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Zürcher Zahnärzte nutzen Patientenvertrauen aus

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Die ärztliche Behandlung als Vertrauensgut: Zahnartpraxis im Kanton Zürich.Keystone

Fast ein Drittel der Zahnärzte verschreibt Überbehandlungen – zu Lasten von Patienten mit niedrigem Status. Dies zeigt eine neue Studie der ETH Zürich.

Simon Schmid
Kommentar  
Von Simon Schmid
2017-10-05

Irgendwo in Zürich lebt eine Person – männlich, Mitte zwanzig, leichter Anflug von Karies – die in den letzten Monaten insgesamt 180 Mal zum Zahnarzt geschickt wurde. Dies im Rahmen eines Experiments der ETH Zürich: Forscher von der Professur für Risiko- und Versicherungsökonomie wollten herausfinden, wie es um die Ehrlichkeit von hiesigen Zahndoktoren bestellt sei.

Die unangenehmen Ausflüge haben sich gelohnt – zumindest aus wissenschaftlicher Sicht. Denn die Resultate der Studie sind spektakulär. Fast ein Drittel (28 Prozent) aller Zahnärzte legte dem Testpatienten unötige Behandlungen nahe: Statt der einfachen Empfehlung, gündlich die Zähne zu putzen und in einem Jahr wieder zu kommen, wollten manche Zahnärzte bis zu sechs Füllungen anbringen.

Gehen Sie stets im Anzug zum Zahnarzt

«Health Services as Credence Goods: A Field Experiment» heisst die Studie, die erst als Diskussionspapier veröffentlicht ist und deshalb von den Autoren Felix Gottschalk, Wanda Mimra und Christian Waibel nicht offiziell kommentiert wird. Trotz des noch ausstehenden Peer Reviews ist aber klar: Hier handelt es sich um eine ökonomische Arbeit mit gesellschaftlichem Biss.

Das Experiment legt nebst den generellen Überbehandlungraten nämlich auch offen, dass ärmere Personen öfters übers Ohr gehauen werden als reiche. So gab sich der Testpatient der ETH gegenüber den Zahnärzten abwechslungsweise als Sprachenpraktikant und abwechslungsweise als Profi-Übersetzer im Dienste einer Bank aus. Kreuzte er im Anzug und mit teurem Handy auf, wurde nur in 21 von 90 Fällen eine Überbehandlung empfohlen. Erschien er stattdessen im Kapuzenpulli und in Turnschuhen, legten 29 von 90 Zahnärzten eine unnötige Behandlung nahe. Das entspricht einem Unterschied von 9 Prozentpunkten.

Weitere Faktoren spielen eine Rolle. In der Hälfte aller Arztbesuche signalisierte der Patient dem Arzt, dass er sich bereits auf dem Internet informiert habe. In der anderen Hälfte der Fälle spielte er den Ahnungslosen. Berücksichtigt man nur diese Fälle, so steigt der Unterschied zwischen den Outfits sogar noch an. Für Personen mit niedrigem sozioökonomischem Status (SES) liegt die Wahrscheinlichkeit einer Überbehandlung dann um 17 Prozentpunkte höher als für Personen mit hohem Status, halten die Autoren fest.

Diese Beobachtung läuft ihrer ursprünglichen Annahme entgegen, wonach Ärzte eher bei wohlhabenden Personen geneigt sind, zusätzliche Behandlungen durchzuführen:

«This result of lower overtrteatment with a higher SES as a standard patient is surprising at first thought. In particular, a higher SES (...) might be interpreted as implying a lower price sensitivity and higher acceptance rate of costly treatment, which increases overtreatment incentives. (...) Our result suggests that in the patient-physician interaction, another mechanism is at work for the SES variation. (...) Our findings may be explained by the similarity of patients' and dentists' SES.»

Die Resultate weisen laut den Autoren darauf hin, dass die Einschätzung der Zahnärzte systematisch verzerrt sein könnte. Erkennt ein Arzt, dass ein Patient nicht viel Geld hat, so geht er automatisch davon aus, dass dieser Patient weniger gute Zähne hat. Die falsche Annahme belastet in der Folge das Portemonnaie: Die unnötigen Zusatzbehandlungen, welche die Zahnärzte im Rahmen des ETH-Experiments durchführen wollten, schlugen gemäss dem Papier mit durchschnittlich 535 Franken zu Buche.

Das Internet hilft – wenn man einen Kapuzenpulli trägt

Zahnärzte scheinen insgesamt über beträchtlichen Spielraum zu verfügen. Ihr Verhalten ist gemäss der Studie abhängig von der Auslastung: Je schneller der Patient einen Termin bekam, desto höher fiel am Schluss der Kostenvoranschlag aus. Lange Wartezeiten führten dagegen zu tieferen Kosten: Pro zusätzlichem Tag verringerte sich das Risiko einer Überbehandlung um ein Prozent.

Das Verhalten der Zahnärzte scheint auch davon abhängig, wie diese ihren Wissensvorsprung einschätzen. Wies der Patient im ETH-Experiment darauf hin, dass er sich bereits im Internet informiert habe, so besserte sich das Verhalten der Zahnärzte etwas. Besonders als Kapuzenpulliträger wurden der Testperson in diesem Fall weniger teure Behandlungen nahegelegt.

Asymmetrische Informationen sind in der Ökonomie ein grosses Thema. Ist es für einen Käufer schwierig ist, sich ein Urteil über die Qualität einer Ware oder Dienstleistung zu bilden, spricht man von einem Vertrauensgut. Ob und wie sich der Verkäufer eines solchen Guts verhält, ist in der Theorie nicht immer klar – und in vielen Praxisfeldern noch wenig erforscht.

Vor diesem Hintergrund sind die vielen Stunden im Zahnarztstuhl speziell wertvoll. Das Leiden des Zürcher Testpatienten – dessen Gebiss übrigens zuvor von mehreren Vertrauensärzten kontrolliert worden war – deckt auf, wie sich Zahnärzte verhalten. Viele von ihnen lassen sich offenbar zu falschen Schlüssen hinreissen, wenn ein paar hundert Franken dabei herausspringen.

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