Auch wenn 2020 furchtbar war, so erwiesen sich die Aktienmärkte doch als widerstandsfähig. Die schwindende Unsicherheit, die ich im Oktober beschrieben habe, befeuerte zum Jahresende die Aktiengewinne im SPI um 3,8 Prozent und weltweit um 5,8 Prozent. Natürlich prägten die nie dagewesenen Covid-19-Lockdowns, eine wirtschaftliche Implosion und der in Rekordgeschwindigkeit fallende Markt den Jahresverlauf.

Aber 2020 lehrt uns etwas Entscheidendes: Aus Aktien nur dann auszusteigen, wenn man eine massive Negativentwicklung sieht, die andere übersehen – eine, die von den Aktienmärkten noch nicht eingepreist wurde. Wer diese Regel mit kühlem Kopf befolgte, profitierte von der raketenartigen Markterholung seit März.

Ken Fisher ist Chairman von Fisher Investments Europe.

Bärenmärkte haben zwei Ursachen: Entweder ein Schlag – ein heftiger, unvorhergesehener Schock, der Billionen von Franken aus dem BIP tilgt, so wie bei den Lockdowns Anfang 2020. Oder eine Euphorie, die die Erwartungen in unerreichbare Höhen schraubt.

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Nichts von beiden trifft gerade zu.

Die im Herbst gestiegenen Covid-19-Zahlen führten in ganz Europa zu neuerlichen Beschränkungen – einschliesslich der Bar- und Restaurantschliessungen im Dezember und der jüngsten Shutdowns «nicht essentieller» Geschäfte.

Ähnlich strenge Massnahmen in den Niederlanden, Deutschland und den Vereinigten Staaten dürften – besonders bei einfachen Dienstleistungen – kurzfristige Konjunktureinbrüche auslösen. Aber das ist kein überraschender Schlag. Fast alle waren von einer Neuauflage der Restriktionen ausgegangen, wodurch die Schockwirkung ausblieb.

Die Märkte preisten das bereits ein. Wie nach jeder Panik schauen sie weit nach vorn – auf eine Zeit, in der Covid-19 Geschichte ist. Im Laufe des Jahres 2021 wird sich die Wirtschaft mit der Auslieferung der Covid-Impfstoffe normalisieren, unabhängig davon, ob das Lockdown-Referendum angenommen wird.

Politische Überraschungen sind unwahrscheinlich

Die Wahlen in den Vereinigten Staaten führten zu historisch knappen Ergebnissen im Kongress und damit zu einem ungewöhnlich frühen politischen Patt in einer Amtsperiode.

Dadurch werden extreme Gesetzesvorhaben blockiert, die Unsicherheit verdrängt und die Aktienmärkte befeuert. Normalerweise treiben Präsidenten grosse Gesetzesvorhaben früh voran, wenn ihr politisches Kapital am höchsten ist.

US-Aktien stiegen teilweise deshalb nur in 58 Prozent der ersten und 63 Prozent der zweiten Amtsjahre eines Präsidenten (seit dem Beginn guter Börsenaufzeichnungen in 1925) – seltener als die 73-prozentige Häufigkeit von Zuwächsen insgesamt.

Die Midterm-Wahlen stärken dann gewöhnlich die Oppositionspartei, was den Stillstand festigt. Das Ergebnis: In 92 Prozent der dritten und 83 Prozent der vierten Amtsjahre stiegen Aktien mit höheren mittleren Renditen von 22,6 Prozent bzw. 12,0 Prozent.

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Das Wahlergebnis 2020 sorgt jedoch für sofortigen Stillstand – ein frühes Geschenk. Die eng verflochtenen globalen Märkte sind in Feierlaune.

Seit dem Wahltag stiegen die US-Aktien in USD um 15,2 Prozent. Die Schweizer Aktien legten in CHF um 10,5 Prozent zu. Dieses Fest dürfte anhalten.

