Herr Leber, auch wenn viele Unternehmen die Folgen der Krise noch gar nicht einschätzen können, haben sich die Kurse an den Börsen kräftig erholt. Haben wir die Tiefststände tatsächlich schon gesehen?
Mir geht die Erholung zu schnell. Die Aktienmärkte haben die Spätfolgen nicht eingepreist. Ich rechne noch mit einem kräftigen Rücksetzer.

Was könnte der Auslöser sein?
Ich warte auf den Lehman-­Moment, eine Pleite eines sehr grossen US-Unternehmens, mit der niemand gerechnet hat, welche die Märkte schockt.

Eine Bank?
Vermutlich nicht. Die sind seit der ­Finanzkrise deutlich stabiler und werden von den Notenbanken protegiert. Ich denke eher an ein Industrieunternehmen wie etwa Boeing.

Aber wiegt das viele Notenbankgeld nicht schwerer?
Geld alleine nützt nichts. Selbst wenn ich mehr Geld auf dem Konto hätte, könnte ich nicht mehr konsumieren. Erst wenn wir einen Impfstoff haben, kehrt die Normalität zurück.

Was ist derzeit die grösste Herausforderung für einen Investor?
Einzuschätzen, wer als Gewinner und wer als Verlierer aus der Krise geht. Weil sich der Staat einmischt, ist das derzeit in vielen Fällen noch unklar. Eine zentrale Frage ist zudem, wer wen übernehmen wird. Man sollte als Anleger auf die Käufer mit den tieferen Taschen setzen, die jetzt ihre Marktanteile ausbauen. Eine Allianz Versicherung hat so grosse Reserven, die kann jetzt Konkurrenten mit Leichtigkeit an die Wand drücken. Und ich wäre überrascht, wenn Warren ­Buffetts Berkshire nicht von der Krise profitieren würde.

Anleger sollten also weiter über die Krise hinaus blicken?
Genau. Die chinesische Billighotelkette Huazhu hängt jetzt zwar noch in den Seilen, wird aber überleben und durch Zukäufe und Pleiten Marktanteile gewinnen. Die ­Hotels bleiben bestehen, es wechseln nur die Besitzer. Ein ähnlicher Fall ist Booking.com: Derzeit sieht es düster aus, aber da jetzt viele Reisebüros pleitegehen, wird sie langfristig durch die Krise gestärkt.

Tech-Aktien haben sich am stärksten erholt. Zu Recht?
Zum Teil schon. Facebook zählt zu meinen Favoriten.

Trotz der Einbussen bei den Werbeeinnahmen?
Die haben sich in einem halben Jahr wieder erholt. Was bleibt, ist die verstärkte Kommunikation über Facebooks Plattformen wie WhatsApp. Wir sehen durch Covid-19 eine kräftige Verschiebung ins Internet, von der auch PayPal, Amazon oder Microsoft profitieren.

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