Viele Anlegerinnen setzen auf den MSCI World-Index, um weltweit an den Börsen zu investieren. Aber ausgerechnet das wichtige China ist in dem Index nicht enthalten. Ergibt es darum Sinn, zusätzlich chinesische Titel zu kaufen?
Die einfache Antwort ist: Man investiert in den MSCI World AC Index. AC steht für «all countries» und umfasst – der Name ist Programm – alle Länder, also neben den entwickelten Industriestaaten auch aufstrebende Länder.

China ist in diesem Index aktuell mit gut 4% gewichtet und liegt damit hinter den USA und Japan auf Rang drei. Man könnte aber auch hingehen und sagen, man möchte bereits heute in die Index-Zusammensetzung von morgen investieren. Und in der dürfte China ein grösseres Gewicht haben. Das könnte man mit einem zusätzlichen China-Engagement erreichen.

Dazu aber noch zwei Bemerkungen: Man muss sich des so erhöhten Risikos bewusst sein und es auch «aushalten» können. Und ich würde Privatanlegern raten, von Direktanlagen in einzelne chinesische Unternehmen abzusehen und kollektive Anlagevehikel zu wählen, die von China-Experten verwaltet werden.

Thomas Heller

Thomas Heller ist CIO und Leiter Research bei der Schwyzer Kantonalbank (SZKB).

Quelle: ZVG
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Was halten Sie von Wandelanleihen – ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um in solche Papiere zu investieren?
Auf der einen Seite sind die Aktienmärkte weit gelaufen, die Bewertungen hoch und die Risiken gestiegen. Auf der anderen Seite ist das Umfeld jedoch im Grunde immer noch gut und die Aktien-Hausse könnte noch etwas weitergehen.

In einem solchen Umfeld können Wandelanleihen durchaus Sinn machen. Man partizipiert mindestens zu einem gewissen Teil an weiter steigenden Aktienkursen.

Korrigieren die Aktienmärkte hingegen, bietet einem die Anleihen-Komponente von Wandlern, der sogenannte «bond floor», einen gewissen Puffer. Aber auch hier gilt: Nicht einzelne Wandelanleihen kaufen, sondern via Fonds eines Wandelanleihen-Spezialisten investieren.

«Ich würde bis Ende Jahr den im Vergleich zum S&P 500 zyklischeren Märkten der Eurozone den Vorzug geben.»

Die Wall Street war erfolgreich auf Aufholjagd: Nun stehen die Kurse an den US-Börsen wieder höher als an den europäischen Märkten. Wer wird am Ende des Börsenjahrs vorne liegen: Die USA oder Europa?
Wenn wir als Repräsentanten der jeweiligen Märkte den S&P 500 und den Euro Stoxx heranziehen, so lag der US-Aktienmarkt in Franken gerechnet in diesem Jahr nie wirklich im Hintertreffen.

Nimmt man das vergangene Jahr hinzu, so liegen die USA mit ihrem relativ hohen Gewicht von «Corona-Profiteuren» aus dem Technologie-Sektor noch deutlicher voraus.

Angesichts der erwarteten kräftigen Konjunkturerholung würde ich bis Ende Jahr allerdings den im Vergleich zum S&P 500 zyklischeren Märkten der Eurozone den Vorzug geben.

«Wer sich an 'Sell in May and go away' orientieren will, sollte aber auch den zweiten Teil beherzigen: 'Remember to come back in September'.»

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Blicken wir auf das allgemeine Börsengeschehen: Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Der direkte Corona-Einfluss auf die Märkte hat nachgelassen. Vor allem die positiven Aspekte – Fortschreitende Impfkampagnen, zumindest in den Industrieländern rückläufige Fallzahlen, mögliche Lockerungen bei den Eindämmungsmassnahmen, verbesserte Konjunktur – sind in den Kursen drin.

Es sind eher die Folgen aus der Coronakrise und deren Bewältigung, die die Märkte beschäftigen. Zum Beispiel: Wie hoch und wie nachhaltig wird der derzeitige Inflationsanstieg ausfallen? Sind es mehr als Basiseffekte? Und was heisst das für die Zinsen?

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Neben der Inflations-Thematik gibt es weiter Aspekte, die für unruhigere Märkte sorgen könnten. So etwa die Steuerdebatten in den USA zur Finanzierung der riesigen Fiskal-Pakete und zur Einführung einer globalen Mindeststeuer für Unternehmen.

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Oder Diskussionen über ein Tapering, also die langsamere Expansion der Geldpolitik. Das Umfeld ist zwar noch immer gut, aber das Potenzial scheint etwas ausgereizt. Ich rechne mit erhöhter Volatilität und kurzfristig per Saldo mit wenig veränderten Kursen.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Vorerst rechne ich wie eben gesagt mit einer Seitwärtstendenz, allenfalls begleitet von einem vorübergehenden Rücksetzer. Mit der hoffentlich baldigen Normalisierung der Coronasituation und der anhaltenden Unterstützung von Geld- und Fiskalpolitik dürften die Märkte wieder anziehen. Ein Plus von netto 5% gegenüber heute scheint in zwölf Monaten realistisch.

«Sell in May and go away» – wie zutreffend ist diese «Börsenweisheit» in diesem Jahr?
Mit meinem vorhin skizzierten Szenario könnte es dieses Jahr sogar wieder einmal aufgehen. Grundsätzlich würde ich nicht nach «Börsenweisheiten» investieren. Wer sich trotzdem an «Sell in May and go away» orientieren will, sollte aber auch den zweiten Teil beherzigen: «Remember to come back in September».

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Das Interview wurde schriftlich geführt.

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