Ruhe in der Schweiz und in Europa

Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass in der Schweiz aufgrund der zersplitterten Mehrparteien-Bundesversammlung und den häufigen Volksabstimmungen zur Kontrolle der Regierungsmacht dramatische Gesetzesänderungen selten sind.

In weiten Teilen Europas wird diese Inaktivität im Jahr 2021 ebenfalls gelten. Die Märzwahl in den Niederlanden läuft auf eine weitere festgefahrene Regierung hinaus. Deutschlands «Grosse Koalition» aus Christdemokraten (CDU) und Sozialdemokraten (SPD) stolpert traurig der Wahl im September entgegen.

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Dem neuen CDU-Vorsitzenden Armin Laschet fehlt die Beliebtheit von Angela Merkel und er strebt ihren Posten auch möglicherweise gar nicht an.

Die SPD zeichnet sich durch eine tiefe innere Spaltung aus. Das Europäische Parlament? Befindet sich seit den Wahlen 2019 bis 2024 im Stillstand. Für die Aktienmärkte ist das alles gut.

Wachstum des Optimismus

Was die Stimmung betrifft, so wächst der Optimismus, schäumt jedoch noch nicht über. Von den 19 Stimmungswerten, denen ich nachgehe, signalisieren neun Euphorie.

Dazu gehört die IPO-Performance mit ein paar heissen Angeboten im Dezember. Während sich jedoch die Börsenstarts in den USA auf dem höchsten Stand seit der Dotcom-Blase befinden, liegen die weltweiten Werte deutlich unter dem euphorischen Spitzenwert des Jahres 2000.

Weitere zehn Indikatoren zeigen lediglich vorsichtigen Optimismus, Skepsis oder gar Pessimismus.

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Nicht überraschend

Das sagt mir, dass sich die Märkte wie in einem späten Bullenmarkt verhalten, nicht wie in einem frühen. Das überrascht nicht. Während das Ausmass und die fundamentale Begründung ihn per Definition zu einem Bärenmarkt machten, wirkte der Blitzeinbruch von 2020 eher wie eine enorm überdimensionierte Korrektur.

Der wirtschaftliche Abschwung war ebenfalls keine typische Rezession – es war eine plötzliche, von den Regierungen auferlegte Kontraktion und kein natürlicher Rückgang, da die Unternehmen vorherige Überschüsse abarbeiteten.

Technisch sind wir also im Anfangsstadium eines Bullenmarkts, der im März begann. Die Aktien verhalten sich jedoch so, als sei es das zwölfte Jahr nach dem Beginn des Marktanstiegs im März 2009.

Während die meisten Fachleute wegen ihrer historisch betrachtet frühzyklischen Performance auf Substanzwerte setzen, sehe ich ein schleichendes spätzyklisches Wachstum. Das dürfte dem SPI in 2021 helfen.

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Die Anleger spüren die Sonne

Das spätzyklische Wachstum bringt gewöhnlich hohe Renditen, während der Optimismus die Bewertungen in die Höhe schraubt. Je mehr Sonne die Anleger spüren, desto mehr zahlen sie für künftige Erträge. Das beobachte ich gerade.

Deswegen sollte man dieses Jahr nach Überschwang Ausschau halten, besonders dort, wo nur wenige hinschauen. Aber auch wenn um diese Zeit im nächsten Jahr die Euphorie aufkommt, ist das nicht automatisch ein Verkaufssignal.

Üblicherweise hält sich die Euphorie viele Monate, bevor sie langsam in einen fallenden Markt übergeht und sorgt, während sich die Übertreibungen aufbauen, für hohe Renditen. Einige der besten Jahre der Geschichte haben sich so abgespielt.

Sorgen Sie sich jetzt also noch nicht um 2022. Geniessen Sie 2021 eine ruhigere Politik und die zunehmende wirtschaftliche Normalität. Sie wird die Schweizer und weltweiten Aktien ankurbeln.

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