Daniel Kahneman gewann den Wirtschaftsnobelpreis, dabei ist er noch nicht einmal Ökonom. Immerhin einige Kurse habe er besucht, kokettiert der Mann, der als Psychologe den Wirtschaftswissenschaften einen menschlichen Anstrich verpasst hat. Weg vom homo oeconomicus, dem immer rationalen und egoistischen Individuum. Zwei Annahmen, die aus psychologischer Sicht gar keinen Sinn machen, wie er sagt.

Auf einer Investorenkonferenz in Paris gab er nun Einblicke in den letzten Stand der Forschung auf dem Gebiet der Verhaltensökonomie und erläuterte, wie sich Menschen entgegen der klassischen Theorie tatsächlich verhalten, wenn sie an der Börse aktiv sind. Vor allem drei Fehler skizzierte Nobelpreisträger von 2002, der spätestens mit seinem Buch «Schnelles Denken, langsames Denken» 2011 zu Weltruhm gelangte: Anleger überschätzen sich, sind zu kurzsichtig und ihr Bedauern über Fehlentscheide führt häufig zu neuen Fehlern.

Hin und her macht Taschen leer

Menschen denken gerne in Geschichten – und sind sie von ihrer Lesart der Dinge überzeugt, handeln sie entsprechend. Das gilt vor allem für die Börse: Doch je mehr Trades Anleger tätigen, desto schmaler fällt unterm Strich der Ertrag aus. Studien zeigen, was Aktionismus zunichte machen kann: Untersucht wurden Börsenaktivitäten, bei denen Kleinanleger am gleichen Tag jeweils eine Aktie verkauften und dafür eine andere ins Portfolio legten.

Das Ergebnis der Untersuchung: Das abgestossene Papier war ein Jahr nach dem Handel im Schnitt 3,4 Prozent mehr wert als der Zukauf. Blöd gelaufen. Die Ergebnisse jedoch, so Kahneman, seien sehr belastbar und in der Realität immer wieder zu beobachten. 

«Ideen kosten Menschen Geld»

Männer übrigens, sagt der Psychologe, schneiden in Börsenfragen regelmässig schlechter ab als Frauen. Das liegt jedoch nicht am Ideenmangel des weiblichen Geschlechts, sondern daran, dass sie weniger jeder Überzeugung nachgeben. Männer sind als Investoren schlicht viel aktiver als Frauen. Das zugrundeliegende Problem: Oft ist das, was wir für tatsächliche Expertise halten, schlicht Überzeugung. Darauf basierende Entscheidungen sind jedoch fehleranfällig. «Wenn Menschen Ideen haben, kostet sie das oft Geld.»

Denn tatsächlich sind wir viel kurzsichtiger als es die klassische Finanzlehre oft annimmt: Sie besagt, dass unseren zukünftigen Wohlstand steigern wollen. Im echten Leben denken wir aber nicht das grosse Ganze: Gewinne erzielen und Verlusten vermeiden – unser Handeln wird von viel kurzfristigeren Motiven bestimmt, als es die Standardtheorie annimmt, so Kahnemann auf der Konferenz des Vermögensverwalters Amundi.

Wir verkaufen gut laufende Aktien, weil wir Gewinne einfahren wollen und scheuen vor Verlusten zurück: Deshalb darben Underperformer oft ewig im Portfolio. Entsprechend ist jeder Anleger gut beraten, wenn er den Kaufpreis einer Aktie nach dem Kauf schnell wieder vergisst. Auch leben und handeln wir besser, wenn wir uns bewusst machen, dass uns Verluste stärker schmerzen, als uns Gewinne befriedigen. Unterm Strich steht geradezu eine Binsenweisheit: Am besten investieren Anleger langfristig und mit breitem Ansatz.

Die Welt ist kaum vorhersehbar

Leichter gesagt als getan angesichts unseres Mankos, dass wir unsere Entscheidungen gerne mal bereuen und daraus neue, vermeintlich gute Einsichten ableiten. So scheint uns nachträglich so manches Ereignis unvermeidbar. Finanzkrise? War klar, dass die kommen musste angesichts der horrenden Schulden. Trumps Erfolg in den USA? Was am Anfang noch eine Überraschung war, scheint heute ebenfalls erklärbar. Das jedoch gibt uns das Gefühl, die Welt sei vorhersehbar – was uns schliesslich die grosse Unsicherheit vieler Ereignisse vergessen lässt.

Doch wie Geld verdienen mit den Einsichten des israelisch-amerikanischen Psychologen? An den Finanzmärkten tummeln sich heute professionelle Grossinvestoren, viele Kleinanleger und mittlerweile auch Computersysteme. Das macht es schwer, mit psychologischen Annahmen zu grossem Reichtum zu gelangen, sagt Kahneman selbst. Einige nette Einsichten ableiten lassen sich dennoch.

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