Robo-Advisors fristen in der Schweiz noch immer ein Nischendasein. Warum?
Andreas Dietrich: Das hat mehrere Gründe. In Grossbritannien und in den USA ist es für Kunden mit kleinem Vermögen fast nicht möglich, einen Berater aus Fleisch und Blut zu bekommen. Aus regulato­rischen Gründen ist das für die Banken dort nicht attraktiv. Robo-Advisors sind darum für kleine Kunden ein Ausweg. In der Schweiz hingegen ist jede Regionalbank daran interessiert, auch kleine Retailkunden zu beraten. Diese sind darum nicht auf Robo-Advisors angewiesen. Weiter spielen die Kosten eine Rolle. In der Schweiz sind diese höchstens mittelattraktiv. Man zahlt für Robo-Advisors deutlich mehr als in den USA.

Warum haben die Grossbanken bis jetzt kein Interesse?
Ich gehe davon aus, dass bald auch die grossen Player ein Angebot lancieren werden. Das wird die Bankenwelt zwar nicht umkrempeln. Aber es wird künftig zur Angebotspalette von Grossbanken ­gehören, einen Robo-Advisor zu haben.

Kann es sein, dass Herr Huber und Frau Schweizer einen echten Berater gegenüber einem Algorithmus bevorzugen?
Es gibt verschiedene Typen von Kundinnen und Kunden. Ein erster Typ will keine Beratung, sondern beim Anlegen die ­eigenen Ideen umsetzen. Ein zweiter Typ wünscht explizit einen Berater, der beim Anlegen hilft. Ein dritter Typ will mit dem Anlegen möglichst wenig zu tun haben und diese Sache an jemanden delegieren. Wir wissen derzeit noch nicht, welcher Typ von Kunde am ehesten auf den Robo-­Advisor anspricht. Ich habe eine Studie am Laufen, die das klären soll.

Braucht es Robo-Advisors, um eine Demokratisierung des Anlegens zu erreichen, dass also auch Personen mit kleinerem Vermögen ihr Geld anlegen können?
Das mit dem Demokratisieren dank dem Robo-Advisor leuchtet mir nicht ein. Man kann ja als Kleinkunde oder Kleinkundin in der Schweiz auch mit wenig Geld einen Fonds kaufen, der diversifiziert ist.

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Letztes Jahr haben sich gleich drei Anbieter von Robo-Advisors zurück­gezogen. Wo haperte es?
Es handelt sich um Bereinigungen, wie es sie in einem neuen Markt immer gibt. Die Rückzüge zeigen, dass ein Robo-Advisor kein Selbstläufer ist. Es braucht Zeit, Geld und ein gutes Marketing, um ein solches Geschäft zum Laufen zu bringen.

Die Corona-Krise entpuppt sich allgemein als Treiberin der Digitalisierung. Gilt das auch für die digitale Vermögensberatung und Vermögensverwaltung?
Man hört von Robo-Advisor-Anbietern, dass sie in dieser Zeit viel mehr Kunden ­gewonnen haben. Warum das so ist, weiss ich nicht. Natürlich nutzen die Leute mehr Videokonferenzen oder bezahlen zunehmend bargeldlos. Aber im Bereich des Anlegens kann ich es mir nur teilweise ­erklären, warum es wegen Corona einen Ansturm auf ­digitale Robo-Advisor-Pro­dukte geben soll. In Zeiten unsicherer Märkte tätigen die ­Leute sonst eher weniger Anlagen oder nur in ­einer ersten Korrekturphase.

Welche Zukunft geben Sie den Robo-Advisors in der Schweiz?
Ich sehe durchaus Potenzial in diesen Produkten. Es gibt immer mehr grosse Banken, die ein Angebot lancieren. Insofern sollte die Aufklärung zum Thema Robo-­Advisor weiterhin steigen, sodass der Markt ein Niveau erreicht, wo vermehrt auch die erwünschten Skaleneffekte auftreten. Robo-Advisors werden aber auch in den nächsten zehn Jahren nur eine ­Ergänzung der Produktepalette sein.