist das Problem, das Sie zu lösen ­versuchen?
Heute haben wir sozusagen ein dünnes oder einschichtiges Internet. Das heutige Internet verbindet Computer miteinander. Sonst kann es nichts. Die Daten und Programme liegen meist irgendwo auf ­einem Server eines Konzerns.

Und was wollen Sie stattdessen?
Wir bauen daran, das dicke oder mehrschichtige Internet zu erfinden. Wir wollen die Cloud sozusagen ins Internet ­integrieren. Dann wird das Internet direkt die Programme und Daten beherbergen und die Software wird im Internet laufen.

Das geht schon heute mit der Cloud bei Amazon, bei Google oder wo auch immer.
Ja. Aber diese Infrastruktur ist proprietär. Sie gehört jemandem, dem man letztlich ausgeliefert ist.

Das stört niemanden.
Doch. Es ist ein Riesenaufwand, den Anbieter zu wechseln. Und was ist, wenn es den einen Anbieter plötzlich nicht mehr gibt oder er die Bedingungen überraschend ändert? Das sind beträchtliche Risiken. Ein zusätzliches Problem für viele Internet-Startups ist die Abhängigkeit von Daten, die Google und Facebook zur Verfügung stellen.

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Der Gründer

Name: Dominic Williams

Funktion: Gründer und Tech-Chef

Wohnort: Palo Alto, USA

Ausbildung: Studierte Computerwissenschaften am King's College London.

Dfinity ist ein Internet-Startup, das von Wagniskapitalgebern aus dem Silicon Valley unterstützt wird. So haben Andreessen Horowitz, SV Angels und andere 200 Millionen Dollar investiert. Dfinity verfügt über Forschungslabors in den USA und der Schweiz und beschäftigt Entwickler auch in Deutschland und Asien. 

 

Aber grosse Klagen gibt es bisher nicht.
Die Gaming-Firma Zynga hat erlebt, was es bedeutet, als sie plötzlich keinen Zugang mehr zu Facebooks Daten erhielt. Zyngas Einnahmen crashten. Diese Situation nennt man Plattformrisiko. Kapitalgeber fragen heute vermehrt nach den Plattformrisiken von Geschäftsmodellen, zum Beispiel bevor sie ein Startup finanzieren.

Bei Ihnen haben die Kapitalgeber dagegen tief in die Taschen gegriffen. Sie erhielten 200 Millionen Dollar. Unter Druck?
Nein. Unsere Investoren zählen darauf, dass wir mit den Mitteln die besten Ingenieure und Forscher zusammenbringen.

Gibt es noch eine weitere Kapitalrunde?
Vorstellbar, aber es gibt keinen Plan.

Nennen Sie ein konkretes Beispiel, was auf dem Internet-Computer laufen soll.
Ein Open-Linkedin, ein Open-Ebay, ein Open-Airbnb. Der gleiche Service wie heute, aber nicht mehr auf proprietären Plattformen. Wir bauen die Infrastruktur dafür. Wir glauben, dass der Trend Richtung offener Systeme geht.

Was ist denn eigentlich neu in dieser Cloud von Dfinity?
Der Internet-Computer, wie wir Dfinity nennen, baut auf Tausenden von unabhängigen Datenzentren auf. Wenn man ein Business auf dem Internet-Computer aufbaut, wird man deshalb nicht zu einem abhängigen Kunden. Der Internet-Computer stellt zudem ganz neue Programmiermöglichkeiten bereit. Zum Beispiel autonome Software, die ohne Eigentümer existiert. Das ist eine Technologie, die es heute noch gar nicht gibt.

Sie spielen auf die Blockchain-Technologie an und deren Stärken bei Transaktionen.
Ja. Wir entwickeln die Technologie weiter. Aber im Kern übernehmen wir Eigenschaften von bisherigen Blockchain-Technologien. Dazu gehört, dass der Internet-­Computer nicht gehackt werden kann. Die heutige Infrastruktur ist per se unsicher. Davon zeugen all die Vorkommnisse, über die wir in den Zeitungen lesen.

«Wir bauen die Infrastruktur für Open-Linkedin, Open-Ebay, Open-Airbnb. Der gleiche Service, aber offen.»

Dfinity-Gründer Dominic Williams

Es dürfte eine grosse Hürde sein für Firmen, auf ein so neues Konzept zu setzen.
Aber es senkt langfristig die Kosten. IT-Systeme kosten heute viel Geld, weil sie komplex sind. Datenbanken, Firewalls, Back­end-Server, Webserver. Das alles muss von teuren Arbeitskräften begleitet werden. Der Internet-Computer reduziert die Komplexität massiv. Er wird mit den Cloud-­Anbietern konkurrenzieren können.

Was hindert Amazon oder Google daran, nicht selber mit Blockchains aufzurüsten?
Das wäre nicht vergleichbar mit Dfinity. Eine Firma wie Amazon oder Google, die ihre Systeme vollständig kontrolliert, hat selbst keinen Anreiz, ihre Position gegenüber Kunden wirklich zu ändern. Deshalb braucht es Dfinity, um eine offene und ­unabhängige Alternative ohne Plattform­risiken zu entwickeln.

Das sagt auch Ethereum – bisher Marktleader für neue Transaktionsplattformen.
Es gibt Ähnlichkeiten. Und klar, ohne den Erfolg und die Inspiration durch Ethe­reum gäbe es uns nicht. Aber ich denke, nur Dfinity arbeitet letztlich an einer voll ausgebauten dezentralen Cloud.

Wie viele Leute arbeiten heute in Ihrem Research Lab hier in Zürich?
20 Personen. Ende des Jahres werden es 45 sein. Die meisten von ihnen sind langjährige Ingenieure mit viel Erfahrung.

Was für Leute sind das?
Wir stellen Softwareentwickler ein, genauso wie Experten für Kryptografie.

«Wir wählten die Schweiz wegen der politischen Neutralität. Zürich ist ein grossartiger Standort.»

Dfinity-Gründer Dominic Williams

Das sind begehrte Qualifikationen. Wo ­zügeln Sie die Leute ab?
Wir zügeln niemanden ab. Unsere Mitarbeitenden kommen zum Teil von IBM, die auch stark in Zürich vertreten ist. Unser Forschungsleiter Jan Camenisch kommt ebenfalls von dort. Google Research hat einen grossen Standort gleich um die Ecke. Und dann ist da die ETH Zürich.

Warum wählten Sie nicht Berlin?
Wegen der politischen Neutralität. Un­sere Stiftung, welche unser Projekt un­terstützt und vorantreibt, ist in der Schweiz. Zürich ist bereits ein grossartiger Standort für ­gewisse Computing-­Bereiche und für Kryptografie. Und die Schweiz war schon bei der Gründung des Internets wichtig. Daran schliessen wir an.

Ist Kryptografie für die Gesellschaft ­wichtig?
Kryptografie gibt einem Sicherheit, die Freiheit, nicht mehr gehackt zu werden. Sie hilft die Privatsphäre schützen und ­garantiert gleichzeitig das Funktionieren von offenen Systemen. Das alles ist zum Vorteil der Gesellschaft.

Wann geht Ihr Projekt live?
Mit einigen Komponenten werden wir ­bereits in diesem Jahr starten. Wirklich produktionsbereit wird Dfinity erst später sein. Aber in den nächsten zwei, drei ­Jahren werden wir die ersten grösseren Anwendungen sehen.