Ein Crash sieht anders aus. Seit sich die Briten im Juni vor drei Jahren in einem Referendum mit knapper Mehrheit für den Brexit – das Ausscheiden des Landes aus der Europäischen Union – entschieden haben, wird den Menschen auf der Insel, aber auch im Rest Europas, Tag für Tag mit Nachdruck von Seiten der EU-Politiker vorgeführt: Ohne EU wird Grossbritannien an die Wand fahren, es wird kein Essen mehr geben, der Finanzplatz wird austrocknen und die Arbeitslosenzahlen werden hochschnellen. Und dann ist auch Schluss mit Reisefreiheit und Urlaub der Briten auf Mallorca.

Das mag ja vielleicht alles so sein und vielleicht auch so kommen: Aber zumindest die Börsianer zeigen sich von solchen Horror-Szenarien unbeeindruckt. Und das obwohl sogar ein ungeregelter Brexit kurz bevorsteht.

Die Börse London läuft in einer Handelsspanne

Die Börse in London jedenfalls zeigt sich nicht geschockt. Im Gegenteil. Ihr Leitindex pendelt schon seit beinahe drei Jahren in einer ziemlich engen Handelsspanne zwischen 7000 und 7500 Punkten gemütlich vor sich hin.

Aber nicht nur das. Zwei Jahre nach dem Brexit-Beschluss der Bevölkerung der Insel, im Mai 2018, hatte der FTSE 100 sogar ein Allzeithoch erreicht. Zwar ging es von diesem Kursrekord im Rahmen der Handelsstreitereien zwischen USA und China wie an allen internationalen Aktienmärkten in den Keller. Aber die Verluste waren nicht so hoch wie an vielen anderen Börsen.

Anzeige

Anleger trotzen allen Unkenrufen

So ging der FTSE zwischen seinem Allzeithoch im Mai und Ende 2018 zwar um 15 Prozent nach unten, doch der DAX in Deutschland beispielsweise büsste im selben Zeitraum fast 25 Prozent ein. Der Euro Stoxx 50 brach ebenfalls mit 20 Prozent deutlich stärker ein als die Börse London und auch der Dow Jones lag knapp 15 Prozent im Minus.

Dabei geht es jetzt wirklich ans Eingemachte. Der neue britische Premierminister Boris Johnson scheut nicht einmal vor der Schliessung des Parlaments zurück. Aber die Börsianer an der Themse zeigten sich sogar von diesem Vorgehen völlig unberührt.

Die Konjunktur ist noch nicht eingebrochen

Die Börse nimmt die Zukunft vorweg und da kommen Zweifel auf, ob an dem ganzen Crash- und Untergangs-Szenario aufgrund des Brexits überhaupt etwas dran ist. Tatsächlich zeigt sich die Konjunktur der Insel vor dem Hintergrund des wahrscheinlich bevorstehenden gewaltigen Umbruchs bisher noch relativ unbeeindruckt.

Trotz aller Ängste und Befürchtungen kam es im ersten Quartal noch zu einem Wachstumsplus von 0,5 Prozent. Zwar lag der Zeitraum April bis Juni mit 0,2 Prozent im Minus, aber beispielsweise auch die grösste Volkswirtschaft Europas – Deutschland – büsste im zweiten Quartal 0,1 Prozent ein und im laufenden Dreimonatszeitraum soll es dort sogar eine Schrumpfung um 0,3 Prozent geben.

Der Arbeitsmarkt ist stark wie seit 44 Jahren nicht

Und da ist auch ein unglaublich robuster Arbeitsmarkt. Völlig anders, als man angesichts der Brexit-Drohungen und -Ängste denken könnte, fällt die Arbeitslosenquote auf der Insel immer weiter. So gab es im Juli einen unerwarteten Rückgang der Quote um 0,1 Prozentpunkte auf nur noch 3,8 Prozent. Das war der tiefste Stand seit 44 Jahren.

