Eine unsichtbare Kraft erschüttert die Wall Street: Die Rückkehr der Inflation nach dem Lockdown. Sie könnte das Investieren über alle Anlageklassen hinweg auf den Kopf stellen.

Amerikas Mega-Konjunkturspritzen und die schnell aufholende Wirtschaft haben die Preiserwartungen auf den höchsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt gehievt. Die Experten sind sich einig: sollten sich diese Inflationserwartungen materialisieren, dürfte das weitreichende Folgen für Assets von Aktien bis Immobilien haben.

Dennoch unterscheiden sich die Ansätze: Goldman Sachs setzt auf Rohstoffe, während JP Morgan Asset Management alternative Anlagen wie Infrastruktur bevorzugt. Pimco hingegen findet die «Besessenheit» des Marktes mit der Inflation fehl am Platz. Hier die Stimmen der Experten:

Alberto Gallo, Partner und Portfoliomanager bei Algebri

Wir wissen derzeit noch nicht, ob der Anstieg der Inflation nachhaltig sein wird, aber er ist ein guter Anfang. Was wir wissen ist, dass die Märkte völlig falsch positioniert sind. Investoren halten QE-Vermögenswerte wie Treasuries und hoch bewertete Anleihen, Gold- und Technologieaktien.

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Das wird in reale Vermögenswerte gedreht werden wie Nebenwerte, Finanztitel und Energieaktien anstelle von Renditen und Schulden, und das wird zu hoher Volatilität führen. Wir mögen Wandelanleihen aus zyklischen Branchen, die vom Aufschwung profitieren werden, sowie Rohstoffe.

Thushka Maharaj, Vermögensstratege bei JP Morgan

Rohstoffe sind schwankungsanfällig und bieten nicht unbedingt guten Inflationsschutz. Auch Linker sind nicht unser bevorzugter Wert zum Hedgen der Inflation. Sollte die Inflation anhaltend ansteigen - was wir für nicht sonderlich wahrscheinlich halten - sind Aktien, die von einer Konjunkturerholung profitieren, eine gute Wahl. Wir mögen auch Sachwerte und den Dollar.

Wir erwarten für die nächsten Monate Schwankungen bei der Inflation, vor allem im zweiten Quartal, aufgrund von Basiseffekten, kurzfristig hoher Nachfrage und Unterbrechungen der Lieferketten aufgrund der langen Lockdowns. Wir sehen dies als vorübergehend an und erwarten, dass die Zentralbanken diese kurzfristige Volatilität ausblendet.

Christian Mueller-Glissmann, Geschäftsführer für Portfoliostrategie und Asset Allocation bei Goldman Sachs

Rohstoffe, insbesondere Öl, sind vor dem Hintergrund starker Inflation die beste Absicherung. Sie haben die beste Bilanz der letzten 100 Jahre, um vor unerwarteter Inflation zu schützen. Bei Aktien ist die Bilanz gemischt. Wir mögen Dividendentitel.

Die Menschen sehen Gold oft als die offensichtlichste Absicherung gegen Inflation. Aber das Überraschende ist: ob das stimmt, ist abhängig von der Reaktion der Fed auf die Inflation. Wenn die Zentralbank die langfristigen Renditen nicht stabilisiert, dann ist Gold keine gute Wahl, weil die Realzinsen steigen könnten. Inflationsindexierte Anleihen sehen wir diesbezüglich ähnlich wie Gold.

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Anhaltende Inflation von 3 Prozent und mehr ist zwar nicht unser Basisszenario, aber die Wahrscheinlichkeit ist im Vergleich zum letzten Zyklus definitiv höher.

Nicola Mai, Analyst Staatsanleihen bei Pimco

Wenn wir Energiepreise und andere volatile Preiskomponenten ausblenden, sehen wir, dass die Inflation niedrig bleibt und die Inflationsziele der Zentralbanken in den nächsten 18 Monaten schwer erreichbar sind. Die Weltwirtschaft hat Kapazitätsreserven, um steigende Nachfrage zu bedienen. Höhere Ausgaben über Jahre hinweg würden jedoch wahrscheinlich zu höherer Inflation führen.

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Wir mögen auf die Zinskurve ausgerichtete Strategien und denken, dass US-TIPS als Versicherung gegen ein Überschiessen der Inflation Sinn machen. Rohstoffe und Vermögenswerte aus dem Umfeld von Immobilien dürften in einem Umfeld steigender Inflation ebenfalls profitieren.

Mark Dowding, Chief Investment Officer bei BlueBay Asset Management

Sachwerte wie Immobilien und Rohstoffe sind in Inflationszeiten am wertbeständigsten. Langfristige Bondpositionen sind nicht attraktiv, da die Renditen über mehrere Jahre hinweg steigen werden, wenn sich die Inflation auf einem höheren Level einpendelt. Das am stärksten unterschätzte Risiko ist Nachlässigkeit, da die Inflationserwartungen der Marktteilnehmer auf dem fussen, was sie in den letzten fünf bis zehn Jahren erlebt haben.

Bei einem erneuten wirtschaftlichen Einbruch wäre die Politik in einer schwierigen Lage. Daher will sie sicherstellen, dass die Massnahmen nicht zu kurz greifen. Wie bei einem Golfer, der den Ball über eine gefährliche Stelle schlagen muss, ist sie in Versuchung, Schmackes zu geben! Letztendlich bedeutet dies, die Inflation dürfte am Ende höher ausfallen und nicht niedriger.

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(bloomberg/gku)