Ist das Rally echt? Im April verzeichneten die Aktien ihre höchste Monatsrendite seit April 2009, dem ersten vollen Monat des letzten Bullenmarktes. Aus Expertensicht sollten Sie das nicht kaufen. Die meisten argumentieren, das Schlimmste stehe noch bevor und führen die miserablen, sich verschlechternden Wirtschaftsdaten sowie eine mögliche zweite Covid-19-Welle an.

Pessimismus oder Optimismus?

Vielleicht haben sie recht. Die Tiefs eines Bärenmarktes können unmöglich in Echtzeit genau bestimmt werden. Um jedoch erfolgreich zu investieren, machen Sie sich die sichtlich negative Haltung zu eigen. Aufkeimende Bullenmärkte werden immer angezweifelt. Ich bezeichne das als den zyklischen „Pessimismus des Unglaubens“, der das Fundament für einen neuen Bullenmarkt bildet. Lassen Sie mich das erklären.

Fallende Märkte sind brutal, sie wirken sich verheerend auf die Anlegerstimmung aus. Sie beginnen üblicherweise damit, dass sich die Aktien nach unten schrauben, weil sie langsam die aufkommende tiefe Rezession einpreisen. Die Stimmung trübt sich ein. Später, wenn schliesslich die Panik einsetzt und die Ängste der Anleger überhand nehmen, beschleunigt sich der Rückgang der Aktien.

Der Absturz in diesem Jahr war der schnellste je gemessene, weil die nie dagewesenen, von den Regierungen wegen Covid-19 verhängten Einschränkungen die Aktien zur ultraschnellen Einpreisung einer Rezession zwangen. Vergessen Sie einen weiteren langsamen Rückgang – der Absturz des SPI innerhalb von 16 Handelstagen aus voller Höhe in einen Bärenmarkt entsprach einem freien Fall. Aber der Hintergrund des Bärenmarktes, die eskalierende Furcht, ist identisch.

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In der Furcht wird oft eine einfache Wahrheit vergessen

Auf einen Abschwung folgt immer ein Aufschwung. Aber der beginnt schleichend, begleitet von so düsteren Nachrichten und geringen Erwartungen, dass alle Nichtkatastrophen für eine positive Überraschung sorgen.

Auf jeden Fall glauben es nur die wenigsten, wenn der Marktrückgang aufhört. Es werden nur die allgegenwärtigen schlechten Nachrichten wahrgenommen, selbst positiv Aufkeimendes wird ins Schlechte verkehrt. Denken Sie an den Bärenmarkt 2007-2009, der am 9. März 2009 endete.

Nur wenige trauten den massiven, weltweiten Konjunkturprogrammen – wie den Ausgaben für Transportinfrastruktur und Hochwasserschutz in der Schweiz, dem beinahe billionenschweren (in Franken) Finanzpaket in den USA und den fast 600 Milliarden CHF in China – als Rückenwind für die Aktien. Man dachte, diese Pläne würden entweder nichts bringen und wenn doch, nur grössere Probleme wie massive Inflation und ausufernde Schulden verursachen.

Die negative Stimmung trügt

Als sich die Wirtschaftsdaten im Verlauf des Jahres 2010 besserten, jubelten nur wenige. Stattdessen fürchteten die Leute, dass eine wirtschaftliche Besserung zu einer restriktiveren Politik der Zentralbanken führen und damit das vorgetäuschte, anreizbegründete Rally stoppen würde. Jeder, der auf Positives oder Hoffnungssignale hinwies, wurde als unverwüstlicher Optimist oder Idiot abgetan.

Diese regelmässig wiederkehrende Haltung ist der „Pessimismus des Unglaubens“. Er wächst gerade wieder. Die Freude über die Verlangsamung der Covid-19-Ausbreitung wandelt sich in eine Angst vor erneuten Ausbrüchen und Patzern der Regierenden. Die Erholung des Aktienmarkts? Wird überwiegend als Zuckerflash der Zentralbanken abgetan.

