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Free Lunch
Robert Kennedy, der Froschkönig und das BIP

Schon Robert Kennedy war skeptisch gegenüber dem BIP als Konzept. Keystone

Schon Politiker in den sechziger Jahren wussten um die Probleme mit dem Bruttoinlandprodukt. Höchste Zeit für ein Update!

Kommentar  
Von Marie Owens Thomsen
am 17.06.2016

Das Bruttoinlandprodukt ist das unbestrittene Königskonzept in der Makroökonomie. Die Abkürzung dafür ist vielen Menschen bestens geläufig: BIP. So weit verbreitet dieser Ausdruck in der Bevölkerung ist, so unbeliebt ist er dennoch bei vielen Menschen. Warum eigentlich?

Einen Ansatz hierzu liefert uns ein Ausschnitt aus einer berühmten Rede von Robert Kennedy, welche er 1968 an der University of Kansas hielt:

«[Zum Bruttosozialprodukt gehören] auch Luftverschmutzung und Zigarettenwerbung und Rettungsfahrzeuge, die die Opfer von Verkehrsunfällen von unseren Highways abtransportieren, ausserdem Spezialschlösser für unsere Haustüren und Gefängnisse für Leute, die sie aufbrechen. [...] Napalm gehört dazu und Atomsprengköpfe. [...] Was für das Bruttosozialprodukt andererseits keine Rolle spielt, sind die Gesundheit unserer Kinder, die Qualität ihrer Erziehung, die Freude, die sie beim Spielen haben. Die Schönheit unserer Dichtung zählt nicht, es zählen nicht die Stabilität unserer Ehen, die Intelligenz unserer Debatten oder die Integrität unserer öffentlichen Beamten. Es zählen nicht unsere Klugheit und unser Mut, weder unsere Weisheit noch unsere Ausbildung, weder unser Mitgefühl noch die Liebe zu unserem Land, kurz: Es zählt alles ausser dem, was das Leben lebenswert macht. […]»

Entschuldigend lässt sich anführen, dass das BIP bereits in die Jahre gekommen ist. Es stammt aus dem Jahr 1937 und wurde eingeführt, um die Wertschöpfung eines Landes zu messen. Das BIP misst den Geldwert aller im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums (Quartal oder Jahr). Zu seiner Ermittlung zählt man die Investitionen, die Fluktuationen der Lagerbestände, den Konsum der (privaten) Haushalte und die Staatsquote sowie die Exporte zusammen. Von diesem Ergebnis werden die Importe abgezogen.

Die vielen Fallstricke rund ums BIP

Vor der Einführung des BIP verwendeten Ökonomen das Bruttosozialprodukt (BSP) als Messgrösse. Es unterscheidet sich vom BIP in seiner Basis: Das BIP stellt auf den geografischen Standort der Produktion ab, während das BSP die Nationalität der Produzierenden als Grundlage nimmt. In einem Land, dessen Unternehmen zu einem Grossteil im Ausland produzieren, fällt das BSP somit höher aus als das BIP. Das BIP wird normalerweise real ausgewiesen, also um die Inflation bereinigt.

Hier zeigen sich bereits zwei statistische Probleme. Einerseits verlangt die Bestimmung des BIP eine zuverlässige Schätzung der Produktion und andererseits eine vernünftige Einschätzung der Preisentwicklung. Ungenaue Statistiken können dagegen zu Fehlschlüssen führen – zum Beispiel, wenn eine Seitwärtsbewegung beim BIP fälschlicherweise als Stagnation aufgefasst wird, weil der darunterliegende Anstieg der Preise nicht bemerkt wurde.

Man muss auch bei den länderspezifischen Definitionen aufpassen. So stellen die USA bei der Messung ihres BIP auf annualisierte Grössen ab. Das heisst, sie multiplizieren die quartalsweise erhobenen Werte mit vier, während man in Europa reine Quartalswerte bevorzugt. So scheint es, als ob das US-amerikanische BIP viermal rascher wächst als das europäische. Dass dies nicht zutrifft, zeigt ein Blick auf das erste Quartal 2016, in welchem das annualisierte BIP der USA bei 1,9 Prozent und das für die Eurozone bei 1,5 Prozent lag.

Über die Jahre hat sich der Umgang mit dem BIP auch verändert. 1937 wurde das Konzept noch sehr restriktiv verwendet. Inzwischen wird die Grösse sogar zum Vergleich des Entwicklungsstandes ganzer Länder herangezogen. Man sollte also nicht dem Frosch die ganze Schuld geben, wenn er sich nicht in einen Prinzen verwandelt.

Manchmal braucht man jedoch einen Prinzen, und nicht einen Frosch. Das BIP misst keine unbezahlte Arbeit, wie diejenige von Menschen, die ihre Kinder betreuen, oder diejenige von nicht auswärts berufstätigen Eltern, die in ihrem Garten Gemüse anbauen. Die Nutzung kostenloser Internetdienste wie Facebook oder Google wird im BIP ebenso wenig berücksichtigt. Pro Woche werden durchschnittlich 27 Stunden im Netz verbracht:  Dies dürfte durchaus dem Unterhaltungswert entsprechen, den etwa der kostenpflichtige Besuch eines Kinos bietet.

Wer den Entwicklungsstand eines Landes etwas genauer erfassen möchte als dies das BIP zu tun vermag, kann sich beispielsweise auf die Entwicklungsindikatoren der Weltbank abstützen. Diese umfassen allerdings rund 150 Werte pro Land.

Zeit für eine Erweiterung des Konzepts

Es erstaunt deshalb wenig, dass sich die vergleichsweise einfach anzuwendende Grösse BIP weiterhin einer breiten Anwendung erfreut. Denn für eine grobe Einschätzung, in welchem Umfang ein Land Güter und Dienstleistungen produziert, reicht diese Kennzahl völlig aus, entspricht sie doch in etwa der Erfolgsrechnung eines Unternehmens.

Analog zur Messung des Unternehmenserfolgs könnte die Genauigkeit des BIP jedoch erhöht werden – und zwar, indem man die Aktiven und Passiven eines Landes mit einbezieht. Dies würde Auskunft über die Vermögenslage der einzelnen Länder geben und die natürlichen Ressourcen sowie ihre Infrastruktur und entsprechende Abschreibungen umfassen.

Kein Mensch käme auf die Idee, die Erfolgsrechnung einer Unternehmung losgelöst von ihrer Bilanz zu betrachten. Wieso sollte dies bei Ländern anders sein? Vielleicht wird deshalb 2016 das Geburtsjahr der Bruttoinlandbilanz – der BIB. Wenn das wie «Bigger is Better» klingt, wäre die Abkürzung gar nicht so unpassend.

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