Anzeige

Und was man angesichts der vermeintlichen Brexit-Krise auch nicht erwarten würde: Die Löhne auf der Insel legen kräftig zu. Im zweiten Quartal stiegen diese im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 3,8 Prozent und inklusive ausgezahlter Boni sogar um 4,0 Prozent. So stark kamen Britanniens-Löhne zuletzt vor mehr als zehn Jahren voran.

Bei einer Inflationsrate von 2,0 Prozent im Juli beträgt das Reallohnwachstum damit starke 2,0 Prozent und so wundert nicht, dass sich das Verbrauchervertrauen gegenüber Brexit-Ängsten relativ unverwundbar zeigt. Mit einem Wert im Juli von -10 trifft es nämlich ziemlich exakt den Durchschnitt seit 1981 von -9,1 Punkten.

Britanniens Aktien sind nicht teuer

Immerhin sieht auch der Internationale Währungsfonds die Lage relativ gelassen. In diesem Jahr soll Britanniens Wirtschaft um 1,3 Prozent wachsen und in 2020 um 1,4 Prozent zulegen.

Die Bewertung der Aktien auf der Insel spiegelt auch keine echte Krise wider. So liegt das durchschnittliche KGV der Titel Grossbritanniens derzeit bei 16. In den letzten 25 Jahren lag das KGV lediglich in der Rezession 2008 und 2009 sowie in 2011 und 2012 deutlich tiefer, sonst mit Werten zwischen 20 und 30 nicht selten deutlich höher.

Premierminister Johnson peilt bei einem No-Deal mit der EU auch einen harten Brexit ohne Exit-Regeln an. Der Termin für den Austritt Grossbritanniens aus der EU ist der 31. Oktober. Aber es laufen immer noch Verhandlungen mit der EU-Spitze in Brüssel und Johnson scheint jetzt schon offen für einen kleinen Handelsvertrag mit seinem Nachbarn Frankreich. Möglicherweise ist das ein Vorreiter für eine Aufweichung eines harten Brexit.

Anzeige

FTSE 100 – Anleger setzen auf den Ausbruch aus der Trading-Range

Da der Worst-Case des Brexit bisher keine Katastrophe in der Wirtschaft und am Aktienmarkt gebracht hat, könnte es möglicherweise in sechs Wochen unerwartet besser kommen. Schon ein kleines Entgegenkommen der EU könnte auf Britanniens Börsen positiv durchschlagen.

Der FTSE 100 läuft derzeit in Richtung der psychologischen Marke von 7500 Punkten und der Widerstand bei etwa 7600 ist auch nicht weit. Schon eine Mini-Lösung im Brexit-Streit Ende Oktober könnte den Index aus der Handelsspanne nach oben schieben. Mit einem Call auf den FTSE 100 (ISIN: CH0336231813, Laufzeit bis 30.7.21, Basis 6820,79) wären schon bei einem Anstieg des Index von etwa fünf Prozent mit dem Zertifikat bei aktuellem 12er-Hebel 50 Prozent verdient.

Beliebter Kursschub bei Bankaktien

Eine Branche könnte ebenfalls zu den Profiteuren einer weniger harten Brexit-Regel zählen: die der Banken. Geldhäuser wie Barclays oder Royal Bank of Scotland stehen seit den Mai-Hochs 2018 unter Druck und haben seither etwa 30 Prozent an Wert verloren. Neben einer Brexit-Überraschung in den nächsten Wochen könnte dort auch noch der Chart einen Schub auslösen.

So notiert Barclays knapp unter dem Widerstand und der psychologischen Marke von 150 Pence, Royal Bank of Scotland steht kurz vor dem Erreichen der wichtigen 200-Pence-Hürde. Fallen diese Zonen, dann sind bei beiden Titeln ganz schnell Kursgewinne von zehn bis 20 Prozent drin.

«Wir wollen einen Deal»

Jane Owen ist die Botschafterin der Queen in der Schweiz. Sie spricht über Brexit – und weshalb Grossbritannien nicht der Efta beitreten will. Das Interview lesen Sie hier.

Anzeige