Es sind vor allem die globalen Wirtschaftsdaten: explodierende Arbeitslosigkeit, fallende Einzelhandelsumsätze und rückläufige Produktion sowie ein historisch schlechtes BIP. Das bedeutet nach der Mehrheitsmeinung, dass wir zumindest die Tiefstände im März in Frage stellen müssten.

Ängste drücken positiv auf die Erwartungen

Das stimmt zwar, aber diese Ängste sind weithin bekannt. Wenn die meisten eine Katastrophe erwarten, kann schon eine etwas weniger katastrophale Wirtschaft die Aktien hochtreiben. Denken Sie erneut an 2009. Am 9. März befanden sich die Aktien am Boden. Das schweizerische BIP fiel annualisiert in diesem Quartal um -6,1 Prozent und blieb in Q2 flach.

Der SVME-Einkaufsmanagerindex schrumpfte bis zum September. Die Arbeitslosigkeit erreichte erst im Dezember den Höhepunkt. Der SPI jedoch war bereits Anfang Juli um 28,7 Prozent geklettert. Bis zum Jahresende war er um 55,3 Prozent gestiegen. Es war die gleiche Geschichte wie in den USA. Wie der SPI erreichten auch die US-Aktien am 9. März ihren Tiefststand.

In den Vereinigten Staaten endete die Rezession erst in Q3. Bis dahin waren die US-Aktien bereits um 27,7 Prozent gestiegen, obwohl die Arbeitslosenquote bei enormen 9,5 Prozent lag und wuchs. Die kurzsichtige Konzentration der meisten Anleger auf die düstere Gegenwart hielt sie davon ab, an eine bessere Zukunft zu glauben.

Der gleiche Fehler zeichnet sich nun ab..

Wenn die Aktien nicht wegen negativer Arbeitsmarktberichte fallen, bezeichnen Experten die Aktien als „aus dem Takt“ der wirtschaftlichen Realität gekommen. Wenn das BIP in vielen grossen Volkswirtschaften fällt und nahezu alle von weiteren Rückschlägen überzeugt sind, wird behauptet, dass das Rally ein Zuckerflash der Zentralbanken ist – angefüttert von der amerikanischen Fed.

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Vergessen Sie trotz aller Sorgen nie: Aktien schauen nach vorn, oftmals sogar ziemlich weit. Die neuen Daten bestätigen lediglich, was die Aktien bereits eingepreist haben. Das Seco prognostiziert für 2020 einen Rückgang des schweizerischen BIP um 6,7 Prozent – den grössten seit 1975 – und wachsende Arbeitslosigkeit.

Besorgt? Natürlich. Aber ob sich die aktuellen Daten als gut, schlecht oder faul erweisen ist keine Frage für die emotionslosen Aktien. Die lautet: Sind die Daten noch schlimmer als erwartet? Da die um sich greifenden Ängste die Erwartungen dramatisch nach unten drücken, fällt es schwer, das mit „Ja“ zu beantworten. So beginnen steigende Märkte immer – mit miesen Daten für viele weitere Monate.

..Das gilt auch für eine zweite Covid-19-Welle

Natürlich könnte ein Wiederaufflammen negativ sein. Aber auch hier ist die richtige Frage: Wäre eine zweite Welle schlimmer als befürchtet? Schon möglich, aber wenn der Pessimismus des Unglaubens die Stimmung weiter einbrechen lässt, bräuchte es dazu viel.

Wir können nicht sicher sein, ob der neue Bullenmarkt bereits im März begann. Aber „Klarheit“ ist eines der kostspieligsten Wörter beim Anlegen. Aktien warten schlicht nicht darauf. Zu viele Anleger tun das jedoch. Daher gehen grosse Anfangsgewinne an den meisten Anlegern vorbei, weil sie der Pessimismus des Unglaubens blind macht. Seien Sie nicht einer davon.