Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Corona bleibt ein allgegenwärtiges Thema und beeinflusst daher auch die Finanzmärkte weiter. Doch die Pandemie ist nicht mehr der alleine entscheidende Faktor. Zwar können medizinische Erfolgsmeldungen den Märkten immer noch deutlich positive Impulse geben. Doch die ansonsten von den Medien immer noch intensiv begleiteten Zahlen der Neuansteckungen bewegen die Märkte schon länger nicht mehr, was auch an der niedrigen Zahl der Todesfälle liegen mag.

Wie äussert sich das?
Insgesamt scheint der Markt – ähnlich wie wir – nicht von einem breiten zweiten Lockdown auszugehen. Was die Märkte aber weiter beschäftigt, sind die Auswirkungen des ersten Lockdowns und welche Spätfolgen dieser noch zeitigen kann. So muss unseres Erachtens etwa mit einem Anstieg der Insolvenzen grade bei kleinen und mittelgrossen Firmen gegen Jahresende gerechnet werden.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Grundsätzlich sind die am Schweizer Aktienmarkt kotierten Unternehmen international tätig und generieren nur einen kleinen Anteil ihrer Umsätze und Gewinne in der Schweiz. Der Schweizer Aktienmarkt ist darum abhängig vom globalen Wirtschaftsgeschehen. Die aktuelle Berichtssaison hat wieder einmal eindrücklich gezeigt, wie schnell und agil viele Schweizer Unternehmen mit Krisen umgehen können. Positiv überraschte vor allem, dass viele Schweizer Firmen ihre Kostenstruktur in der Krise flexibel anpassen konnten. Schweizer Firmen wurden in der Vergangenheit schon des Öfteren unfreiwillige Fitnesskuren – Stichwort «Frankenschock» – verordnet und sie sind es daher gewohnt, mit den Kosten flexibel umzugehen.

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Was bedeutet das konkret?
Kurzfristig wird die Schweizer Börse sich darum auch im Sog der internationalen Märkte bewegen. Wir sehen hier auf kürzere Frist zwar noch Raum für weitere Kurssteigerungen, würden dies aber als Überschiessen betrachten, da wir den Märkten auf Zwölf-Monatssicht nur geringes Renditepotenzial zutrauen. Vielen Schweizer Firmen könnte zudem der schwache Dollar zu schaffen machen. Die spezifische Struktur des SMI mit der starken Ausrichtung auf die Pharma- und Konsumgüterindustrie macht den Aktienmarkt im Vergleich zum Ausland gleichzeitig aber auch eher defensiv, womit er weniger anfällig für kurzfristige Schwankungen ist.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Der SMI notiert auf einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 20 für das kommende Jahr. Das ist historisch teuer und die Erholung der Wirtschaft ist in den Kursen bereits zum grossen Teil eingepreist. Allerdings rechtfertigt das gegenwärtig niedrige Zinsumfeld dieses aktuelle Bewertungsniveau. Positiv zu vermerken ist, dass derzeit die Gewinnschätzungen nach oben revidiert werden. Auch eine zu erwartende Dividendenrendite von über zwei Prozent ist überaus attraktiv. Weiter gibt es einige politische Themen, die für Schweizer Aktien wichtig sind: Dies sind zum einen die US-Präsidentschaftswahlen, denn ein beträchtlicher Teil der Gewinne der Schweizer Unternehmen wird in Nordamerika generiert. Im Vorfeld der Wahlen könnte sich beispielsweise die Rhetorik bezüglich eines neuen Handelskonflikts verschärfen oder Diskussionen über Medikamentenpreise könnten wieder aufkommen und für Unruhe sorgen.

Wie wirkt sich das auf das politische Geschehen aus?
Ende September entscheidet das Schweizer Stimmvolk an der Urne über die Begrenzungsinitiative. Die Personenfreizügigkeit ist für die Wirtschaft und für die Sicherung der Arbeitsplätze von zentraler Bedeutung. Mittelfristig entscheidend ist der Faktor der massiven Stimulus-Massnahmen durch die Fiskal- und Geldpolitik. Wir gehen davon aus, dass die Zinsen weiterhin niedrig bleiben werden. Mittelfristig werden viele an der Schweizer Börse kotierte Firmen gestärkt aus der Krise kommen. Denn einige lassen es sich nicht nehmen und investieren trotz der Krise, und können sich somit Marktanteile sichern und künftig wachsen.

Stefan_Kreuzkamp_DWS

Stefan Kreuzkamp ist Chief Investment Officer (CIO) und Head of Investment Division beim deutschen Vermögensverwalter DWS Group.

Quelle: ZVG

Die Tesla-Aktien erleben derzeit eine Talfahrt. Warum kommt jetzt dieser Fall? Ist das ein Vorzeichen für den Crash von anderen Tech-Aktien?
Der Crash ging von den am heissesten gelaufenen Technologietiteln aus, die in der Folge aber den ganzen Sektor nach unten gerissen haben. Erstaunlicherweise hat auch der europäische Technologiesektor in der Spitze fast so viel abgegeben wie die Nasdaq. In welchem Umfang es sich dabei um insbesondere von grossen Derivatepositionen in den USA ausgelöste Kollateralschäden handelt, wird sich noch zeigen müssen. Die Korrektur könnte jedoch das Signal gewesen sein, sich die Geschäftsmodelle und Gewinnaussichten der verschiedenen Technologiewerte noch einmal genauer anzuschauen. Hier gibt es erhebliche Divergenzen zwischen Firmen, die schon satte Gewinne liefern, und jenen, die dies zunächst nur vorhaben.

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Kommt ein allgemeiner Börsenrücksetzer? Nach dem Hoch das Tief?
Die Kursstürze sehen für sich genommen zunächst einmal dramatisch aus, der Nasdaq 100 verlor binnen drei Tagen immerhin rund elf Prozent – das nennt man eine Korrektur. Doch angesichts der vorherigen ungeheuerlichen Rally eben der grossen US-Technologiewerte leiten wir daraus nicht den zwingenden Beginn einer grösseren Marktkorrektur ab. Dafür spricht zudem, dass sich andere Anlageklassen, etwa sichere Häfen wie Gold und Staatsanleihen, nicht so verhalten, wie sie es in einer Krise eigentlich müssten. Zur Einordnung: Der Nasdaq 100 liegt seit Jahresanfang immer noch 30 Prozent vorne.

In der Schweiz steigt die Arbeitslosigkeit an. Was bedeutet das für das BIP?
Die Arbeitslosenquote in der Schweiz ist stabil geblieben und bis jetzt gibt es keine Anzeichen, dass sich dies ändern sollte. Die Schweiz verfügt über einen sehr flexiblen Arbeitsmarkt und durch die Kurzarbeitsentschädigung können kurzfristigste Einbrüche abgefedert und die Konjunktur so gestützt werden.

Das Parlament hat noch mehr Geld zur Überbrückung der Krise versprochen. Hilft das der Wirtschaft langfristig?
Das Schweizer BIP ist abhängig von den Exporten, welche rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung ausmachen. Darum ist der Blick über die Grenze immens wichtig. Auch dort werden Unterstützungspakete geschnürt, die der Schweizer Wirtschaft indirekt zu Gute kommen.