Nun meinen auch die Interessenvertreter der Schweizer Musikindustrie, sie müssten hierzulande mit der Faust auf den Tisch hauen. So sollen die Nutzer von Tauschbörsen, die Musikstücke aus dem Internet laden, vor den Kadi gezerrt werden. Dabei scheut der Verband nicht davor zurück, die Kopierer zu kriminalisieren – obwohl nach Schweizer Strafrecht das Kopieren auch von urheberrechtlich geschützter Musik erlaubt ist, sofern dies dem Privatgebrauch dient. Auch setzt die Musikindustrie die Internetprovider unter Druck, die Namen von Kopierern herauszurücken, Datenschutz hin oder her.

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Ich staune, mit wie wenig Fingerspitzengefühl die Branche vorgeht. Dabei ist ihr Ansehen bereits arg ramponiert. Sony zum Beispiel kämpft nicht nur gegen miese Finanzzahlen, sondern hat auch den grössten Imageschaden in der Firmengeschichte zu kitten. Aus panischer Angst vor Umsatzeinbrüchen wegen angeblicher «Internetpiraterie» hat Sony BMG, ein Joint Venture des japanischen Unternehmens mit dem deutschen Medienkonzern Bertelsmann, Millionen für den US-Markt bestimmte CD mit einem Kopierschutz versehen. Doch die Software, die sich automatisch auf dem Computer des Nutzers installierte, öffnete gleichzeitig die PC für Viren- und Hackerangriffe. Die weltweite Empörung ist gross: Musikkonsumenten, Musiker, Datenschützer, Rechts- und Staatsanwälte laufen Sturm gegen Sony BMG, die Kosten dürften in die Milliarden gehen.

Ein Debakel sondergleichen. Und es kommt für Sony zur Unzeit: Das Unternehmen ist vom Vorzeigekonzern zum Problemkind verkommen, schlittert von Krise zu Krise und hat in den letzten Jahren so ziemlich alle wichtigen technologischen Schritte der Branche verschlafen. Dieses Manko lässt sich auch mit kickenden Robotern nicht übertünchen. Der neue CEO, Howard Stringer, konnte den Niedergang bisher nicht stoppen. Und der von ihm vorgelegte Sanierungsplan wurde als zu wenig mutig abgetan. Zwar haben die Aktien im Zeichen der Japan-Euphorie seit Anfang November deutlich zugelegt, doch ich glaube nicht, dass diese Erholung nachhaltig ist. Zu den Aktien fällt mir nur ein: It was a Sony …

Er gehe «ohne Groll», meinte Jens Alder bei seinem Abgang. Und wie sieht es bei den Swisscom-Aktionären aus? Ich kann mir gut vorstellen, dass da einiges an Groll herangewachsen ist gegen den einstigen CEO des Telekomunternehmens. Denn der Aktienkurs von Swisscom notiert heute sogar deutlich tiefer als im Dezember 1999, als Alder die Führung übernommen hat.

Neue Besen kehren besser. Nur schon deshalb geniesst der frisch gekürte Swisscom-Chef Carsten Schloter einen Bonus. Doch ihn erwartet eine herkulische Aufgabe. Ich meine damit nicht einmal so sehr die nächsten Schritte wie die vom Bund als Noch-Eigner geforderte strategische Neuausrichtung oder die Privatisierung. Die Nagelprobe kommt spätestens dann, wenn der Bund seine schützende Hand wegziehen wird und der Konzern vollends auf die Wildbahn des freien Wettbewerbs entlassen wird. Muss Swisscom dann die letzte Meile aus der Hand geben, bricht ein grosser Teil der Gewinne subito weg.

Dabei geht es um gewaltig viel Geld. Das ist mir jüngst wieder bewusst geworden, als ich die neue Preisliste der kleinen Telekomfirma Helvatel durchgesehen habe. Diese verlangt für die Telefonverbindung nach Japan noch einen Rappen pro Minute. Wenn ich dagegen meiner Bank in Zürich telefoniere, muss ich demselben Provider das Vierfache bezahlen! Swisscom macht diesen Telefon-Irrsinn durch die Gebühr für die letzte Meile erst möglich. Der Konzern kassiert auch bei den eigenen Kunden kräftig ab: Für ein Inlandgespräch werden vier bis acht Rappen in Rechnung gestellt, ein Japan-Telefonat kostet bis zum 25fachen von dem, was die kleine Helvatel berechnet. Diesen Umverteilungsmoloch haben wir über Jahrzehnte mit zig Milliarden subventioniert!

Geniessen Sie die schöne Rendite von 3,5 Prozent, welche die Swisscom-Aktien bieten. Und wenn sich die Anzeichen mehren, dass die letzte Meile entbündelt wird, dann steigen Sie aus. Denn es ist mir nicht klar, wie die Swisscom auch ohne staatlichen Schutz glänzen sollte.

Mitte Januar schoss wieder einmal die Spekulation in Unaxis: Die Aktien haussierten innerhalb von zwei Sitzungen um 22 Prozent auf 239 Franken, verloren dann aber einen Teil der Gewinne wieder. Aus der Zürcher Bahnhofstrasse wurden mir diverse, allerdings diffuse Gerüchte als Grund für das Kursfeuerwerk genannt. Die Kaufwelle ausgelöst hat aber wohl ein ganz anderer Umstand: Die Unaxis-Spitze lud in London und Zürich, wie mir das Management bestätigt hat, zu Roadshows und gab dort einiges über Ertragsverlauf und Firmenstrategie zum Besten.

Eine Roadshow zu einem Zeitpunkt, da Unaxis-intern die ersten Zahlen vorliegen, ist aussergewöhnlich, aber auch heikel. So wird nur ein kleiner Kreis mit Informationen versorgt. Zudem wurden anscheinend nicht – oder nicht nur – Finanzanalysten, sondern ausgesuchte Grossinvestoren begrüsst. Prompt hat die Schweizer Börse SWX eine Voruntersuchung wegen möglicher Verletzung der Ad-hoc-Publizität eingeleitet.

Nur ein Lapsus der Unaxis-Führung? Sonst jedenfalls macht der seit rund einem halben Jahr als CEO amtierende Thomas Limberger keine schlechte Figur. Im BILANZ-Interview auf Seite 13 beschreibt er, wohin die Reise gehen soll. Dennoch kann ich mich nicht für die Unaxis-Aktien erwärmen. Dazu ist mir die Rolle der Hauptaktionäre Mirko Kovats und Ronny Pecik zu undurchsichtig. Zwar macht Limberger unmissverständlich klar, dass er sofort seinen Job hinschmeisse, falls ihn Kovats unter Druck setze. Dem Kleinaktionär würde dies aber letztlich herzlich wenig nützen, der Schaden wäre dann schon angerichtet. Für meinen Geschmack bergen die Unaxis-Aktien zu hohe Risiken.

Je höher die Aktienbörsen steigen, desto zuversichtlicher geben sich die Investoren bezüglich künftiger Kursentwicklung. Ein altbekanntes Phänomen, wenngleich sich hinter dieser Erwartungshaltung wenig Rationalität verbirgt. Im vergangenen Jahr hat die Schweizer Börse um ein Drittel haussiert. Dessen ungeachtet glauben gegen 70 Prozent der Schweizer Privatanleger, dass die Kurse auch in den kommenden sechs Monaten steigen werden. Dies ergab die vierteljährlich von JP Morgan durchgeführte Umfrage. Bei der letzten Befragung im September 2005 waren dagegen nur knapp 50 Prozent dieser Meinung.

Die Zuversicht stimmt mich wenig zuversichtlich. Denn wenn der Optimismus der Anleger Purzelbäume schlägt, kracht es an den Börsen meistens. Nicht dass ich nun gleich einen Absturz erwarte. Doch es ist unverkennbar, dass die Stimmung an den Märkten noch selten so nervös war; Ausschläge um mehrere Prozent sind an der Tagesordnung. Es ist Zeit, dass Sie Ihr Portefeuille nach Positionen mit schönen Gewinnen durchforsten und sich überlegen, ob Sie diese nicht ins Trockene bringen sollten. Denn nur realisierte Börsengewinne sind echte Börsengewinne.

Ihr Frank Goldfinger

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